Wandern entlang der Küste Cornwalls

Im Land der Muschelsucher

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Wie im Film, und manchmal sogar schöner: Dabei hatte man unseren Autoren Roland Wiedemann gewarnt, das Rosamunde-Pilcher-Land gebe es nur im Fernsehen.

Der South West Coast Path an der englischen Südwestküste ist 1014 Kilometer lang. Zu den schönsten Abschnitten zählen die 56 Kilometer zwischen Lamorna und St. Ives in Cornwall.

Bezaubernde Rosamunde-Pilcher-Landschaften, traumhafte Badebuchten, gemütliche Pubs und tierische Begegnungen – genau die richtige Mischung für einen Familienwanderurlaub im Land der „Muschelsucher“, wie Rosamunde Pilchers berühmtester Cornwall-Roman heißt.

Fanny (Foto: li.) und Leni auf dem South West Coast Path.

Paul legt seine Stirn in Falten. Der Chef des Commercial Hotel hat Mitleid mit seinem jüngsten Gast. „Sie ist erst fünf“, ruft Paul Lenis Eltern ins Gedächtnis. „Meine Kinder laufen höchstens zum Cape Cornwall und das auch nur unter Protest.“ Man muss wissen, dass es von St. Justs putzigem Dorfplatz mit McFaddens Metzgerei und den urigen Pubs zum stürmischen Kap gerade mal zwei Kilometer sind. Leni und ihre ältere Schwester Fanny (10) sollen dagegen heute wieder zehn Kilometer an der kornischen Küste entlangwandern, am besten ohne Gejammer.

Die verunsicherten Eltern verkürzen an diesem sonnigen Morgen – es ist unser vierter Cornwall-Wandertag – die Etappe dann doch ein wenig. Vor allem weil Paul meint, dass das, was hinter ihnen liege, im Vergleich zu dem, was folge, Kindergeburtstag sei. „Ab sofort“, warnt der fürsorgende Hotelier, „geht es auf dem South West Coast Path nur noch rauf und runter.“

Stationen wie das Minack Theatre bei Porthcurno...

Gott sei Dank hat Paul reichlich übertrieben. Wie an den anderen Tagen marschiert Leni mit ihrem Kuschelhasen im Arm munter auf dem schmalen Pfad, der stets der Küste folgt, mal leicht bergab, dann wieder mit kurzem Anstieg. Ihre Schwester motiviert sich mit dem Gedanken an den versprochenen Sandstrand am Zielort.
Täglich genießen wir die frische Seeluft vor grandioser Rosamunde Pilcher-Kulisse. Vor der Abreise waren wir noch gewarnt worden: im wirklichen Cornwall würde es gar nicht wie im Fernseh-Cornwall aussehen. Eine glatte Fehlinformation, zumindest was unser Wanderrevier, die Penwith-Halbinsel, betrifft. Wir gehen Tag für Tag durch absolut stilsicher mit Wildrosenhecken, Brombeersträuchern und Erikateppichen dekorierte Landschaften, immer entlang einer Steilküste, die dramatischer nicht sein könnte, unter uns türkisfarbenes Wasser in einsamen Buchten, die karibisch anmuten.

Aber eben nur anmuten. Fanny und Leni kreischen, als sie in Porthcurno, unserem ersten Tagesziel, ins Meer springen – nicht nur vor Glück. Wassertemperatur 16 Grad – mehr Erfrischung nach einem langen Wandertag geht nicht.

...und das Städtchen St. Ives mit seiner Robbenkolonie machen die Tour auch für Kinder kurzweilig.

Porthcurno ist eine kleine Siedlung, von der aus im späten 19. Jahrhundert Telegrafenkabel in die ganze Welt verlegt wurden. Ein Museum erinnert daran. Heute hat Porthcurno mit seinen hübschen, weiß getünchten Häusern zwei Attraktionen zu bieten: die wohl schönsten Sandstrände im gesamten Königreich und das Minack Theatre, eine von Hand in die Felsen gehauene Freiluftbühne hoch über dem tosenden Meer.

Bezaubernde Rosamunde-Pilcher-Landschaften entlang der Küste von Cornwall.

Wir sitzen mit den anderen Gästen beim Frühstück am langen Küchentisch von Chris Thorntons Rockridge House. Das ist eine liebevoll geführte Bed & Breakfast-Pension mit knarzenden Dielenböden und pastellfarben gestrichenen Zimmern. Während Chris in Strumpfsocken frischen Toast, Spiegelei, Speck und Bohnen auftischt, erzählt er vom Wetter. Draußen legt der einsetzende Nieselregen einen Grauschleier über die eben noch so farbenprächtige Szenerie. „Das wird schon“, beruhigt uns der Herbergsvater. Der Küstenstreifen entlang der Penwith-Halbinsel sei nicht nur der schönste, sondern auch der trockenste Flecken Großbritanniens. Tatsächlich reißt die dunkle Wolkendecke eine Tasse Tee später auf. Und das Wetter wird halten, nicht nur heute, auch an den anderen sieben Tagen auf dem South West Coast Path. Die Regenjacken werden trotzdem vorsorglich jeden Morgen in den Tagesrucksack gequetscht. Die Koffer marschieren uns indes voraus. Die Heinzelmännchen vom „Luggage transfer“ machen es möglich. Morgens das Gepäck an den Eingang stellen – fertig. Abends stehen die Trollis mit frischen Klamotten in der neuen Herberge in Reih und Glied da. Gesehen haben wir nie einen der hilfreichen Geister. Ein überaus familienfreundlicher Service, der den Luxus erlaubt, ein bisschen mehr Gepäck mit auf den Wandertrip zu nehmen.

Strandspielzeug zum Beispiel. Das brauchen wir am Ruhetag in Sennen Cove unweit von Land’s End, dem westlichsten Zipfel Englands. Das Fischerdorf liegt in der White Sand Bay mit einem eineinhalb Kilometer langen und bei Ebbe hundert Meter breiten Strand. Wir sind gut gerüstet für den „Full English Beachday“. Die Kinder schlüpfen in ihre neuen Neoprenanzüge und passen jetzt in ihren schwarzen Gummihäuten perfekt ins britische Strandbild. Mutter und Vater stecken die Nasen in ihre Bücher. Auch mal schön, so ein wanderfreier Tag.

Cornwalls wilder Westen: Lands End

Später ist Familienabend im Pub angesagt. Der Tresen im Old Success Inn, dem Gasthaus, das uns auch als Unterkunft dient, wird von einer mächtigen Bierzapfhahn-Batterie dominiert, an den Wänden hängen Schwarzweiß-Fotos mit Hafenansichten aus Zeiten, in denen die Menschen meilenweit zur Arbeit in die Minen laufen mussten und niemand aus Spaß die Küste entlang gewandert wären. Tischdecken gibt es nicht auf den groben Holztischen, dafür kann man durch die Sprossenfenster dem wilden Spiel der Wellen zusehen. Das Wichtigste aber: Kinder sind erlaubt, keine Selbstverständlichkeit in englischen Lokalen. Die Hamburger schmecken prima, und beim Uno-Spiel darf laut gelacht werden, ohne dass das Personal böse schaut. „Gehen wir morgen wieder in den Pub?“ wird Leni ein paar Tage später mit traurigen Augen in einem feineren Restaurant fragen. Ihre Eltern haben sie gerade das dritte Mal ermahnt, endlich ruhig sitzen zu bleiben.

Wer regelmäßig mit Kindern wandert, der weiß, wie wichtig es auch zum eigenen Wohle ist, die Motivation des Nachwuchses hochzu halten. Auf dem South West Coast Path ist das selbst über mehrere Tage möglich. Allein die sagenhaften Ausblicke auf die See, die schroffen Klippen, die Leuchttürme, die blühenden Heidelandschaften, die schmucken Häuser und was die Erwachsenenaugen sonst noch glänzen lässt, reichen dafür freilich nicht aus. Zwar sagt Fanny, sie finde „das alles schon sehr schön“. Aber sie denkt dabei vor allem an die kleinen versteckten Buchten und an Brotzeitpausen mit Bademöglichkeit.

Außerdem haben Fanny und Leni Wegbegleiter gefunden. Das sind keine Kinder, denn die sind auf dem Wanderweg eher selten anzutreffen. Die neuen Freunde tragen Schnauzer und sind ziemlich aalglatt.

Zuerst dachten wir, was da seinen Kopf beim Gwenna Head, einer gewaltigen Felsnase, aus dem Wasser streckt, sei ein Taucher. Das englische Pärchen, das mit Feldstecher bewaffnet im Gras saß, klärte uns auf. Wir sahen Robben, und wir kamen ihnen jeden Tag näher. Am nächsten in St. Ives, dem Endpunkt unserer Cornwall-Tour, wo sich die Kinder stolz mit erhobenem Daumen für das Erinnerungsfoto aufstellten.

Am Tag eins nach der Wanderwoche regnete es tatsächlich. Fanny bestand dennoch darauf, beim Bummel durch die schmalen Gassen des reizenden Städtchens, das seines besonderen Lichts wegen seit Generationen Maler anzieht und mit einem Ableger der berühmten Tate Gallery aufwartet, ihren Neoprenanzug mitzuschleppen und den Stadtstrand anzusteuern. Als dort jemand „Robben“ rief, riss sie sich die Kleider vom Leib und rannte in ihrer Schwimmhaut in die graue See. Augenblicke später tauchte prustend ein Schnauzbartträger auf, kaum zwei Meter von unserer Tochter entfernt.

Fanny erzählte noch Wochen später von der tierischen Begegnung und den herrlichen Buchten. Die wunderbaren Wege dorthin blieben meist unerwähnt. Auch Leni hat alles bestens überstanden. Wir durften für sie ins „Freundebuch“ ihrer Kindergartenkollegin „Cornwall“ unter der Rubrik „Traumurlaub“ eintragen. Wenn das der gute Paul wüsste.

Roland Wiedemann

DIE REISE-INFOS ZU CORNWALL

REISEZIEL Der South West Coast Path (SWCP) zwischen Poole und Minehead ist mit 1014 Kilometern Englands längster Fernwanderweg. Der 56 Kilometer lange Abschnitt zwischen Lamorna nahe der Küstenstadt Penzance nach St. Ives zählt zu den Höhenpunkten.

Infos: www.southwestcoastpath.com.

ANREISE Mit dem Flugzeug nach London und mit dem Zug First Great Western in fünfeinhalb Stunden nach Penzance (200 Euro für eine vierköpfige Familie für Hin- und Rückfahrt). Ticketbuchung unter www.firstgreatwestern.co.uk.

REISEZEIT Am besten Mai bis Ende September. Im Juli und August sind die Übernachtungspreise deutlich höher.

AUSRÜSTUNG Zwischen den Orten gibt es kaum Einkehrmöglichkeiten. Verpflegung gehört ebenso wie Regenjacken in den Rucksack.

WOHNEN Bed & Breakfast-Pensionen bieten Familienzimmer an, die für eine vierköpfige Familie in der Hauptsaison (Juni bis September) 150 bis 200 Euro pro Nacht (inklusive Frühstück), sonst 100 bis 120 Euro kosten. Die Küste kann dank des gut ausgebauten Bussystems auch von einem Ort aus erkundet werden. Schöner ist es aber, von Ort zu Ort zu wandern.

GEPÄCKSERVICE Für den Transport von zwei Gepäckstücken zahlt man am Tag 13 Pfund (rund 16 Euro), jedes weitere Gepäckstück kostet acht Euro. (www.luggagetransfers.co.uk).

ROUTE Die reine Gehzeit für Familien mit Kindern beträgt auf den angegebenen Etappen täglich dreieinhalb bis viereinhalb Stunden. Da der Weg immer wieder an einsamen Buchten vorbeiführt, muss aber reichlich Zeit für Spiel- und Badepausen einkalkuliert werden.

ETAPPEN

1. TAG Lamorna – Porthcurno, 8,7 Kilometer, Gehzeit (mit Kindern) ca. dreieinhalb Stunden. Wunderbare Strecke zum „Einwandern“ mit kleineren Kraxelpassagen. Unterkunft in Porthcurno: Rockridge House (www.rockridgehouseporthcurno.co.uk). Essen im Logan Rock Inn, einem gemütlichen Pub in Treen.

2. TAG Ruhetag in Porthcurno, Erholung am Strand. Eventuell Besuch im Telegraphen Museum.

3. TAG Porthcurno – Sennen Cove, 10 Kilometer, Gehzeit ca. vier Stunden. der Weg führt größtenteils durch eine blühende Heidelandschaft. Schönster Brotzeit- und Badeplatz: Ninjzal Beach. Unterkunft: The Old Success Inn (www.oldsuccess.com) mit dazu gehörigem Pub.

4. TAG Ruhetag in Sennen Cove. Baden,. lesen, Sandburgen bauen, Muscheln sammeln auf der riesigen Sandbank.

5. TAG Sennen Cove – St. Just, 9,5 Kilometer, Gehzeit ca. vier Stunden. Cape Cornwall, das Ziel des Tages, ist beim Start schon zu sehen. Übernachtung im Commercial Hotel (www.commercial-hotel .co.uk) in St. Just.

6. TAG St. Just – Morvah, 8 Kilometer, Gehzeit ca. drei Stunden. Vorbei an verfallenen Zinnminen. Der Besuch im Greevor Mine Museum, das direkt am Weg liegt, ist empfehlenswert. Vor dem Aufstieg nach Morvah ein Bad in der traumhaften Portheras Cove. Übernachtung im The Tinners Arms (www.tinnersarms.com) mit dazugehörigem Pub.

7. TAG Zennor – St. Ives, 11 Kilometer, Gehzeit ca. viereinhalb Stunden. Wohl die anstrengendste, aber auch die schönste Etappe durch eine zerklüftete Felslandschaft. Höhepunkt: der Blick auf die winzigen Felsinseln The Carracks, auf der sich Robben sonnen und um die Wette heulen. Weitere zwei Stunden Marsch bis St. Ives.

WEITERE INFOS über Cornwall: www.visitcornwall.com

(row)

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