Der Herr der Wüsten

+
Faszination Sand: Michael Martin bereist seit 30 Jahren die Wüsten der Welt – was manchmal recht beschwerlich sein kann.

Er ist Fotograf und Forschungsreisender und hat seit 30 Jahren alle Wüsten auf allen Kontinenten bereist. Jetzt zieht der Münchner Michael Martin Zwischenbilanz und erzählt von seinen Abenteuern, die ihn in die schönsten, aber auch die unwirtlichsten Ecken dieser Erde geführt haben.

Die erste Wüstentour kann man noch mit jugendlichem Leichtsinn erklären. Weil Michael Martin und sein Spezl Achim Mende der Meinung waren, den besten Blick auf die Sterne des Südhimmels habe man in der Sahara, stiegen die Zwölftklässler nach dem letzten Schultag vor den Sommerferien 1981 am Gersthofener Paul-Klee- Gymnasium auf ihre Mofas und gurkten von der Kleinstadt bei Augsburg bis nach Marokko.

3500 Kilometer in sechs Wochen, an deren Ende auf einer Düne im Ergb Chebbi die entscheidende Erkenntnis stand: „Wir waren der Wüste für immer verfallen.“ Die Sucht ist geblieben, und inzwischen lebt der 46-jährige Diplom-Geograf von und mit der Wüste. Er hat alle nennenswerten Trockengebiete der Welt bereist, er hat 21 Bildbände herausgegeben und vermutet, dass er über 1000 Diavorträge gehalten hat. Er gilt als Wüstenexperte und hat vor der Royal Geographical Society in London und auf der Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen referiert. Aber eines kann Michael Martin trotzdem nicht: Die Wüste am Sand erkennen. Also kein Kandidat für „Wetten, dass…“ Er hat auf seinen Reisen über 60 Döschen mit Sand in allen Körnungen und Farben gesammelt, würde aber kläglich scheitern, müsste er sie ohne Etikett identifizieren.

Leidenschaft  pur -  3500 Kilometer in sechs Wochen

„Jeder Sand ist wunderschön“, sagt Michael Martin, doch erst wenn er Menschen, Pflanzen und Tiere sehe, wisse er genau, um welche Wüste es sich handelt. „Sand wiederholt sich. Und ich erkenne eine Wüste auch nicht an den Landschaftsformen.“ Die legendäre Mofa-Tour hatte trotz ihrer Beschwernisse die Abenteuerlust eher angeheizt als gedämpft.

Schon 1982 ging’s wieder in die Sahara, dieses Mal mit dem Auto, einem 17 Jahre alten Opel Kadett, der die 10 000-Kilometer-Tour fast ohne Panne überstand. Auch auf seinen nächsten Reisen vertraute Michael Martin auf betagte Gefährte und kurvte mit VW Bus, Peugeot 504 und Nissan Patrol nach Afrika.

Dann stieg er aufs Motorrad um und merkte bald, dass man vom Zweirad aus viel schneller und leichter mit der Bevölkerung in Kontakt kommt, dass er selbst offener wurde und das Land viel intensiver erlebte. Auch der Umgang mit Behörden sei einfacher geworden: „Motorräder werden weniger kontrolliert.“ Und obendrein lassen Banditen die Zweiräder eher unbehelligt, „die können damit nichts anfangen, wahrscheinlich sogar nicht mal damit fahren“, sagt Michael Martin.

Jeder Sand ist wunderschön

Unterwegs bestimmt der Fotoapparat die Route und die Reisezeiten. Ohne Bilder geht gar nichts, schließlich lebt Michael Martin davon, dass er auf Vorträgen und mit Büchern andere Menschen an seinen Reisen teilhaben lässt. Und dafür Geld bekommt. Das Geheimnis seiner Fotos? „Ich muss ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufbauen, bevor ich die Kamera hervorholen kann“, sagt er. Dazu hat er stets ein kleines Fotoalbum mit Bildern seiner Familie dabei. Und er hatte früher immer eine Sofortbildkamera dabei, mit der er den Menschen Fotos von sich selbst schenken konnte. Relativ spät erst ist Michael Martin auf Digitaltechnik umgestiegen – und das auch nur notgedrungen. 2006 stahlen Einbrecher seine gesamte analoge Fotoausrüstung im Wert von über 50 000 Euro.

Glück im Unglück: „Meine wichtigsten Dias liegen glücklicherweise in einem Bankschließfach.“ Seither fotografiert Michael Martin zwar gezwungenermaßen, aber mit immer mehr Begeisterung digital und erfreut nun die Menschen vor Ort mit Sofortbildern aus einem Minidrucker. Schon über seine ersten Radtouren in die Alpen und natürlich von seiner Mofa-Sahara-Tour hielt er Diavorträge, denn zu seinen Reisen gehörte immer auch das Fotografieren und der Bericht darüber.

Michael Martin bereist seit 30 Jahren die Wüsten der Welt

Inzwischen bieten Vorträge und Bücher Michael Martin eine Existenz und die Basis für weitere Abenteuer, denn die Touren muss er nach wie vor selbst finanzieren. Es gebe natürlich Sponsoren, aber „das macht maximal fünf Prozent meines Reiseetats aus“, betont Michael Martin. Bei aller Planung, bei aller Erfahrung und Routine – unliebsame Überraschungen gab es immer wieder.

So merkte er beispielsweise nach einem mühevollen, achtstündigen Aufstieg zu einem Vulkankrater in Tansania, dass die Akkus der Kamera leer waren. Er stieg ab und tags darauf wieder auf („mit vollen Akkus und Ersatzakkus“). In Uganda ersetzte mitten im Busch ein hilfsbereiter Lkw- Fahrer einen ausgebrochenen Bolzen an der Karedanwelle mit einem Stück Holz – das Ersatzteil hielt bis Kenia.

Und nach einer neunmonatigen Tour wurde er an der Münchner Stadtgrenze von zwei Polizisten angehalten, die eine abgelaufene TÜV-Plakette monierten. Obwohl Michael Martin alle Wüsten der Welt besuchte, hat er noch nicht genug. „Meine Liebe zu den Wüsten ist ungebrochen“, sagt er – und wird nach dem Ende seiner sechsmonatigen Vortragstour wieder in die Wüsten aufbrechen. Sein nächstes Projekt: der Vergleich von Eis und Trockenwüsten.

V. Pfau

MICHAEL MARTIN ZITATE & ZAHLEN

REISEN IN ZAHLEN

  • Bereiste Wüsten: 40 (alle der Welt)
  • Gefahrene Kilometer: ungefähr eine Million
  • Bereiste Länder: über 100
  • Verbrauchte Reisepässe: 20
  • Tagebuch: ein einziges - Fotos helfen besser, sich selbst an winzige Details zu erinnern
  • Dias: rund eine halbe Million
  • Längste Reise am Stück: 1 Jahr
  •  Zeit im Ausland verbracht: rund 10 Jahre
  • Essen: Kaffee heiß, süß und stark, Spaghetti
  • Temperaturen: zwischen minus 20 und plus 48 Grad Celsius
  • Lieblingswüste: Sahara, die „Königin der Wüsten“ – 40 mal besucht

ZITATE & ERLEBNISSE

  • „Lieber ein Objektiv mehr einpacken als eine Ersatzhose“
  •  „Die Ruhe, die die Wüste ausstrahlt, hat mich immer angezogen. Doch der friedliche Eindruck kann täuschen.“
  • „Im Tschad waren die Reisepapiere nur gültig, wenn sie die Unterschrift des Innenministers höchstpersönlich trugen. Ich saß schon tagelang in der Hauptstadt fest, als ich mich entschloss, ihn zu Hause aufzusuchen, um endlich an seine Unterschrift zu kommen. Der Minister duschte gerade, erklärte sich dann aber bereit zu unterschreiben.“
  • „Wer ein GPS-Gerät mitführt, hat damit noch längst nicht jedes Risiko ausgeschaltet. Das Gerät gibt eine Richtung an, macht aber keinerlei Angaben dazu, ob diese Richtung überhaupt befahrbar ist.“
  • „Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich in meinem Leben draußen unter dem Wüstenhimmel verbracht habe. Es werden mehr als 1000 sein.“
  •  „Zu kämpfen hatten wir auch mit streikenden Anlassern, Kupplungen, die im Sand durchrutschten, Kühlern und Tanks, die leck geschlagen waren. Von Einheimischen lernten wir bald, solche Pannen einfallsreich zu beheben.“
  •  „Noch immer bin ich neugierig auf die Menschen und Landschaften der Wüste, noch immer freue ich mich auf die nächste Reise.“

DAS BUCHIm Verlag Frederking & Thaler ist der großformatige Bildband „Michael Martin – 30 Jahre Abenteuer“ erschienen, in dem auf 290 Seiten seine Reisen sowie viele persönliche Erlebnisse beschrieben werden. Preis: 39,90 Euro, ISBN 978-3-89405-702-2.

Das könnte Sie auch interessieren

Werbung für Abtreibung: Ein Urteil heizt alte Debatten an

Werbung für Abtreibung: Ein Urteil heizt alte Debatten an

Werder-Abschlusstraining

Werder-Abschlusstraining

Simbabwes neuer Präsident will die Wirtschaft ankurbeln

Simbabwes neuer Präsident will die Wirtschaft ankurbeln

Wow! Mats Hummels und Cathy zeigen ihre Villa - und jeder kann dort Urlaub machen

Wow! Mats Hummels und Cathy zeigen ihre Villa - und jeder kann dort Urlaub machen

Meistgelesene Artikel

Stewardess packt aus: "Ich habe schlimme Dinge miterlebt"

Stewardess packt aus: "Ich habe schlimme Dinge miterlebt"

Warum Sie vermeiden sollten, an Flughäfen auf Toilette zu gehen

Warum Sie vermeiden sollten, an Flughäfen auf Toilette zu gehen

Mehr Platz im Flugzeug: So bleibt der Sitz neben Ihnen frei

Mehr Platz im Flugzeug: So bleibt der Sitz neben Ihnen frei

Quiz: Kennen Sie die Stadt zum Flughafen-Kürzel?

Quiz: Kennen Sie die Stadt zum Flughafen-Kürzel?

Kommentare