Schweden am laufenden Band

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Urlaub an einem langen ruhigen Fluss: wie im Film zieht die schwedeische Bilderbuch-Kulisse bei einer Schiffreise auf dem Göta-Kanal vorbei.

Eine Schifffahrt auf dem Göta-Kanal ist so ziemlich die entspannteste Art, die Bilderbuchlandschaften des südlichen Schwedens zu erleben.

Wer freilich alle Sehenswürdigkeiten entlang der berühmten Wasserstraße „mitnehmen“ will, für den kann es manchmal auch ganz schön hektisch werden, wie das Protokoll von Autorin Stefanie Wegele zeigt.

Nostalgie-Reise: Schleusentreppe von Berg

Das Schilf verneigt sich vor den Reisenden auf dem Göta-Kanal – unser Schiff saugt die Pflanzen in Zeitlupe unter Wasser und richtet sie wieder auf, wenn es vorüber ist. Am Ufer ziehen gemächlich große Bäume, sattgrüne Wiesen und rot angemalte Häuser vorbei.

Eine Fahrt mit einem historischen Schiff auf dem Göta- Kanal, der 190 Kilometer langen Wasserstraße quer durch Südschweden, ist eine Zeitreise in doppelter Hinsicht: Man wird zurückversetzt in die Vergangenheit und muss sich viel Zeit nehmen, um die Stille auf sich wirken zu lassen. Das ist die eine Variante.

Die andere ist all inclusive – nämlich inklusive aller Sehenswürdigkeiten – und beginnt mit einem akribisch ausgearbeitetem Programm, das uns die schwedenblonde Reiseleiterin Jessica vorlegt. „Dazwischenkommen darf da nix“, denke ich mir.

Elche suchen im Ikea-Land

Mittwoch, 17.15 Uhr: Die Fähre „Peter Pan“ aus Travemünde legt in Trelleborg, der südlichsten Stadt Schwedens, an. 324 Kilometer sind es von hier nach Jönköping am südlichsten der fünf Seen, die durch den Göta-Kanal miteinander verbunden sind. Per Bus geht es zunächst nach Markaryd. Auf der Fahrt halten wir nach Elchen Ausschau, schließlich ist das hier Ikea-Land, wie man uns sagt. Ganz in der Nähe hat Ingvar Kamprad 1943 Schwedens berühmtes Möbelhaus gegründet.

Um kurz vor 22 Uhr sehe ich dann meinen ersten Elch, allerdings auf dem Teller im Restaurant. Und der war vorher acht Stunden im Ofen. Lecker. Obwohl es noch nicht dunkel ist (Mittsommer), geht’s ab ins Hotelbett (Ikea-Stil). Am nächsten Tag müssen wir früh weiter.

Sich einfach treiben lassen

Donnerstag, 8 Uhr: Abfahrt in Richtung Kanal mit Zwischenstopp an einer typisch schwedischen Western Ranch. Das Frühstück dort ist üppig, die Ranch urig, der Cowboy gutaussehend. Schnell noch ein paar Fotos – und weiter. Doch der Bus springt nicht an. Der blonde Cowboy-Schwede gibt Starthilfe. Der Zeitplan ist aus dem Ruder. Erst um 12 Uhr kommen wir im Streichholzmuseum in Jönköping an. Ein kurzer Besuch muss aber sein, es ist schließlich das einzige Zündholzmuseum der Welt. 

  • 13.30 Uhr: Abfahrt nach Karlsborg an der Mündung des Göta-Kanals in den Vätternsee. Schnell noch ein Besuch der trutzigen Festung, dann geht’s an Bord der MS Wilhelm Tham, einem der drei historischen Schiffe auf dem Göta-Kanal. Es wurde 1912 erbaut und steht unter Denkmalschutz. Das Schiff ist ein Paradies für Nostalgiker. Schwere, rot-goldene Vorhänge zieren die Fenster, Stühle und Bänke sind samtig-dick gepolstert.
Der Göta-Kanal verbindet die königliche Hauptstadt Stockholm an der Ostsee und die Hafenstadt Göteborg an der Westküste.

Ich beziehe meine Kabine, genauer gesagt: mein Kabinchen. 25 davon gibt es, 48 Personen können maximal auf der Wilhelm Tham mitfahren.

Mein Bett ist 60 Zentimeter breit und 1,80 Meter lang, daneben passt mein Koffer, dann ist die Kabine voll. Meine Arme kann ich nicht ganz ausstrecken zwischen der linken und der rechten Wand. Es gibt ein Waschbecken, Duschen und Toiletten sind auf dem Gang.

Wir gleiten über den Vättern, Schwedens zweitgrößten See. Auf dem offenen See können wir neun Knoten fahren, erklärt Kapitän Kenneth. Auf dem Weg von Göteborg nach Stockholm müssen die historischen Schiffe allerdings auch etliche schmale Stellen passieren. Dort muss die Geschwindigkeit auf zwei Knoten gedrosselt werden, denn es ist so eng, dass zwischen Schiff und Mauer keine Handbreit mehr dazwischen passt.

  • 19 Uhr: Die Wilhelm Tham legt in Motala, der „Hauptstadt des Göta-Kanals“ an. Hier wurde 1810 der erste Spatenstich für den Kanal gemacht. Wir besuchen das Motormuseum. Motola gilt als die Wiege der schwedischen Industrialisierung.
  • 22 Uhr: Nachtruhe auf dem Schiff. Ich versuche in meiner Mini-Kabine schnell einzuschlafen, denn um 4.30 Uhr soll die Wilhelm Tham ablegen.

Schwedische Traumlandschaften zum Frühstück

Nostalgie-Reise

200 Jahre alt und immer noch ein technisches Wunder: 18,8 Meter überwindet der Göta-Kanal an der Schleusentreppe von Berg Insgesamt passieren die Schiffe auf der Kreuzfahrt zwischen Stockholm und Göteborg 66 Schleusen. Foto oben: Historisches Werbeplakat für eine Kanalfahrt.

Freitag 6.30 Uhr: Überraschend ausgeschlafen verlasse ich mein Kabinchen und gehe an Deck. Das Schiff gleitet ruhig auf dem Borensee dahin, rote Schwedenhäuser ziehen am Ufer vorbei, Radfahrer winken uns zu, als sie uns auf dem Weg neben dem Kanal überholen. Unser Zeitplan hat eine Breitseite abbekommen. Hakan, der Schleusenwärter, hat verschlafen. Statt um 4.30 hat er erst um 5.30 Uhr die Klappen geöffnet. Den Reisenden auf dem Schiff ist das egal. Zeit spielt für sie keine Rolle. Beim Frühstück treffe ich ein irisches Ehepaar, Mitte 50. Was sie so den ganzen Tag an Bord machen, vier Tage lang, frage ich sie. „Wir genießen es, einfach mal nichts zu tun“, erklären sie mir. „Wir werden hier rundum bedient und das Essen ist vorzüglich.“ Das stimmt, das Essen ist tatsächlich hervorragend, was angesichts der Mini-Küche umso erstaunlicher ist.

  • 10.30 Uhr: Unsere Reiseleiterin wird schon in Berg anlegen. Dank Schleusenwärter Hakan können wir aber noch eine Stunde schwedische Traumlandschaft an uns vorbeiziehen lassen.
  • 11.30 Uhr: Ankunft in Berg, schnell schießen wir ein paar Fotos von den 15 hintereinander liegenden Schleusen, die das Schiff hier passiert. Spektakuläre 42 Höhenmeter werden dabei insgesamt überwunden.
  • 14.45 Uhr: Eil-Rundgang durch die mittelalterliche Stadt Vadstena mit einem Kloster und einer imposanten Kirche im Zentrum. Ein wunderschöner Fleck Erde, direkt am Vätternsee. Nur eine Stunde zum Schauen – wir müssen noch ins Naturreservat.
  • 16.30 Uhr: Halbstündige Wanderung durch das Naturreservat Omberg, ein Zauberwald mit bis zu 200 Jahre alten Tannen und Flechten, die anderswo schon vom Aussterben bedroht sind. Dann geht’s weiter nach Linköping.
  • 19 Uhr: Einchecken im Hotel Ekoxen neben dem schönsten Park der Stadt. Abendessen im Restaurant Stangs Magasin, laut dem schwedischen Restaurantführer White Guide Östergötlands bestes Restaurant. Persönliche Beurteilung: White Guide hat recht.

Freilicht Museum und Zuckerstangen

Samstag, 8 Uhr: Abfahrt zum Freilichtmuseum Gamla außerhalb von Linköping, in dem sich Gegenwart wunderbar mit Historie mischt. 90 Häuser, zum Teil mehr als 250 Jahre alt, wurden hier wieder aufgebaut. Aber Gamla ist kein Museum, sondern eine kleine Stadt mit Cafés, einer Post und einer Feuerwehr. Gamla lebt. Von den Touristenscharen lassen sich die Menschen, die hier wohnen, nicht stören.

  • 10 Uhr: Es geht schon wieder weiter. In Gränna, einem malerischen Städtchen am Vätternsee, wartet eine Zuckerstangenfabrik auf unseren Besuch. Wir liegen im Zeitplan, ein Mittagessen ist auch noch drin. Wegen der vielen Süßigkeiten könnte es freilich auch ausfallen.
  • 13 Uhr: Abfahrt nach Rashult, dem Geburtsort des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné (1707 – 1778), der den Pflanzen ihren lateinischen Namen gab. Das Umfeld seines Geburtshauses macht dem Botaniker noch heute alle Ehre. Ein Paradiesgärtchen – überall blüht es in den schönsten Farben.
  • 17 Uhr: Mit dem Bus geht es zurück nach Trelleborg und zur Fähre, die uns nach diesem schwedischen Schnelldurchgang zurück zur Fähre nach Travemünde bringt. Auf der Überfahrt, in meiner Kabine, schließe ich die Augen. Im Schlaf sehe ich große Bäume, sattgrüne Wiesen und rot gestrichene Häuser an mir vorüberziehen. Ich denke an das irische Ehepaar auf der Wilhelm Tham. „Einfach mal nichts tun müssen“, haben sie gesagt. Gerne, ich wäre jetzt bereit dafür.

DIE REISE-INFOS ZUM GÖTA-KANAL

REISEZIEL Schwedens „Blaues Band“, ein von Hand gegrabener Kanal, verläuft quer durch das Land und verbindet die beiden größten Städte Schwedens: die königliche Hauptstadt Stockholm an der Ostsee und die Hafenstadt Göteborg an der Westküste. 22 Jahre wurde an dem Kanal gebaut, heuer jährt sich der erste Spatenstich zum 200. Mal. Das Kanalmuseum in Motala, wo der erste Spatenstich erfolgte zeigt eine Sonderschau zur Baugeschichte des Kanals.

ANREISE Zum Beispiel mit der Fähre der TT-Line ab Travemünde oder Rostock nach Trelleborg, Kosten ca. 115 Euro. Buchungen und Informationen unter www.ttline.com oder unter Tel. 04502-80181.

SCHIFFFAHRT Auf dem Göta-Kanal: Dertour bietet eine viertägige Reise (drei Übernachtungen auf dem Schiff) ab Göteborg/bis Stockholm (oder in entgegengesetzter Richtung) in einer Zwei-Bett-Kabine an Bord eines historischen Göta-Kanal-Schiffs mit Vollpension und Ausflügen ab 1025 Euro an. Die Reise ist auch für sechs Tage buchbar. Die Route ist dann identisch, aber die Anlegezeiten des Schiffs sind länger und im Programm sind mehr Besichtigungen enthalten.

REISEZEIT Schiffstouren auf dem Göta-Kanal sind bis 12. September buchbar und dann wieder ab Mai 2011.

REISETYP Für Aussteiger und Sehleute, die das Leben an einem langen ruhigen Fluss einmal an sich vorbeiziehen lassen wollen.

KANAL PER RAD Ein alter Treidelpfad folgt noch heute dem Verlauf des Göta-Kanals. Eine siebentägige Tour mit dem Rad entlang des Göta-Kanals ab/bis Borensberg über Badstena, Motala und Linköping mit sechs Übernachtungen in einfachen Hotels inklusive Frühstück, Leih-Fahrrad (7-Gang) und Gepäckbeförderung kann bei Dertour ab 879 Euro gebucht werden.

INFO/BUCHUNG Im Reisebüro, unter www.dertour.de und unter 01805-337666 (14 Cent/Minute aus dem dt. Festnetz).

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