Kreta jenseits der Krise

Stille am Meer: Vor allem an der Südküste – wie hier in Agia Galini – finden Besucher nach wie vor das ursprüngliche Kreta fernab vom Massentourismus.

Die Politik hat Griechenland in die Krise gestürzt: Arbeitslosigkeit, leere Staatskassen und nun bleiben die Urlauber fern. Reiseredakteur Volker Pfau sah sich vor Ort auf Kreta um.

Die Wahl fiel auf Kreta, weil es Griechenlands größte Insel ist und weil sie für das hellenische Lebensgefühl steht wie keine andere.

Judy M. Smith: Qualität ist gefragt. Die Urlauber werden aber immer preissensibler. Die faulen Hotels sind von der Krise am meisten betroffen.

Alle 20 Minuten fährt ein Boot von Plaka nach Spinalonga, steht auf der Werbetafel am Hafen. Jeder Kreta-Reiseführer weist einen Besuch auf der kleinen Felseninsel im Osten als ein unbedingtes Muss aus. Absolut sehenswert sei sie wegen der uneinnehmbaren venezianischen Festungsanlage, vielmehr aber noch wegen ihrer Vergangenheit als letzte Lepra-Station Europas. An diesem Nachmittag fahren die Boote wie angekündigt drei Mal pro Stunde die paar hundert Meter von Plaka nach Spinalonga, aber bei fast jeder Tour ist die dreiköpfige Besatzung gegenüber den zahlenden Gästen in der Mehrzahl.

Es ist ruhig auf Kreta in diesen Tagen, obwohl doch eigentlich die Hochsaison jetzt beginnt. Ausflugsboote ohne Passagiere, freie Plätze im Restaurant, leere Liegen am Strand, ausreichend Parkplätze vor den Touristenattraktionen – sind denn überhaupt Urlauber da?

 „Wir liegen bei Griechenland gerade Mal ein Prozent unter Vorjahresniveau“, sagt TUI-Pressesprecherin Romana Voet, die Buchungszahlen für Kreta wären sogar mindestens so gut wie 2009. Nach einem guten Start in die Saison folgte nach den blutigen Demonstrationen in Athen Anfang Mai ein Einschnitt – jetzt wird anscheinend wieder verstärkt gebucht, nicht zuletzt dank massiver Preissenkungen. „Der Sommer ist noch nicht abgehakt“, sagt Romana Voet.

Georgos, Rentner in Anogi: Wir sehen die Krise immer nur im Fernsehen. In unserer Tasche ist sie noch nicht angekommen, aber die Angst ist da. Ich bin 70 Jahre alt, wir versorgen uns mit unserer Landwirtschaft selbst.

Fast keinen Unterschied zum Vorjahr merkt man bei Grecotel, der größten Hotelkette Griechenlands. „Die absoluten Zahlen sind so gut wie unverändert“, sagt Judy M. Smith, stellvertretende Verkaufsdirektorin des Unternehmens. Familien werden heuer stark umworben, beispielsweise mit den neu eingerichteten Essecken für Kinder („tasty corner“), in denen der Nachwuchs den ganzen Tag lang essen und trinken kann, so viel er will – all inclusive speziell für kleine Gäste. Neue Ideen braucht das Land. „Die faulen Hotels sind von der Krise am meisten betroffen“, sagt Judy M. Smith.

Nein, das Urlaubsleben auf Kreta ist nicht mehr so, wie es einmal war, aber das ist nicht unbedingt negativ. Erfahrene Besucher registrieren Veränderungen. „Es wird viel weniger gebaut in diesem Jahr“, sagt das Ehepaar Casanova. Die beiden kommen seit über zehn regelmäßig auf die Insel, „so schön ausschlafen wie dieses Mal konnten wir schon lange nicht mehr“. Und es stehen viele Häuser und Wohnungen zum Verkauf. „Vor allem von Engländern“, sagen sie. Von Ressentiments gegenüber deutschsprachigen Touristen haben die beiden Schweizer nichts mitbekommen, „die Griechen beklagen sich aber über die schlechte Publicity in den Medien“.

Urlauber Renate und Markus Casanova: Seit zehn Jahren kommen wir nach Kreta. Die Griechen, die wir kennen, arbeiten alle sehr hart.

Niemand hört gerne Negatives über sich. Schon gar nicht so stolze Menschen wie die Griechen. Der ideale Ort, um über dieses Thema zu sprechen, ist Anogia. Die Bewohner des kleinen Dorfs in den Ausläufern des Ida-Gebirge, etwa eine Fahrstunde südwestlich von Heraklion, gelten als die selbstbewusstesten Menschen von Kreta: Angeblich besitzt jeder Mann im Ort eine Schusswaffe (obwohl das offiziell verboten ist), hat einen Bart und trägt nur schwarze Kleidung.

Manuel Taxifahrer in Heraklion: Es sind jetzt weniger Engländer auf der Insel, die spüren die Krise viel stärker als die anderen Touristen. Das Problem in Griechenland sind die Beamten. Wir einfachen Leute zahlen ohne Ende und machen die ganze Arbeit. Wenn die von der Regierung nicht vernünftig werden, geht es nicht mehr lange weiter.

Im Kafenion wird bei einem Kaffee und dem unvermeidlichen Raki über die kleinen Sorgen des Alltags und die große Politik in Athen diskutiert. „Die Berichterstattung der ausländischen Medien hat das Selbstbewusstsein der Menschen getroffen“, sagt Panos Demetriou. Demetriou ist bei TUI Service Kreta für Spezialreisen verantwortlich und gibt einen Einblick ins Seelenleben seiner Landsleute: „Die Griechen sind sehr stolz. Wir wollen die Lösung für unsere Probleme selbst finden und nicht vom Ausland bekommen.“ Und gerade nicht von den Deutschen, die hier in Anogia im Zweiten Weltkrieg ein Blutbad unter den männlichen Bewohnern angerichtet haben. Aber dieses Thema bleibt an diesem Nachmittag in den Geschichtsbüchern. Heute zählt die Gegenwart. Viele hätten Angst um ihren Job, um ihre Zukunft, sagt Panos. Dabei gehe es den Menschen auf Kreta noch deutlich besser. „Die Menschen hier haben mehr Geld, weil viele im Tourismus arbeiten.“ Nicht wenige der Arbeitskräfte stammen vom Festland. Aber auch ihm ist aufgefallen, dass mehr alte, abgemeldete Autos am Straßenrand stehen, weil deren Besitzer kein Geld mehr haben. „Es ist eine Staatskrise, nicht die Krise der Leute“, sagt Panos Demetriou. Wer vorher reich war, sei es jetzt immer noch, wer vorher arm war, habe jetzt auch nicht mehr.

Inzwischen neigt sich am Hafen von Plaka die Sonne gen Horizont, die Schatten werden länger, der Schaum auf dem Frappé ist zusammengefallen. Heute will keiner mehr nach Spinalonga, die Schiffsleute machen Feierabend. Morgen ist wieder ein neuer Tag, morgen kommen sicher wieder mehr Touristen, die Boot fahren wollen. Oder übermorgen.

REISE-INFOS ZU KRETA

REISEZIEL Die größte griechische Insel (und die fünftgrößte Insel im Mittelmeer) hat eine Fläche von rund 8200 Quadratkilometern und etwa 600 000 Einwohner.

ANREISE Während der Sommersaison fliegen mehrere Gesellschaften an unterschiedlichen Wochentagen von München nach Heraklion. Preisbeispiel: TUIfly ab 79 Euro (einfache Strecke). www.tuifly.com

WOHNEN Eine Woche im Fun Club Mikri Poli (viereinhalb Sterne) in Makrigialos kostet bei 1-2-Fly mit Flug ab/bis München und All-inclusive-Verpflegung ab 622 Euro pro Person im Familienzimmer; Kinderfestpreis (bis 14 Jahre) ab 299 Euro. Eine Woche im Grecotel Amirandes (fünfeinhalb Sterne) in Gouves kostet bei TUI mit Flug und Halbpension ab 849 Euro pro Person (im DZ). Info und Buchung im Reisebüro.

MIETWAGEN Ein Auto der Kategorie A (z.B. Chevrolet Matiz) kostet bei TUI Cars pro Tag ab 28 Euro, pro Woche ab 196 Euro (inkl. Steuern, Vollkasko, unbegrenzte Kilometer).

SEHENSWERT
KNOSSOS Das Dorf fünf Kilometer westlich von Heraklion war in minoischer Zeit die Hauptstadt. Heute können die bis zu 5000 Jahre alten Ruinen besichtigt werden. Eintritt: 6 Euro.

MATALA In den 60er Jahren wurde der kleine Ort an der Südküste zum Treffpunkt vor allem amerikanischer Hippies, die teilweise in den Felshöhlen am Strand lebten. Heute ist Matala ein fast normaler Touristenort.

SPINALONGA Von 1903 bis 1954 lebten auf der kleinen Felsinsel, auf der bis 1715 Venezianer eine Festung hielten, Leprakranke aus ganz Griechenland. Boote fahren von Elounda, Kalidon und Plaka.

AGIA GALINI Der beschauliche Fischerort an der Südküste hat sich trotz Tourismus seinen Charme bewahren können.

FESTOS Neben den Ausgrabungen von Knossos ist der minoische Palast auf der Messara-Ebene der bedeutendste archäologische Fundort der Insel. Hier wurde nur das Nötigste restauriert. Eintritt: 4 Euro.

REISETYP Ganz Griechenland auf einer Insel – Kreta bietet alles und ist ein Fall für echte Fans, die die perfekte Mischung aus Kultur und Strand suchen.

REISEZEIT Im Juli und August kann es deutlich über 30 Grad heiß werden. Im Früh­sommer und Herbst sind die Temperaturen erträglicher, im Dezember und Januar gibt es die meisten Regentage. INFO Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Pacellistr. 5, 80333 München, Tel. 089/ 22 20 35, E-mail: info-muenchen@gzf-eot.de.

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