Unfall-Drama beim Wandern

In Bergnot auf der Trauminsel

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Die Berge ziehen viele Menschen in ihren Bann – mancher vergisst beim Wandern aber die nötige Vorsicht.

Der Spätsommer weckt bei vielen die Lust am Bergwandern – ein gesundes Training für den ganzen Körper. Doch immer wieder kommt es dabei auch zu Unfällen: Die Geschichte einer dramatischen Rettungsaktion.

Der Knochen ist wieder heil. Prof. Peter Biberthaler zeigt die OP-Narben am Bein von Rudolf Lambrecht.

Erst zeigte sie nur ihr schönes Gesicht, die Masca-Schlucht auf der Kanareninsel Teneriffa: Eine sattgrüne Bergwelt, dazwischen schroffe schwarze Felsen, die steil in den blauen Himmel ragen. „Die Landschaft war einfach überwältigend“, erzählt Rudolf Lambrecht, immer noch begeistert. Dabei liegt die Reise schon mehr als drei Jahre zurück. Mit seiner Frau war der heute 74-jährige Münchner 2010 zum Wandern auf der Vulkaninsel. Doch die Traumreise endete für ihn im OP einer spanischen Klinik.

Dabei war es nur ein kurzer Moment, in dem Rudolf Lambrecht, ein erfahrener Bergwanderer, die gewohnte Vorsicht fahren ließ. Von der Landschaft verzaubert, wurde er wohl ein wenig übermütig. Er spang von einem Felsen hinunter. „Der war nicht hoch, vielleicht ein Meter“, erzählt Lambrecht. Doch unten landete er im Matsch. Er rutschte weg, sein linkes Bein knickte um, er blieb liegen.

Was dann geschah, wird Lambrecht sein Lebtag nicht vergessen: Er versuchte, aufzustehen, seine Frau stützte ihn. Doch er konnte nicht auftreten, das Bein gab nach, knickte zur Seite weg. „Das hat hin und her geschlackert“, sagt Lambrecht. Offenbar war der Knochen gebrochen. An Weitergehen war nicht mehr zu denken. Zum Glück für das Paar erreichten kurz darauf andere Wanderer die Unfallstelle – ein Ehepaar aus England. Der Mann wollte Hilfe holen, eilte sofort einer Gruppe hinterher, die die Lambrechts kurz vor dem Unfall überholt hatte – und die ortskundige Führer begleiteten.

Die Retter müssen die Trage kippen, weil der Pfad so schmal ist

Einer von ihnen alarmierte die Rettung, ein Zweiter kehrte um, kümmerte sich um den Verletzten. Mit Stöcken und Verbänden bastelte er Lambrecht eine provisorische Schiene. Über ihnen kreiste inzwischen der Rettungshubschrauber. Er konnte nicht landen, musste die Retter ein Stück weiter oben absetzen. Sie erreichten aber bald die Unfallstelle, Lambrecht bekam starke Schmerzmittel. Noch tat ihm nichts weh. „Im Schock werden körpereigene Endorphine ausgeschütet, die den Schmerz unterdrücken“, erklärt Prof. Peter Biberthaler das Phänomen. Er ist Chefarzt der Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar und hat Lambrecht viele Monate nach dem Unfall weiterbehandelt.

Der konnte die Schmerzmittel noch brauchen: Die Rettung sollte viele Stunden dauern. Ein Trupp Feuerwehrleute musste anrücken, sie schleppten Lambrecht auf einer Trage aus dem unzugänglichen Gelände. Manchmal war der Weg so schmal, dass sie die Trage leicht kippen mussten, um zwischen den Felsen hindurchzukommen. Dann wieder führte er durch einen Bachlauf. Es dämmerte bereits, als sie einen Talkessel erreichten, über dem der Hubschrauber kreiste. Der konnte selbst hier nicht landen. Lambrecht wurde an einem langen Seil in den Hubschrauber gezogen. 40 bis 50 Meter ging es nach oben – erst jetzt war er in Sicherheit.

Der Verletzte wurde in die nächste Klinik geflogen. Er war froh, dass er vor der Reise eine Unfallversicherung fürs Ausland abgeschlossen hatte. So brauchte er die Behandlungskosten nicht vorzustrecken. Immerhin ging es um eine Operation. Die Röntgenbilder hatten gezeigt, dass Schien- und Wadenbein knapp oberhalb des Sprunggelenks gebrochen waren. Da reichte kein Gips. In einer Operation bekam Lambrecht einen langen Nagel längs ins Schienbein eingesetzt – er reichte von unterhalb des Knies bis über die Bruchstelle knapp über dem Sprunggelenk. Oben und unten wurde der Nagel mit Schrauben fest im Knochen verankert. Jetzt würde es nur noch Zeit brauchen bis der Knochen zusammenwächst.

Das linke Bein ist heute drei Zentimeter kürzer als das rechte

Doch das tat er nicht. Auf die abenteuerliche Rettung folgte eine ebenso dramatische Behandlungsgeschichte. Dank des Nagels konnte Lambrecht bald wieder gehen. Doch am Unterschenkel hatte sich eine Wunde gebildet, die nicht heilen wollte. Lambrecht ging zum Orthopäden, der schickte ihn ins Klinikum rechts der Isar. Denn Röntgenbilder zeigten: Der Knochen war auch nach Monaten nicht verheilt, die Bruchkanten lagen nicht exakt genug aufeinander. In einer Operation glätteten Chirurgen den Knochen und kürzten eine Schraube, die wohl schuld an der Wunde war.

Doch der Eingriff kam offenbar zu spät. Über die Wunde waren Bakterien tief ins Gewebe eingedrungen, hatten auch den Knochen erreicht. Der würde nicht heilen, ehe die Erreger nicht beseitigt sind, wissen die Ärzte. Auch, dass Antibiotika nicht helfen: „Sie erreichen das infizierte Knochengewebe nicht, weil es kaum durchblutet ist“, erklärt Biberthaler. Das lässt sich nur entfernen. Zwei Monate und elf OPs dauerte die Prozedur. Nagel und Schrauben wurden entfernt, befallenes Mark ausgekratzt, zerstörter Knochen entfernt.

In einem weiteren Eingriff wurden die Knochenhälften schließlich wieder verbunden. Statt eines langen Nagels im Inneren hielt den Knochen nun ein spezieller Fixateur zusammen. Das Metallgestell wird außen am Bein angebracht, Schrauben führen durch die Haut in den Knochen. Sieben Monate musste Lambrecht es am Bein tragen. Dann konnte es in einer erneuten OP entfernt werden – der Knochen war endlich zusammengewachsen.

Doch ist er jetzt drei Zentimeter kürzer. Ein Stück davon sei so zerstört gewesen, dass es entfernt werden musste, erklärt Biberthaler. Den Längenunterschied gleicht Lambrecht mit einer Einlage im Schuh und einem extra hohen Absatz aus. Auch an der Stelle der infizierten Wunde musste Gewebe entfernt werden. Um die Lücke zu füllen, wurde in einer weiteren Operation etwas Haut und darunterliegendes Muskelgewebe vom Bauch an den Unterschenkel verpflanzt. „Man spricht von einer Lappenplastik“, erklärt Biberthaler.

Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. Nur noch ein paar Narben am Bein sind zu sehen, alles ist gut verheilt. Und Rudolf Lambrecht ist froh, dass er seine Leidenschaft nicht aufgeben musste: Längst geht er wieder mit seiner Frau wandern, heute meist auf sanfteren Pfaden – und mit noch mehr Vorsicht im Gepäck als vor dem Unfall.

Von Andrea Eppner

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