Die fliegende Intensivstation

+
Der „Gelbe Engel“: Täglich startet seine Besatzung zu mehreren Rettungseinsätzen im Großraum Bremen.

Bremen - Von Jan Schmidt - Plötzlich ein schriller Ton: Alarm! Andreas Neulinger blickt auf seinen Pieper. „Kind nicht ansprechbar, Fieber, Bremen-Huchting“.

Noch während er liest, begibt sich der Notarzt zum Rettungshubschrauber. Er geht zügig, setzt sich nebenbei einen Helm auf. Dicht hinter ihm läuft Jochen Bokemeyer, Rettungsassistent. Von der Wache sind es nur wenige Meter. Rüdiger Engler, der Pilot, hat schon den Motor angelassen.

Unter den rasselnden Rotorblättern klettern die Ärzte in die Kabine. Sie ziehen ihre Sicherheitsgurte fest – dann hebt „Christoph 6“ ab. „Christoph 6“ ist einer von zwei Rettungshubschraubern für den Großraum Bremen. Seine Besatzung startet täglich vom Klinikum Links der Weser zu etwa fünf Einsätzen, jedoch immer witterungsbedingt.

Der „Gelbe Engel“ im Landeanflug: Täglich startet seine Besatzung zu mehreren Rettungseinsätzen im Großraum Bremen.

Es dröhnt, es wackelt. Binnen Sekunden schwebt der Helikopter in 150 Metern Höhe. Rüdiger Engler kontrolliert die Instrumente, Jochen Bokemeyer funkt neben ihm mit der Polizei. Ein Treffpunkt wird vereinbart – wie so oft bei Einsätzen in Wohngebieten. Wegen der dichten Besiedelung wäre eine Landung vor Ort zu riskant, deshalb steuert Engler Sportplätze, Grünanlagen oder ähnliche Plätze in der Nähe an. Von dort fährt eine Polizeistreife die Ärzte zur Wohnung des Patienten.

Neulinger starrt teilnahmslos aus dem Fenster, keine Spur von Nervosität in seinem Gesicht. Oben strahlt die Sonne, unten saust die Landschaft vorbei. „Treffpunkt beim Park“, tönt es über Bordfunk. Neulinger streift sich Latexhandschuhe über.

„Sicher am Boden“, meldet Engler. „Ihr könnt raus!“ Die beiden Ärzte greifen nach ihren Arztkoffern, drücken gegen die Tür und springen auf den Rasen. In kurzer Entfernung wartet ein Polizeiauto. Sie zwängen sich auf die Rückbank, sofort gibt der Beamte Gas. Reifen quietschen. Blaulicht, Sirene …

Neulinger und Bokemeyer klingeln an der Tür. Sofort öffnet eine junge Frau. Sie fuchtelt wild mit den Armen, deutet immer wieder hinter sich. Ihre Augen sind weit aufgerissen. „Was ist mit meiner Tochter? Sagen Sie doch!“ Neulinger drückt sich an ihr vorbei und beugt sich hinunter zu einem kleinen, schluchzenden Mädchen. Es ist gerade mal anderthalb Jahre alt. „Wie lange war sie bewusstlos?“, fragt der Notarzt. Vorsichtig tastet er das Kind ab. „Ich habe ihr einen Finger in den Mund gesteckt“, erklärt die Frau. „Als sie gebrochen hat, ist sie aufgewacht.“ Neulinger nickt mit dem Kopf. Er schaut die Frau an und wiederholt dann freundlich, aber bestimmt: „Wie lange war Ihr Kind bewusstlos?“ – „Vor zehn Minuten ist sie blau angelaufen, dann hat sie für etwa drei Minuten gestrampelt.“

Die junge Mutter erfährt, dass ihre Tochter wahrscheinlich einen Fieberkrampf hatte. Nichts Lebensbedrohliches, sagt der Arzt. Aber trotzdem ernst zu nehmen. Mit einem Rettungswagen wird das Kind ins nahe gelegene Klinikum Bremen-Mitte gebracht. Neulinger und Bokemeyer begleiten die Fahrt. In diesem Fall ist eine Beförderung am Boden sinnvoller, weil das Kind keine schweren Verletzungen hat. Erst dann würde die Verlegung in eine Spezialklinik per Hubschrauber in Betracht gezogen.

Obwohl der Helikopter einer fliegenden Intensivstation gleicht, transportiert er nur selten Patienten. Bei fast allen Einsätzen von „Christoph 6“ fordert die Rettungsleitstelle gleichzeitig einen Krankenwagen an. Rüdiger Engler nimmt deshalb meistens nur einen Notarzt und Assistenten an Bord. Quasi per Lufttaxi geht es zum Einsatzort und später wieder zurück zur Station. So wird für Entlastung beim bodengebundenen Rettungspersonal gesorgt: Dessen Notärzte sind oft überfordert, weil jeder von ihnen einen Bezirk mit rund 100.000 Menschen betreut. Nicht selten gibt es zwei Einsätze in unmittelbarer Nähe. Ist der Notarzt am Boden bereits im Einsatz, übernimmt das Team von „Christoph 6“. Richtig spektakuläre Notfälle, wie man sie beispielsweise aus dem Fernsehen kennt, gibt es eher selten.

Notarzt Claus Wens versorgt eine Schlaganfall-Patientin.

11.36 Uhr: Seit viereinhalb Stunden sind die Männer im Dienst. Abgesehen von dem Notruf der besorgten Mutter war ihr Tag bisher ereignislos.

Nachdem Neulinger und Bokemeyer das Mädchen überwiesen haben, holt Rüdiger Engler sie in Bremen-Mitte wieder ab. Der „Gelbe Engel“ – so werden Helikopter der ADAC-Luftrettung genannt – schwebt direkt auf das Dach des Krankenhauses. Sobald die Ärzte wieder an Bord sind, meldet sich „Christoph 6“ über Funk wieder einsatzbereit. Noch während des Heimweges könnte ein neuer Einsatz kommen … Aber heute bleibt es zunächst ruhig.

Zurück auf der Wache erledigen Engler und Bokemeyer einigen Schreibkram, während sich Neulinger eine Tür weiter zur Intensivstation begibt. Wenn er nicht gerade im Hubschrauber sitzt, hilft der Notarzt dort aus.

Durch eine Luke am Heck wird die Trage mit dem Patienten in den Hubschrauber geschoben. An Bord befinden sich alle erdenklichen medizinischen Notfallgeräte.

Erst gegen 17 Uhr nimmt Rüdiger Engler wieder einen Anruf entgegen. „Christoph 6“ wird für einen Patiententransport gebraucht. Ein 54-jähriger Mann, der am Vormittag einen Herzstillstand hatte, soll von einem Krankenhaus in Osterholz-Scharmbeck ins Klinikum Links der Weser gebracht werden. Dort erwartet ihn noch am Abend eine Herzkatheter-Untersuchung.

Auf der Osterholzer Intensivstation wird der Patient ganz behutsam auf eine Trage umgebettet. Das Ganze gestaltet sich kompliziert, weil der Mann absolut nicht kooperieren kann. Er liegt im künstlichen Koma, angeschlossen an etliche Schläuche. Eine Herz-Lungen-Maschine zischt und knackt – andere Geräte piepen. Es dauert fast eine ganze Stunde, bis der Helikopter zum Rückflug abhebt. Neulinger sitzt während des Fluges direkt am Kopf des Patienten. Kontinuierlich überprüft er die Atmung des bewusstlosen Mannes und sämtliche andere Werte, die er an Instrumenten ablesen kann. Gleich nach der Landung kommt der Mann ins Herzkatheterlabor, wo er von Spezialisten in Empfang genommen wird.

Es herrscht große Hektik, mehrere Personen in grünen und violetten Kitteln schlängeln sich aneinander vorbei, verknüpfen den Patienten mit Elektroden, schalten an Geräten herum. Jemand rückt noch schnell eine große Deckenlampe in Position.

Mit Hilfe von Röntgenstrahlen und Kontrastmitteln werden bei der Katheter-Untersuchung die Herzkammern, Herzklappen und Herzkranzgefäße dargestellt. Die Lage ist ernst für den Patienten: Ganze 45 Minuten hatte der Notarzt am Morgen reanimieren müssen, bevor die Herzmassage glückte.

Die Untersuchung beginnt. Für das Team von „Christoph 6“ ist der Einsatz an dieser Stelle beendet. Neulinger und Bokemeyer verabschieden sich: „Bis dann“, sagen sie, als sie den Raum verlassen. „Gebt uns später mal Bescheid, wie’s hier gelaufen ist.“

Weil eine Landung im Wohngebiet zu riskant wäre, steuert der Pilot freie Flächen in der Nähe an. Mit einer Polizeistreife gelangen die Ärzte zum nahe gelegenen Einsatzort.

Mittlerweile ist es draußen dunkel. Weil der Hubschrauber über keinerlei Nachtsichtgeräte verfügt, startet er ausschließlich bei Tageslicht – und auch dann nur, wenn gute Witterung herrscht. Bei prasselndem Regen oder dichtem Nebel bleibt „Christoph 6“ ebenso am Boden wie bei einer tief hängenden Wolkendecke. Die Sichtweite sollte nicht weniger als 1,5 Kilometer betragen, sonst wäre das Fliegen zu gefährlich. Um Hindernissen, beispielsweise Windkrafträdern, auszuweichen, bedarf es einer Flughöhe von 150 Metern. Windgeschwindigkeiten über 90 Stundenkilometer zwingen den Helikopter ebenfalls zu einer Pause.

Je nach Witterung und Jahreszeit variieren die Schichten des Teams zwischen acht und 14 Stunden. Fast jeden Tag fliegt eine andere Besatzung, bestehend aus Pilot, Notarzt und seinem Rettungsassistenten. In dieser Woche hat Rüdiger Engler drei Mal Dienst. Diesmal arbeitet er mit Notarzt Claus Wens und Rettungsassistent Hergen Hinken zusammen. Die Männer haben sich gerade „Guten Morgen“ gesagt, da schrillen zum ersten Mal ihre Pieper. Eine Frau ist in einer Arztpraxis umgekippt, wahrscheinlich ein Schlaganfall.

Als die beiden Ärzte den Raum betreten, sitzt die Dame aber schon wieder aufrecht auf einer Liege. Ihr Hausarzt hat sich um sie gekümmert, alle Sofortmaßnahmen eingeleitet. Mit einem Schlauch wird ihr über die Nase Sauerstoff zugeführt, damit sie besser atmen kann. Claus Wens misst ihren Blutdruck. Hier eine Spritze, dort eine Frage – Fragen über Fragen. Die Frau beantwortet sie alle mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihre Hände zittern ein wenig, genau wie ihre Stimme: „So nette Menschen. Wenn doch alle so freundlich wären. Vielen Dank, dass Ihr Euch um mich kümmert.“ Claus Wens und Hergen Hinken begleiten die Frau ins Krankenhaus Bremen-Mitte.

Ein Blick in "Christoph 6".

Auf dem Rückflug von der Arztpraxis passiert der Hubschrauber einen Baggersee. „Geh mal ein bisschen runter, Rüdiger“, funkt Claus Wens. „Mein Sohn angelt da heute.“ Prompt zieht der „Gelbe Engel“ einige Schleifen, bis am Ufer tatsächlich zwei kleine Gestalten zu erkennen sind. „Glaubst Du wohl, dass der Bengel hoch guckt? Das bedeutet eine Woche Hausarrest!“ – Allgemeines Gelächter in der Kabine … Plötzlich ein Piepen. Sofort dreht „Christoph 6“ ab zum nächsten Einsatz. Und es wird ganz bestimmt nicht der letzte sein.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt

FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt

FFP2-Maskenpflicht in Bremen: Diese Corona-Regeln gelten jetzt
Feuerwehr-Notruf in Bremen: Frau bringt Kind am Telefon zur Welt

Feuerwehr-Notruf in Bremen: Frau bringt Kind am Telefon zur Welt

Feuerwehr-Notruf in Bremen: Frau bringt Kind am Telefon zur Welt
Lieber selbstständig: 75 Jahre Land Bremen

Lieber selbstständig: 75 Jahre Land Bremen

Lieber selbstständig: 75 Jahre Land Bremen
Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten

Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten

Corona in Bremen: 2G-Plus-Regel soll bis Mitte Februar gelten

Kommentare