Das letzte Paradies der Blumenkinder

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Formentera - das Meer ist karibisch türkis.

Alte Kirchen, bedeutende Museen, große Architektur: Wer das auf Formentera sucht, ist an der falschen Adresse. Die kurze Liste der Sehenswürdigkeiten lässt sich locker an einem Tag abarbeiten.

Und trotzdem gibt es nicht wenige Urlauber, die es immer wieder auf die kleinste der Baleareninseln zieht. Vielleicht, weil man sich gerade ohne Kulturprogramm im einstigen Hippie-Paradies auch heute noch einfach durch den Tag treiben lassen kann.

Schwer stampft die Fähre durch die Wellen aufs offene Meer hinaus. Mächtige Wogen klatschen gegen die Stahlwand. „Gleich hast du es überstanden!“, ruft ein junger Mann in Sandalen und Leinenhosen seiner Freundin zu, die im Heck zwischen Rucksäcken und Stofftaschen kauert – und von Sekunde zu Sekunde bleicher wird. Der Freus – die Meerenge, die Formentera von der Schwesterinsel Ibiza trennt – ist nicht besonders weit, aber eine der gefährlichsten Passagen des Mittelmeeres.

Der Leuchtturm am Cap de Barbaria.

Noch in den 70ern war die Überfahrt nur bei guter Witterung möglich. Und auch heute noch unterbrechen Stürme die Linienverbindung der großen Fähren manchmal für ein paar Stunden. Eine braungebrannte Frau grinst angesichts der leidgeprüften Passagiere, die die Fähre im Hafen ausspuckt. Es ist Carmen, die auf der Insel ein paar Ferienwohnungen vermietet und ihre Gäste abholt. Sie legt ihr olivbraunes Gesicht in Lachfalten: „Der Freus ist die letzte Hürde vor dem Paradies“, sagt man bei uns. „Willkommen!“ Mag es inzwischen im Hochsommer auf Formentera so hoch hergehen wie überall am Mittelmeer – in der Nebensaison, im Frühjahr und im Herbst, ist die kleine Schwester Ibizas noch immer ein bisschen so, wie es sich die seit den 70er Jahren kommenden Stammurlauber erhoffen: Man ist unter sich. Man kennt sich. Schließlich sind es so wenig Gäste, dass man immer wieder denselben Gesichtern begegnet.

18 Kilometer lang ist die Insel

Früher führten nur Sandwege über die Insel, auf denen Fahrradfahrer unterwegs waren. Heute knattern auf den zwei großen Straßen Roller und Mietautos. Und dennoch ist auch hier noch der besondere Formentera-Duft aus Kiefern, Rosmarin und Meer zu riechen. Natürlich, die Insel hat sich verändert. Die antiken Salinenfelder, an deren Rändern früher schneeweiße Salzberge in der Sonne glitzerten, wurden zuletzt Mitte der 80er Jahre abgeerntet.

Die Inselhauptstadt San Francesc Xavier streckt sich wie ein Krake mit immer mehr Neubauten ins karge Umland. Aber an den Stränden hat immer noch jeder viel, viel Platz für sich. Dass Formentera zumindest von den ganz groben Auswüchsen des Massentourismus verschont geblieben ist, liegt auch an der Anreise, die Seefestigkeit voraussetzt.

Denn gerade mal 18 Kilometer lang ist die Insel schlicht zu klein für einen Flughafen. Alle Wege führen deshalb per Schiff in den Hafen von La Sabina. Nur eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt, und meist geht alles glatt. Doch manchmal zeigt sich, weshalb die „Freo“ genannte Passage so gefürchtet ist: Meterhohe Wellen lassen auch große Schiffe auf- und abtanzen.

Für eingefleischte Formentera-Fans gehört der Ritt über den Ozean aber genauso dazu wie die Fortbewegung auf der Insel per Fahrrad. Nur so nämlich, hautnah, kann man das Herz der Insel über das dichte Netz aus unbefestigten Seitenwege erobern, und nur mit dem Rad kann man immer wieder spontan stoppen. Um eine Gruppe Zicklein unter einem kunstvoll abgestützten Feigenbaum zu beobachten. Um ein paar große Zweige Rosmarin und Oregano für das Abendessen zu pflücken. Um im Garten einer alten Finca einer Frau in traditioneller Tracht bei der Gartenarbeit zuzusehen. Oder um auf dem Weg zum Strand innezuhalten und die grandiose Dünenlandschaft zu überblicken. Die Strände sind es, die die meisten Urlauber anziehen. Weiß und weich ist der Sand, karibisch türkis das Wasser.

Formentera

Illetas und Levante im Norden, der kilometerlange Migjorn im Süden oder der felsige Es-Carnatge-Strand an der Ostküste: An welchen es an welchem Tag geht, bestimmen auch die Windverhältnisse. Die In-Strände sind Illetas und – gleich um die Ecke – Tanga am Levante mit Edel-Strandbar. An beiden ist vor allem an den Wochenenden die Yacht-Dichte hoch. An solchen Tagen ist aber zum Beispiel der familiärere Migjorn-Strand eine entspannte Alternative. Oder man macht gleich einen Ausflug, zum Bummeln und ins Insel-Museum nach San Francesc oder auf die zwei Anhöhen der Insel, beide markiert von alten, eindrucksvollen Leuchttürmen.

Ganz im Süden fällt am Cap de Barbaria die Küste steil ins Meer hinab, während sich im Osten die Straße mühsam 200 Höhenmeter zur Mola-Hochebene hinauf windet. Hier, am stürmischen Ende der Insel steht das Denkmal für den Schriftsteller Jules Verne, der hier einen Teil seiner Geschichten spielen ließ. Im Dörfchen El Pilar de la Mola ist zweimal die Woche Hippie-markt. Er nimmt die Besucher mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Denn hier, zwischen zottelbärtigen Malern und batikbehosten Keramikerinnen kommt eine Ahnung auf, wie es damals so gewesen sein mag, als statt Pauschaltouristen noch die Blumenkinder nach Formentera kamen.

Sandra Cantzler

REISE-INFOS ZU FOMENTERA

REISEZIEL Formentera ist 18 Kilometer lang und an der schmalsten Stelle zwei Kilometer breit. Die Insel liegt, durch eine Meerenge getrennt, südlich von Ibiza. An ihrer nördlichen Spitze befinden sich Salzseen, weiße Strände in kleinen Buchten und dazwischen schroffe Felsen. Am Südende liegt das Cap de Barbaria, das Kap, das den Berbern, also Afrika zugewandt ist. Steil abfallende Klippen markieren das Ostende der Insel am Leuchtturm von La Mola.

ANREISE Über den Flughafen Ibiza. Die Fähre von Ibiza Stadt nach Formentera braucht zwischen 60 und 90 Minuten und kostet einfach etwa 17 Euro. Das Schnellboot (ca. 30 Minuten Überfahrt) kostet einfach ca. 20 Euro. Hauptverkehrsmittel auf Formentera ist das Fahrrad (ab fünf Euro pro Tag). Ein zuverlässiger Roller kostet im Schnitt ca. 20 Euro. Mietautos gibt es zwar, aufgrund der geringen Entfernungen lohnt sich die Anmietung jedoch kaum. Auf den Hauptverkehrsstraßen der Insel fahren Linienbusse.

WOHNEN Auf Formentera gibt es vom Hotel übers Hostal bis zum Ferienhaus alle Unterkunftmöglichkeiten, jedoch keine Campingplätze; wildes Campen wird empfindlich bestraft.

  • Hotel: Hostal La Savina mitten in der Hafenstadt und in der Nähe der weißen Strände des Nordens (mittlere Preisklasse).
  • Bungalow: Miguel Torres in Els Arenal, direkt am langen Migjornstrand oder nebenan die Anlage Ses Eufabietes. Pauschalangebote findet man u.a. bei Jahn Reisen oder der TUI.

LOKALE/BARS Das Café del Lago in La Savina (Avenida de Mediterrania) direkt am Salzsee Estany des Peix bietet eine romantische Aussicht auf den Sonnenuntergang zum späten Capuccino oder einer Pizza am Abend. Die Blue Bar am Platja de Mitjorn (bei Kilometer 8 abbiegen) ist geniales Strandrestaurant und szenige Chill-Out-Bar in einem mit eigener Plattenreihe; internationale, feine Küche.

SCHÖNSTEN STRÄNDE Wer sauberes Wasser, weißen Sand und wenig Wellen wünscht, der sollte sich zum Platja Illetas begeben. Zwar ist hier aufgrund zahlreicher Tagesausflügler von Ibiza meistens viel los; viele Buchten bieten jedoch Ausweichmöglichkeiten. Für Freunde kleiner, steiniger Schnorchelriffs eignet sich die Bucht von Es Caló. Hier tummeln sich teilweise selten gewordene Meeresbewohner wie Muränen. Im Süden der Insel liegt der kilometerlange Naturstrand Platja Migjorn. Stundenlange Spaziergänge sind hier ebenso möglich wie einsame Badefreuden.

Achtung: Im Sommer kann es zu saisonalen Algen-Anspülungen kommen; der Strand wird nicht gereinigt.

WANDERROUTEN Eine Route für Geschichtsinteressierte ist der alte Römerweg Camí Roma von Es Calo zur Hochebene La Mola. Am Aussichtspunkt El Mirador belohnt eine spektakuläre Aussicht alle Anstrengungen. Wem nach Abenteuer zumute ist, der kann am Cap de Barbaria zu den Höhlen unterhalb der Klippen kraxeln oder uralte Megalithgräber erkunden.

AUF DEN SPUREN DER HIPPIES

  • Sant Ferran: Die Dorfkneipe Fonda Pepe (tägl. 19.30 bis 24 Uhr) war mal Nabel der europäischen Hippiebewegung; empfehlenswerte Küche. Gleich daneben steht das Casa de libros: Die legendäre Leihbibliothek eines 1967 eingewanderten Amerikaners war jahrzehntelang geistiges Zentrum der Hippies auf Formentera. Heute gibt es die Bücherei nicht mehr.
  • Sant Francesc: Fonda Plate, Treffpunkt alter und junger Hippies in unkomplizierter Atmosphäre.
  • Hippie-Markt von El Pilar: (Sommer, Mi. & So.): Auf der Hochebene von La Mola gelegen ist dieser Hippiemarkt ein authentisches Relikt aus den Tagen der Blumenkinder. Echtes Kunsthandwerk und Live-Musik.
  • Sant Francesc: In der Innenstadt stehen bemalte Betonskulpturen eines echten Hippies – des kürzlich verstorbenen deutschen Auswanderers Schoppi; in den Seitengassen viele Kunsthandwerk- und Handarbeits-Geschäfte ehemaliger Blumenkinder.

MEHR INSEL-INFOS Spanisches Fremdenverkehrsamt, München, Tel. 089/5307-4611, Internet: www.spain.info sowie www.visitbaleares.com.
Formentera im Internet: www.fonda.de (aktuelles Forum über Inselleben, Erfahrungsberichte, Fotos, Klatsch & Tratsch und aktuelle Infos zu Flügen und Fähren); www.formentera-island.de (virtueller Reiseführer mit viel Wissenswertem und guten Literaturtipps).

Infos: Christoph Ulrich

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