Kandersteg: Winterurlaub wie vor 100 Jahren

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Beim Curling schieben die Spieler Originalsteine aus der alten Zeit übers Eis. Sie sind aus schottischem Blue-Horn-Granit und wiegen fast 20 Kilo.

Den Winterurlaub in der Schweiz haben im 19. Jahrhundert die Briten erfunden. In Kandersteg im Berner Oberland erinnert sich im Januar ein ganzes Dorf mit einer Belle-Époque-Woche daran. 

Beim Nostalgie-Bobrennen flitzen die Teilnehmer mit originalen und nachgebauten Holzschlitten die Naturbobbahn hinab.

Es dampft in der winterlichen Kälte, wenn die alte Lok in den Bahnhof von Kandersteg einfährt. Den holzvertäfelten Waggons entsteigen Herren mit Melone, Gehrock und Spazierstock, Damen in bodenlangen Kleidern, Capes und federgeschmückten Hüten. Auch viele der Wartenden auf dem Bahnsteig tragen Kleidung wie vor hundert Jahren. Willkommen zur Belle-Époque-Woche!

Die Zeitschleuse in die glamouröse Vergangenheit liegt im Untergeschoß der Dorfkirche: der Fundus für historische Garderobe. Mit den neuen, alten Kleidern am Leib grüßen sich die Menschen auf der Straße plötzlich, es wird gelächelt und genickt, Hüte werden gelüftet. “Die Stimmung der Kandersteger ist in der Belle-Époque-Woche besonders gut, die Leute sind offener und entspannter“, erzählt Paul Breitschmid vom Organisationskomitee. “Sie scheinen plötzlich alle Zeit der Welt zu haben.“

Das 1200-Seelen-Dorf Kandersteg liegt im Berner Oberland.

Umgeben von der Kulisse des Blüemlisalphorns ziehen Gäste und Einheimische auf Schlittschuhen ihre Runden auf der Natureisbahn, viele in historischer Garderobe. Einige Kanderstegerinnen haben monatelang ihre stoffreichen Kleider unter Anleitung selbst genäht. “Wir haben eigens alte englische Schnittmuster bestellt“, erklärt die Schneiderin Gaby Rieder in einem bodenlangen Kostüm.

Die Idee zur Belle-Époque-Woche kam Jerun Vils, als er das ewige “früher, das waren noch Zeiten!“ wieder einmal hörte. “Na, dann machen wir es eben wie früher“, beschloss der Tourismusdirektor von Kandersteg, im Gehrock mit Zylinder.

Der Begriff Belle Époque bezeichnet die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Vor allem Briten reisten damals in die Schweiz und hielten sich oft wochenlang in den Bergen auf.

Zum geschichtlich korrekten Tagesablauf des Winterurlaubs gehört die Curlingpartie am Vormittag.

Die Zeit drängt. Gleich beginnt das Nostalgie-Bobrennen. Seit etwa 1900 gibt es in Kandersteg eine Naturbobbahn. Auf einem Bob sitzen vier Personen eng aneinander gedrängt. “Damals war das für Männer eine der wenigen Möglichkeiten, mit fremden Frauen unverfänglich auf Tuchfühlung zu gehen“, erzählt Marcus Schmid vom Oldiebob-Club Bivio schmunzelnd. Schon gibt der Pilot das Kommando zur Abfahrt. Der Bob gleitet durch den verschneiten Wald immer schneller den Berg hinunter, in rasanter Fahrt an den jubelnden Zuschauern vorbei.

Früher genossen es die adligen und betuchten Gäste, im Urlaub ihre gesellschaftliche Rolle ablegen zu können. Die Schweiz schien dafür ideal geeignet, weil es dort keinen Adel gab, der auf die Einhaltung der einengenden Regeln pochte.

Die Gäste von heute folgen dem damaligen Tagesablauf. Dazu gehört vormittags eine Curlingpartie unter freiem Himmel mit den Originalsteinen aus der alten Zeit.

In der Nostalgiewoche schnallen sich auch Urlauber alte Holzbretter mit Zugbindung unter die Füße. Bremsen ist mit ihnen schwer: Sie haben keine Stahlkanten.

Das sportliche Vergnügen mit der nachhaltigsten Wirkung, das von den Briten importiert wurde, war aber sicherlich das Skifahren. “Es begann damit, dass ein Engländer seinem Bergführer ein Paar Ski schenkte“, erzählt Vreni Agostini, die Dorfführungen macht. In der Nostalgiewoche schnallen sich auch Urlauber die alten Holzbrettern mit Zugbindung unter die Füße. Sie wurden auf Dachböden und in Museen gefunden. Viel Lust auf Nostalgie ist notwendig, um sich damit auf das kleine Skigebiet beim Oeschinen-See zu wagen.

“Bremsen ohne die üblichen Stahlkanten ist schwer“, berichtet Adrian von Känel, der zum ersten Mal auf uralten Skiern steht oder das zumindest versucht. “Die Notbremsung findet also auf dem Hinterteil statt.“

Der Höhepunkt der Woche ist der große Belle-Époque-Ball im Hotel Victoria Ritter. Knisternde Aufregung liegt in der Luft. Üppige Ballkleider rascheln, Champagner-Gläser klirren im historischen Jugendstilsaal. Die Illusion funktioniert.

Von Daniela David, dpa

DIE REISE-INFOS ZU KANDERSTEG

ANREISE: Mit dem Auto erreicht man Kandersteg über die Autobahn von Bern in Richtung Thun-Spiez, dann auf der Nationalstraße bis nach Kandersteg. Mit dem Flugzeug empfiehlt sich die Anreise nach Zürich oder Bern. Die Flughäfen werden von mehreren deutschen Städten direkt angeflogen.

VERANSTALTUNG: Die nächste Belle-Epoque-Woche findet vom 22. bis zum 29. Januar 2012 statt. Als Vorbereitung für die zwei Bälle werden in der Woche Tanzkurse angeboten. Es empfiehlt sich, das eigene Kostüm mitzubringen, vor allem die Ballgarderobe. Für das historische Bobrennen können sich noch Teams anmelden.

Mehr Infos unter www.myswitzerland.com/de/home.html

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