Namibia: Geschichten wie Sand am Meer

+
Landschaften, die Leidenschaften wecken: Namibia Mooses’ Wrack-Kunst am Rand des Namib-Naukluft-Parks.

Namibia ist einem fremd und vertraut zugleich: große Weite, wilde Welt und im krassen Kontrast das gutbürgerliche deutsche Erbe, das noch überall spürbar ist.

Volker Ufertinger fand im Land zwischen Ozean und Wüste Geschichten wie Sand am Meer.

Weißwürste in Windhoek

Nein, es ist keine Sinnestäuschung. Auf der Tafel vor dem Supermarkt steht tatsächlich „Heute frische Weisswürste“, derweil die Sonne Afrikas schon um acht Uhr morgens mit Urgewalt vom Himmel brennt. Als ich vor zehn Stunden in Frankfurt in den Flieger gestiegen bin, wusste ich, dass Namibia als ehemalige Kolonie deutsch geprägt ist. Aber gleich so? Ich marschiere in die klimatisierte Bäckerei von Windhoek und lasse mir mein Weißwurstfrühstück schmecken. Es ist fast wie daheim.

Kerzen im Kühlschrank

Kerstin von der Onjala-Lodge

Wer weiß, wie Kerstin Wenzels Leben verlaufen wäre, hätte sie nie die Fernsehserie „Daktari“ gesehen. Die Welt des Tierarztes Dr. Marsh Tracy auf der Wameru Tierstation, sein Leben mit dem Löwen Clarence und den vielen anderen Tieren haben in Kerstin die Afrika-Sehnsucht geweckt. Heute kümmert sie sich um die – meist deutschen – Gäste der Onjala-Lodge eine knappe Autostunde von Windhoek entfernt. Sie sagt: „Afrika ist meine Heimat geworden.“ Nur an Weihnachten überfällt sie das Heimweh nach Deutschland. Dann legt sie die Kerzen in den Kühlschrank, sonst schmelzen sie. Ausgerechnet der Dezember ist in Namibia der heißeste Monat.

Meditation für die Augen

Die Namib-Wüste nach einem Regentag

Eigentlich ist die Namib-Wüste eine der trockensten Regionen der Erde. Doch in diesem Jahr regnete es so viel wie schon lange nicht mehr. Am Abend ballen sich am Himmel gewaltige Wolken zusammen, in der Nacht prasselt der Regen mit Getöse auf die Wellblechdächer, und aus dem roten Sand der Namib sprießt das Silbergras. Das ist gut für die Antilopen, sie werden daran noch lange zu fressen haben. Das ist aber auch schön für uns. Der Metallschimmer der Ebene und das Kobaltblau des Himmels ist unser ständiger Begleiter auf der Reise. Das ist Meditation für die Augen.

Big Mama hält Hof

Big Mama ist alt. Aber sie hält noch immer gerne Hof. Big Mama ist eine Sanddüne, und die Touristen stehen Schlange, um sich an ihrer Schönheit zu berauschen. Sie erwartet ihre Verehrer am Ende des so genannten Sossusvleis, einer von Namib-Sand umschlossenen Salztonpfanne (= Vlei) im Namib-Naukluft-Nationalpark. Man besucht Big Mama am besten schon bei Sonnenaufgang, weil sie da besonders intensiv schimmert, goldgelb, orange und ziegelrot, je nach Einfall des Lichts. Auf dem schmalen Kamm von Big Mama stapfen wir aufwärts, in Socken, denn der Sand heizt sich unter der Morgensonne schnell auf. 20 Minuten und 135 Höhenmeter später stehen wir oben, genießen die Aussicht über die Gipfel der umgebenden Dünen. Und dann? Stürzen wir uns abwärts, wobei Big Mama einem mit ihren Wüstensand die Beine kitzelt.

Apfelkuchen und Autowracks

Der Tankstellenbesitzer Moose McGregor hatte Anfang der 90er Jahre eine ziemlich gute Idee: Mitten in der staubigen Wüste fing er an, für seine Kunden saftigen Apfelkuchen zu backen. Seither pilgern die Menschen massenweise in die kleine Siedlung Solitaire am Rande des Namib-Naukluft-Parks, um zu tanken und Kuchen zu essen und die Autowracks zu bewundern, die Moose außerdem noch sammelt und malerisch in die Wüste stellt.

Überleben in der Wüste

In dieser Höhle hielten sie sich versteckt. Eine Feuerstelle, eine Steinplatte und eine Wand, die sie vor den kalten Nachtwinden schützte: Das war das karge Zuhause von Henno Martin und Hermann Korn, die in die Wüste gingen, weil sie mit der mordenden Menschheit nichts zu tun haben wollten. Es war Ende der 30er Jahre, als die beiden deutschen Geologen in Namibia untertauchten. Nach Nazi-Deutschland wollten sie nicht zurück. Also flohen sie in den Kuiseb Canyon, führten ein Urzeitleben, schlugen sich als Jäger und Fallensteller durch. Und immer wieder diskutierten sie die Frage, was die Menschheit da drüben in der so genannten Zivilisation dazu antreibt, sich umzubringen. Nach zweieinhalb Jahren mussten sie sich den Behörden stellen. Aber da war der Krieg schon fast zu Ende.

Tour d’Afrique mit Schokolade

Hardy Grüne ist Sportjournalist und unternimmt etwas völlig Verrücktes: Er erkundet den schwarzen Kontinent mit nichts als einem Fahrrad. Die Tour d’Afrique, bei der er mitmacht, fing in Kairo an und endet in Kapstadt. Innerhalb von vier Monaten muss jeder Teilnehmer des Trosses 12.000 Kilometer zurücklegen – eine absolute Grenzerfahrung. Als wir Hardy Grüne in der Nähe des Sesriem Canyon treffen, hat er gerade sein Zelt für die Nacht aufgestellt. Er ist ausgemergelt, aber glücklich. „Die letzten Monate haben mich verwandelt, ich denke nicht an gestern und an morgen.“ Sein einziges Aufputschmittel ist Schokolade. Diesbezüglich ist Namibia das Paradies, sagt er. „Es gibt hier mehr als ein Dutzend Sorten.“

Belindas Wort-Akrobatik

Tourguide Belinda an den Felsenhöhlen von Twyfelfontein

Belinda (38) gehört zum Stamm der Damara. Sie trägt eine schlichtbraune Uniform und erläutert mit einem milden Lächeln die geheimnisvollen Felsgravuren von Twyfelfontein. Man weiß nicht, wer es war, der da die Umrisse von Elefanten, Löwen und anderen Tieren in den roten Stein geritzt hat (vielleicht Belindas Vorfahren?). Und man weiß auch nicht wann (möglicherweise vor 5.000 Jahren). Aber ebenso interessant wie die Zeichnungen sind Belindas Worte. In der Sprache der Damara kommen nämlich Klicklaute vor. Um einen Elefant zu bezeichnen, schnalzt Belinda mit der Zunge gegen den Gaumen und fügt ein „uap“ hinzu. Zum Spaß wiederholt sie das Wort, das in den Ohren ihrer Zuhörer beinahe akrobatisch klingt, ein paar Mal. Ein Tourist schaltet die Aufnahmefunktion seines iPhones ein. „Das“, sagt er, „muss ich daheim meinen Kindern vorspielen.“

Flamingo-Ballett am Strand

Die Flamingos an der Walvis Bay

Wer Namibia besucht, kann die Badehose getrost zu Hause lassen. Die Benguela-Strömung spült von der Antarktis her eiskalte Fluten an die Küste. Der 1.000 Kilometer lange Strand ist öde und unwirtlich, kurz: ein Paradies für Vögel. In der Bucht von Walvis Bay fühlen sich die Flamingos besonders wohl. Zu Hunderten stehen sie im flachen Wasser der Lagune, rennen plötzlich wie auf Kommando los und machen mit ihren langen Beinen immer größere Schritte, bevor sie sich in die Luft erheben. Einen Choreographen braucht es für dieses Flamingo-Ballett nicht. Die Natur hat ihren eigenen Rhythmus.

Versteckspiel im Tierreich

Afrika = Safari. Und Safari in Namibia = Etosha. Wer wilde Tiere sehen will, für den führt kein Weg am Nationalpark vorbei. Etosha ist die Heimat der berühmten „Big Five“ (Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Büffel). Die Chancen auf ein Rendezvous mit ihnen sind in diesem regnerischen Ausnahme-Mai allerdings denkbar schlecht. Helfen kann eigentlich nur Hanneliese Kendzia. Sie ist die Tochter des ersten Wildwarts von Etosha und hat ein Auge dafür, was sich rechts und links von der Straße zwischen Büschen und Bäumen duckt.

Wildparkführerin Hanneliese im Etosha-Nationalpark

„Löwen, wo seid ihr?“, singt Hanneliese beschwörend am Steuer unseres Safaribusses vor sich hin. Und tatsächlich, da, unter einem Baum döst ein Löwenweibchen. Atemlose Stille im Bus. Die Löwin hebt den Kopf, Sekunden nur. An Autos ist sie gewöhnt, an Kameras auch. Sie weiß genau: Autos greifen nicht an, und fressen kann man sie auch nicht. Mehr gibt es für uns nicht zu sehen von den „Big Five“ im Etosha Park. Das macht aber nichts. Neben den fünf Großen gibt es nämlich viele kleine Tiere. Linkerhand (oder, wie Hanneliese flüstert, auf 9 Uhr), posiert eine Familie von Erdhörnchen. Wie ausgestopft stehen sie da, nur das Blinzeln ihrer Augen verrät, dass sie leben. Wenig später, auf 11 Uhr, eine dicke Staubwolke, in der wir ein Rudel galoppierender Zebras erkennen.

Plötzlich eine Vollbremsung: Hanneliese hat eine schwarze Mamba entdeckt, die sich über die Straße schlängelt. Und dann bemerken wir plötzlich diese Giraffengruppe. Sie schreiten so gemächlich am Horizint, als hätten sie endlos Zeit. Eine Fata Morgana? Oder echt, wie das Weißwurstfrühstück in Windhoek. In diesem Land zwischen Wüste und Wellen weiß man das nie so genau. Hier gibt es nämlich Geschichten wie Sand am Meer.

DIE REISE-INFOS ZU NAMIBIA

Namibia ist einem fremd und vertraut zugleich

REISEZIEL Die Republik Namibia im Südwesten Afrikas ist doppelt so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur 2,1 Millionen Einwohner. Vor dem 1. Weltkrieg war Namibia deutsche Kolonie (ehem. Deutsch-Südwestafrika). Seit 1990 ist das Land unabhängig.
ANREISE Air Namibia fliegt täglich außer Mittwoch von Frankfurt nach Windhoek. Mit dem aktuellen Flamingo Winter Special kostet das Ticket inklusive Rail&Fly zwischen 20. November und 20. Dezember ab 760 Euro. Buchbar bis 30. November.
REISEZEIT/KLIMA Namibia liegt südlich des Äquators, so dass die Jahreszeiten denen in Europa entgegengesetzt sind. Allerdings spricht man nicht von Sommer und Winter, sondern von Trocken- und Regenzeit. Die Trockenzeit von Mai bis November ist für Tierbeobachtungen an und für sich am besten geeignet, weil die Tiere dann regelmäßig zu den – teils künstlich angelegten – Wasserstellen kommen.

VERANSTALTER Reiseveranstalter wie z.B. Diamir Erlebnisreisen in Dresden haben diverse Touren durch Namibia im Programm. Die 16- oder 20-tägige Reise zu den Höhepunkten Namibias mit Übernachtung in Lodges oder auf Gästefarmen kostet mit Linienflug ab/bis Frankfurt ab 3250 bzw. 3950 Euro. Termine und Buchung unter Tel. 0351/312077, www.diamir.de.

WOHNEN Naturnah und erschwinglich sind die Lodges der Gondwana-Gruppe. Es gibt sie im Etosha-Nationalpark, in Twyfelfontein, in der Kalahari, am Fish River Canyon und in Sossusvlei/Sesriem. Auf den Diamir-Reisen wird schwerpunktmäßig in Gondwana-Lodges übernachtet. Infos unter www.gondwana-collection.com.

WEITERE INFOS Namibia Tourism Board, www.namibia-tourism.com.

In diesen 10 Berufen arbeiten die glücklichsten Menschen

In diesen 10 Berufen arbeiten die glücklichsten Menschen

England hebt nach Attentat Terrorwarnstufe

England hebt nach Attentat Terrorwarnstufe

Poledance sorgt für durchtrainierte Figur

Poledance sorgt für durchtrainierte Figur

Von scharf bis süß: Die Avocado ist ein Alleskönner

Von scharf bis süß: Die Avocado ist ein Alleskönner

Meistgelesene Artikel

Das prüfen Stewardessen heimlich, wenn Sie einsteigen

Das prüfen Stewardessen heimlich, wenn Sie einsteigen

Beeindruckend: Das ist das größte Flugzeug der Welt

Beeindruckend: Das ist das größte Flugzeug der Welt

Warum Sie Ihr Flugticket nach der Reise schreddern sollten

Warum Sie Ihr Flugticket nach der Reise schreddern sollten

Wegen Tripadvisor-Bewertung: Restaurant droht Kundin mit Gefängnis

Wegen Tripadvisor-Bewertung: Restaurant droht Kundin mit Gefängnis

Kommentare