Kanaren mit Pfiff

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Bei der Pfeifsprache „El Silbo“ benutzt man eine Hand als Schalltrichter.

San Sebastian - Wenn ein Bewohner von La Gomera seinem Nachbarn jenseits der Schlucht etwas mitteilen will, braucht er kein Handy, sondern er pfeift einfach durch Zeige- und Mittelfinger.

Wer auf der kleinen Kanareninsel La Gomera Urlaub macht, hört ab und zu dieses seltsame Pfeifen. Das Geheimnis heißt „El Silbo“ und ist eine Pfeifsprache, die nur noch hier existiert. El Silbo, zu Deutsch „der Pfiff“, ist eine Sprache mit eigenen Lauten, die als Pfiffe in bestimmten Tonhöhen und -längen jeweils eine spezielle Bedeutung haben.

Das Sprechen in El Silbo geht im Prinzip ganz einfach: Man legt Zeige- oder Mittelfinger im spitzen Winkel in den Mund und benutzt die andere Hand als Schalltrichter. Die Töne entstehen dann mithilfe der Zunge, wenn beim Ausstoßen der Luft die Lippen gleichzeitig gespitzt oder in die Breite gezogen werden. Aus den vier Konsonanten und zwei Vokalen, aus denen die Sprache besteht, lassen sich rund 4000 Wörter bilden. Die Pfiffe erreichen eine Lautstärke von bis zu 100 Dezibel, das entspricht dem Lärm einer Autohupe! Kein Wunder, dass Nachrichten in einer derartigen Lautstärke auf der zerklüfteten Insel über Entfernungen von bis zu zehn Kilometern gehört werden können.

Bereits im 15. Jahrhundert berichteten Besucher der Kanareninsel von dieser besonderen Form der Kommunikation, die sich auch heute im Mobilfunkzeitalter noch großer Verbreitung erfreut. Seit wenigen Wochen ist El Silbo zudem als offizielle Sprache von der Multilingualen Kommission der Europäischen Union anerkannt. Früher wurde die Tradition der Pfeifsprache, die vermutlich von Einwanderern aus Marokko nach La Gomera gebracht wurde, von den Alten an die Jungen vererbt. Im vergangenen Jahrhundert wanderten jedoch viele „Gomeros“ angesichts der wirtschaftlichen Not während des Bürgerkrieges (1936–1939) und der Franco-Diktatur (bis 1975) aus, vor allem nach Lateinamerika. Die Silbo-Muttersprachler gingen der Insel fast verloren, die Einführung des Telefons tat ein Übriges. Die Inselregierung in der Hauptstadt San Sebastian führte darum 1999 El Silbo als Pflichtfach an den Schulen ein. Einmal pro Woche steht statt Rechnen oder Geschichte also Pfeifen auf dem Stundenplan. Prüfungen gibt es natürlich auch. Gepfiffen werden kann übrigens in jeder Sprache. Eine wichtige Voraussetzung gibt es jedoch: Man muss noch alle Zähne im Mund haben.

REISE-INFOS LA GOMERA

REISEZIEL Die zweitkleinste Kanareninsel ist etwa 370 Quadratkilometer groß (München: 310 Quadratkilometer) und hat rund 22 000 Einwohner. La Gomera ist ein ideales Ziel für Wanderurlauber. Auf der Insel gibt es den größten zusammenhängenden Lorbeerwald der Erde und der Nationalpark Garajonay ist Unesco-Weltnaturerbe.

ANGEBOT Alle großen Reiseveranstalter haben La Gomera im Programm. Als Unterkünfte gibt es viele Apartments und wenig Hotels.

ANREISE Auf dem Flughafen von La Gomera können nur kleine Maschinen landen. Urlauber aus Deutschland setzen meist mit der Fähre von Teneriffa über.

AUSKUNFT Spanisches Fremdenverkehrsamt, Büro München, Tel. 089/53 07 46 11, Internet: www.spaininfo.

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