St. Stephani: Archäologen sichern eine Vielzahl mittelalterlicher Skelette

100 Kisten voller Knochen in Bremen

Grabungsleisterin Claudia Melisch und ihr Team stoßen bei Erdarbeiten an der evangelischen St.-Stephani-Kirche auf ungewöhnlich viele Skelette aus dem Mittelalter.
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Grabungsleisterin Claudia Melisch und ihr Team stoßen bei Erdarbeiten an der evangelischen St.-Stephani-Kirche auf ungewöhnlich viele Skelette aus dem Mittelalter.

Bremen – Vorsichtig bürsten und schaufeln Grabungsleiterin Claudia Melisch und ihre Kollegen Sand zur Seite. Ein Schädel kommt zum Vorschein, ein Brustkorb zeichnet sich ab. Die Archäologen sind damit beschäftigt, ein Grab freizulegen. Sie arbeiten auf einem Areal, das 700 Jahre lang ein Friedhof gewesen ist – der Friedhof an St. Stephani (heute: Kulturkirche).

Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) will dort die Stephani-Terrassen erweitern, den Aufgang zur Kirche zu Schlachte und Weser hin öffnen. Zuvor sind die Archäologen an der Reihe, 14 Tage haben sie noch Zeit für ihre Arbeit. Was sie bisher gefunden haben, übertrifft alle Erwartungen – vor allem, was die Menge angeht.

Neben mittelalterlichen Stadtmauerspuren kamen eine – inzwischen entschärfte – Fliegerbombe und der Minutenzeiger der Kirchturmuhr, der bei den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg hinabgefallen war, ans Licht der Gegenwart. Im August 1944 war das Stephaniviertel fast vollständig zerstört worden. Mit gewissen Folgen der Bombardierung haben nun die Archäologen zu tun.

30 unzerstörte Gräber unter den Funden an St. Stephani

Sie haben Knochen gefunden, menschliche Gebeine. 100 Kisten mit Knochen sind es bis jetzt, sagt Dr. Dieter Bischop, der bei der Landesarchäologie für die Stadt zuständig ist. Evangelische Studenten halfen dabei, die Skelettreste zu sammeln. Nun müssen sie fachgerecht untersucht und geordnet werden, um herauszufinden, um wieviele Tote es sich eigentlich handelt. Die Kriegsbomben waren es, die die Knochen derart durcheinandergewirbelt haben.

30 unzerstörte Gräber sind freigelegt worden.

Aber die Archäologen haben auch 30 unzerstörte Gräber gefunden, sagt Grabungsleiterin Melisch. Funde, die eine Zeitspanne vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit abdecken. Und die auch sonst einiges zu erzählen haben. So sind die Toten „geostet“. Wie bitte? „Sie schauen alle nach Osten“, erklärt Pastorin Diemut Meyer, die Leiterin der Kulturkirche. Christliche Kirchen sind in der Regel nach Osten ausgerichtet worden – zur aufgehenden Sonne hin; der Sonnenaufgang galt als Symbol der Auferstehung.

Skelett in Bauchlage gibt Rätsel auf

Unter den 30 unzerstörten Gräbern findet sich auch eines mit einem Skelett in Bauchlage. Was hat das zu bedeuten? Mutmaßlich ein Versehen bei einer Leichentuchbestattung, sagt Melisch. Wobei allerdings zusätzlich irritiert, dass die Unterschenkel der oder des Toten richtig herum lagen.

Gefunden haben die Archäologen Überreste nicht allein von Erwachsenen, sondern auch von Säuglingen – womöglich Frühchen, die bestattet wurden, wie Bischop vermutet. Die Stephanikirche, errichtet auf einer Erhebung der Bremer Düne, geht auf das Jahr 1139 zurück. Von Beginn an dürfte hier auch ein Friedhof gewesen sein – und das bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Aufgegeben wurde der Friedhof in der „Franzosenzeit“ (Dezember 1810 bis Oktober 1813), als Napoleon über Bremen herrschte. Napoleon verbot Bestattungen in der Altstadt aus Gründen der Hygiene.

Auf einem Mauerrest: der Zeiger der Turmuhr.

St. Stephani – 1526 und damit recht frühzeitig evangelisch geworden – war durchaus auch eine Kirche wohlhabender Menschen. Zwar waren Grabbeigaben (die auf Wohlstand hindeuten) nicht üblich. Aber die erhaltenen Griffe von Särgen lassen Rückschlüsse zu. Die Särge selbst sind „vergangen“, so Bischop. Erhalten blieben hingegen Perlmuttknöpfe – vermutlich von Totengewändern.

Skelette sollen wieder bestattet werden

Die gegenwärtige Grabung ist nicht die erste, bei der an St. Stephani Knochen, Schädel und Skelette gefunden wurden. 2015 machten Bauarbeiter und Archäologen bei Kanalarbeiten entsprechende Funde, 2016 folgten weitere. 50 Gebeine hat Pastorin Meyer im November 2016 wieder bestattet. Auch dieses Mal sollen die geborgenen Skelette nach der wissenschaftlichen Untersuchung wieder bestattet werden. Die bei den Bauarbeiten ausgehobene Erde – bislang 13 Sattelschlepper – soll auf Friedhöfe kommen. Denn auch in ihr liegen noch menschliche Knochen.

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