Anders artig in Tokio

+
Eine Stadt und ihre Menschen: Tokio hat 38 Millionen Einwohner. Das oberste Gebot des Zusammenlebens auf engstem Raum ist Rücksicht.

Von Frankfurt nach Tokio sind es 9343 Flugkilometer, und der neue Airbus A380 der Lufthansa braucht dafür auf seiner Strecke über Dänemark, Schweden, Finnland und Russland exakt 10 Stunden und 55 Minuten.

Soweit die Fakten. Doch wer mal dort ist, ist noch lange nicht wirklich angekommen in der größten Metropole der Welt. Denn Tokio ist anders, wie unsere Autorin Uta Künkler feststellte. Und die Tokioter, die sind anders artig.

Nummer 22-45 hebt den Arm und stimmt einen monotonen Singsang an. 70 andere setzen unvermittelt ein. Es ist Dienstagmorgen, 5.30 Uhr, auf dem größten Fischmarkt der Welt, dem Tsukiji in Tokio. Nummer 22-45 ist ein Japaner um die 50 mit Brille und Schweißtropfen auf der Stirn. Auf seiner schwarzen Baseball-Kappe prangt ein weißes Schild mit der Nummer 22-45. Er ist Chef-Einkäufer für eine der exquisiten Restaurant- und Hotelküchen, die rohen Fisch als Spezialität auf ihrer Speisekarte haben. Seine Mission: Thunfisch.

Immer die Haltung wahren: Japaner sind nie laut und immer höflich. Sinnbild japanischer Etikette ist die Geisha.

Ihm gegenüber steht ein Auktionator auf einem Holzschemel. Er schreit, wirft Zahlen durch die Luft. Den Touristen, die eines der täglich 140 Zuschauertickets ergattert haben, erschließen sich die Auktionsregeln kaum. Wir staunen stumm. Blitzlichter sind nicht erlaubt, die Männer auf dem Tsukiji dulden keine Störung. Schließlich geht es hier um Geld, viel Geld. Anfang des Jahres hatte ein 230 Kilo schwerer Blauflossen-Thunfisch umgerechnet 121 000 Euro erzielt.

DIE GEISHA

Für den Beruf der „Unterhaltungskünstlerin“, so die wörtliche Übersetzung des Namens, werden Mädchen fünf Jahre lang ausgebildet. Sie lernen Kalligrafie (künstlerisches Schönschreiben), singen, tanzen und mehrere Musikinstrumente. Eine Geisha muss anmutig, charmant, gebildet, geistreich und schön sein – und sie muss in jeder Situation Haltung bewahren können.

Für Sekunden ist die Halle von Rufen durchdrungen. Dann hat der Thunfisch seinen Besitzer gewechselt und der nächste ist an der Reihe. Erstaunlicherweise stinkt es nicht, nicht nach den 615 000 Tonnen Fisch, die hier jährlich über die Theke gehen. Der Durchschnittsjapaner isst im Jahr gut 60 Kilo Fisch, einen Großteil davon roh.

Das sind gefühlte 59 Kilo mehr, als bei mir gewöhnlich auf dem Speiseplan stehen. Dennoch sitze ich nach der Auktion in einem der vielen kleinen Sushi-Restaurants, die sich an die Flanke des Tsukiji schmiegen, und genieße mein Fisch-Frühstück mit Ess-Stäbchen. Ich bin fünf Tage in Tokio. In dieser Zeit werde ich mein Jahrespensum an rohem Fisch erfüllt haben. Man kommt in dieser Stadt nicht drumrum.

So wenig wie man hier Menschenmassen aus dem Weg gehen kann. Japans Hauptstadt ist vor allem eines: voll und eng. Allein im zentralen Stadtgebiet wohnen 8,5 Millionen Menschen. Die Außenbezirke mit eingerechnet, ist die Metropolregion Tokio-Yokohama mit rund 37 Millionen Einwohnern die größte Stadt der Welt. 2800 Menschen leben hier pro Quadratkilometer.

Es scheint, als wolle Tokio diesem Gedränge in die Höhe entfliehen. Kaum ein Wolkenkratzer, der nicht mit seiner phänomenalen Aussicht wirbt. Dass die Städter den weiten Blick über Häuser, Straßen und Autos auf eine durchaus romantische Weise lieben, offenbart sich mir bei einem Besuch im Park Hyatt Hotel. Im 52. Stock des Hauses befindet sich die New York Bar. Deren mondäne Atmosphäre ist spätestens seit dem Oscar-prämierten Kinofilm „Lost in Translation“ weltbekannt.

Hoch gebaut: Die Häuser der Millionen-Metropole wachsen in den Himmel.

Wie im Film nehmen vor dieser Kulisse mit der berühmten Aussicht auch im wahren Leben Liebesbünde ihren Anfang. Fünf bis zehn Heiratsanträge pro Woche erleben die Hotelangestellten, erzählt Mattheos Aki Georgiou, Executive Assistant Manager im Park Hyatt. Auch jetzt sitzt da hinten ein Paar mit einem Strauß Rosen auf dem Tisch. Gleich kommt der Kniefall, denke ich. Doch Georgiou klärt mich auf: „Japaner halten nicht viel von Gefühlsbekundungen in der Öffentlichkeit.“ Kein Kuss, keine Umarmung, keine Tränen, kein Händchenhalten. „Die Benimmregeln sind hier sehr streng“, sagt Georgiou, der als Sohn griechischer Eltern in Deutschland aufgewachsen ist. „Mir kommt es vor, als ob ein Japaner morgens die Luft anhalten und den ganzen Tag nicht wieder ausatmen würde.“

Feinstes Sushi: Die japanische Küche ist eine der raffiniertesten weltweit.

Etikette und Konventionen greifen in jeden Lebensbereich. Zum Beispiel die Arbeitnehmer: Zwar stehen ihnen gesetzlich 10 bis 20 Urlaubstage im Jahr zu. Doch in diesem Land, in dem Überarbeitung eine offiziell anerkannte Todesursache ist, schöpft man diesen Anspruch nicht aus. Warum? Aus Angst vor der Kündigung? „Nicht unbedingt“, erklärt mir eine junge Angestellte. „Aber du verlierst unter den Kollegen dein Gesicht, wenn du auf deinem Urlaub bestehst.“

Das gehört also zum guten Ton. Wie so vieles in dieser Stadt. In welchem Viertel auch immer ich unterwegs bin, nirgends sehe ich jemanden, der auf dem Boden oder auf Stufen sitzt. Kein Raucher zündet sich außerhalb der auf den Bürgersteigen markierten Raucherzonen eine Zigarette an. Selbst ein paar Künstler, die sich mit Klappschemeln am friedlichen und unerwartet idyllischen Meiji-Jingu-Park um Tokios prächtigsten Shinto-Schrein niedergelassen haben, sitzen in Reih und Glied.

Hoch gelobt: Tokios Sushi-Restaurants sind die besten der Welt. 

Die kompromisslose Ordnung strahlt auch auf den Verkehr aus – für Touristen nicht das Schlechteste. Züge kennen praktisch keine Verspätung, eine rote Ampel wird auch von Fußgängern geachtet, und wäre der Linksverkehr nicht, würde ich nicht zögern, die zehnspurigen Straßen per Mietwagen zu befahren. Einzig die Entschlüsselung der Schriftzeichen auf Straßenschildern und Gebäuden stellt meinen Orientierungssinn auf die Probe. Doch solange ich noch nach dem Weg fragen kann, gibt es kein Problem. Nicht in Japan, wo Höflichkeit und Hilfsbereitschaft unanfechtbare Tugenden sind. Zweimal bitte ich den Nächstbesten um Hilfe. Beide Male bleibt es nicht beim Richtungweisen, ich werde persönlich ans Ziel geführt.

Selbst ein geschätzt etwa 80 Jahre alter Mann scheut keine Mühe. Er schleppt sich über zwei Treppen aus dem Untergeschoss des Bahnknotenpunkts Shinjuku nach oben. Meine Beteuerungen, ich würde den gewiesenen Weg schon alleine finden, lässt er nicht zu sich durchdringen. In seinem gemächlichen Tempo lotst er mich um zwei Straßenecken, um sich dann zu verabschieden – mit einer angedeuteten Verbeugung, bei der er die aneinandergelegten Hand- innenflächen an seine geneigte Stirn hebt.

Es ist diese halsstarrige Höflichkeit, die mich bezaubert und befremdet zugleich. Hier drängelt oder schubst niemand, und selbst in der gestopft vollen Metro achtet jeder darauf, den anderen nicht anzurempeln.

Diese Anständigkeit macht selbst vor dem rastlosen Nachtleben der pulsierenden Stadt nicht Halt. Als ich mit ein paar Mitreisenden noch nach Mitternacht im Szeneviertel Roppongi unterwegs bin, werben junge Männer auf der Straße für Clubs und Diskotheken. Ihr Laden sei genau der, nach dem wir suchten. Sie werden ein wenig lästig. Bis an diese Stelle kann die Szene in jeder beliebigen Stadt spielen. Doch als wir schließlich entschieden ablehnen, hören wir zum üblichen „Na, dann halt nicht“-Gemurmel noch ein unübliches „Sorry“ – und wieder werden die Hände an die geneigte Stirn gelegt.

DIE REISE-INFOS ZU TOKIO

REISEZIEL Japans Hauptstadt liegt im Osten der Insel Honshu im Pazifischen Ozean. Tokio-Yokohama ist mit rund 38 Millionen Einwohnern die weltgrößte Metropolregion.

ANREISE Seit Anfang August fliegt Lufthansa mit dem neuen Airbus A380 täglich von Frankfurt nach Tokio. Kosten: ab 819 Euro. Die japanische Fluggesellschaft All Nippon Airways fliegt Tokio ab München direkt an. Kosten: ab 863 Euro.

REISEZEIT/KLIMA Die Stadt zeigt sich während der Kirschblüte Ende März/Anfang April von ihrer schönsten Seite. Das Frühjahr (März bis Mai) und der Herbst (September bis November) bringen angenehm warme Temperaturen (15 bis 25 Grad). Drückend heiß und schwül ist es von Juni bis August. Von Dezember bis Februar können die Temperaturen bis knapp unter die Frostgrenze fallen.

ZEITVERSCHIEBUNG plus 7 Stunden (Sommerzeit), plus 8 Stunden (Winterzeit).

REISETYP Stadtvögel ohne Scheu vor Menschenmassen, Shopping-Besessene mit dickem Geldbeutel und Wolkenkratzer-Fans auf der Suche nach dem perfekten Skyline-Blick werden Tokio lieben.

WOHNEN

Suzuki Ryokan (www.itcj.jp): Traditionelles, aber skurriles kleines Ryokan (übersetzt: Reise-Gasthaus) mit klassisch japanischer Einrichtung inklusive Tatami-Matten, Futon-Betten und knarzenden Treppen. Ab 39 Euro/Pers.

Capsule Hotel Riverside (www.asakusa-capsule.jp): Eines der in Tokio weit verbreiteten sogenannten Kapselhotels mit etwa zwei Quadratmeter großen Plastikkabinen samt Matratze, Leselampe, Fernseher und Wecker. Ab 30 Euro/Pers.

Park Hyatt Tokyo (tokyo.park.hyatt.com):Luxuriöses Hotel mit einzigartigem Blick über die Stadt, der im Kinofilm „Lost in Translation“ berühmt wurde. Ab 193 Euro/Pers. Über Airtours.

SEHENSWERT Definitiv einen Besuch wert sind der größte Fischmarkt der Welt, der Tsukiji, und der Kaiserpalast Kyokyo, in dem die Kaiserfamilie lebt. Der Großstadtschungel in der größten Stadt der Welt ist am pulsierendsten auf der Shubuya Crossing im gleichnamigen Stadtviertel.

 Bei einem Aufenthalt während der Kirschblüte (März/April) sollte ein Spaziergang durch den Ueno-Park nicht fehlen. Eine Aufzug-Fahrt hinauf auf den 333 Meter in den Himmel ragenden Tokyo Tower offenbart eine atemberaubende Aussicht. Tokios höchstes Gebäude steht im Stadtteil Roppongi.

WEITERE INFOS Japanische Fremdenverkehrszentrale, Frankfurt, Tel. 069/203 53, Adresse im Internet: www.jnto.de.

Frühlingsmarkt der Freien Waldorfschule in Bruchhausen-Vilsen

Frühlingsmarkt der Freien Waldorfschule in Bruchhausen-Vilsen

Viele Tote bei Bombenanschlag auf Popkonzert in Manchester

Viele Tote bei Bombenanschlag auf Popkonzert in Manchester

Feuer auf Tankstellengelände

Feuer auf Tankstellengelände

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Mit kurzer Hose ins Büro? Zehn Outfit-Fails im Sommer

Meistgelesene Artikel

Das prüfen Stewardessen heimlich, wenn Sie einsteigen

Das prüfen Stewardessen heimlich, wenn Sie einsteigen

Wie dieses scheinbar harmlose Urlaubsfoto für Aufregung sorgt

Wie dieses scheinbar harmlose Urlaubsfoto für Aufregung sorgt

Beeindruckend: Das ist das größte Flugzeug der Welt

Beeindruckend: Das ist das größte Flugzeug der Welt

Studie: So unsicher ist Deutschland als Reiseziel wirklich

Studie: So unsicher ist Deutschland als Reiseziel wirklich

Kommentare