Schwere Handverletzungen

Voller Einsatz für den Daumen

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Prof. Riccardo Giunta prüft den Daumenstumpf. Barbara Gruber kann ihn wieder gut bewegen.

Sie ist das wichtigste Werkzeug des Menschen: die Hand. Ist sie verletzt, scheuen Handchirurgen daher keine Mühe, ihre Funktion zu erhalten. Wie bei Barbara Gruber. Sie kann dank einer Gewebeverpflanzung mit rechts wieder zugreifen.

Barbara Gruber nimmt die blaue Manschette von ihrer rechten Hand, zieht zwei Silikonpflaster ab. Sie unterstützen die noch empfindliche Haut bei der Heilung. Handchirurg Prof. Riccardo Giunta prüft die Gelenke, die Sehnen, das Gewebe. Alles gut beweglich. Mit einem kleinen Stachelrad testet er die Empfindung. Er ist zufrieden. Auch wenn der Daumen nur noch halb vorhanden ist. Immerhin kann Barbara Gruber noch ein Glas halten, sogar einen Stift führen.

Im März war völlig unklar, ob sie mit ihrer Rechten je wieder würde zugreifen können. Ein Ruck – und der Daumen war ab. „Ich habe ihn nur noch davonfliegen sehen“, erzählt die blonde Frau. Sie erinnert sich noch genau an das Bild, als der Führstrick ihren Handschuh mitriss, in dem ihr Daumen steckte.

Zuvor hatte sie ihr junges Pferd daran in den Anhänger geführt. Sie war etwas nervös. Auch das Pferd sträubte sich, wollte nicht in die dunkle Enge. „Das Verladen ist immer ein schwieriger Moment“, sagt die erfahrene Reiterin. Um es dem ängstlichen Tier leichter zu machen, ging Barbara Gruber voraus, führte es hinter sich her. Gerade war sie unter der Bruststange durchgeschlüpft, welche die Pferde bei der Fahrt vorne abstützt, da wich das große Tier plötzlich zurück. Barbara Gruber war hinter der Stange, konnte ihm nicht folgen. Sie ließ den Führstrick los. Doch durch die blitzartige Bewegung schlang sich der flache Gurt um ihren Daumen.

Der flache Gurt zurrte sich um den Daumen und riss ihn ab

„Jeder Reiter weiß, wie stark ein Pferd ist“, sagt sie. Zügel oder Führstrick um Hand oder Finger zu schlingen, sei daher tabu. Auch Handschuhe sind wichtig. Barbara Gruber hielt sich daran. Doch hilft Vorsicht nicht immer. Wäre der Strick rund gewesen, er wäre vielleicht abgerollt. Doch der flache Gurt zurrte sich fest. Gegen die Kraft des Pferdes hatte der Finger keine Chance.

Der Strick hatte sich um den rechten Daumen geschlungen – wie hier am linken gezeigt – und ihn ausgerissen.

„Mein Daumen ist weg“, rief Barbara Gruber ihrer Freundin zu. Die legte sie sofort auf den Boden und holte Decken, um die Verletzte an dem kalten Märztag zu wärmen. „Schmerzen hatte ich keine“, erzählt sie. Auch nicht, als sie auf den Notarzt wartete, im Rettungswagen lag. „Das ist bei den meisten Patienten so“, erklärt Giunta. Obwohl die Verletzung schwer ist, fühlen sie kaum etwas davon. Man spricht auch vom Schock. „Manche ignorieren, dass sie überhaupt verletzt sind“, sagt der Handchirurg. „Ich fühlte mich allerdings ganz klar, voll bei Sinnen“, sagt Barbara Gruber.

In wenigen Minuten war der Rettungswagen da. Er brachte die Verletzte in die Notfallambulanz der Handchirurgie. Kurz nach dem Unfall lag sie schon im OP. Mehr als sechs Stunden operierte Oberarzt Dr. Thomas Holzbach, um den Daumen wieder anzusetzen. Dazu musste er Venenstücke aus dem Unterarm verpflanzen – die Gefäße des Daumens waren beim Abreißen überdehnt worden.

Zuerst sah alles gut aus: Der Daumen war durchblutet. Alle zwei Stunden kamen die Ärzte zur Kontrolle. Doch der Schaden erwies sich als zu groß. In den Tagen darauf verfärbte sich der Finger dunkel, begann abzusterben. Die Ärzte mussten ihn abnehmen. Ein größeres Stück des Daumenknochens war allerdings noch vorhanden. Der Weichteilmantel aber fehlte. „Man kann Haut nicht direkt auf Knochen verpflanzen“, erklärt Giunta. Nur wenn Gewebe darunterliegt, wird sie ernährt und kann anwachsen. Die Handchirurgen wollten den Daumenstumpf unbedingt erhalten. Ein Arzt schlug eine neue Methode vor: Der freiliegende Knochen wird dabei in einer Hautschlinge in die Leiste eingenäht. Er bleibt dann mehrere Wochen in dieser Position. Die Patientin kann den Arm dabei nicht bewegen. Langsam bilden sich Blutgefäße zwischen Haut und Daumen. So wird die Haut ernährt.

Ein Daumen in der Leiste? Für Barbara Gruber war das unvorstellbar, auch wenn das Verfahren schon erprobt ist. „Ich muss den Arzt angeschaut haben, als wäre ein Ufo gelandet“, erzählt sie lachend. Eine weitere gängige Methode: Der zweite Zeh des Fußes wird an die Hand verpflanzt und erfüllt die Funktion des Daumens. „Am Fuß fällt der fehlende Zeh kaum auf“, sagt Giunta. Doch gibt es noch einen Weg: Die Chirurgen verpflanzen einen Gewebelappen vom Zeigefinger, dazu Spalthaut vom Oberschenkel. Es funktioniert. „Ich wollte nur, dass endlich ein Stadium erreicht ist, in dem ich anfangen kann, daran zu arbeiten“, sagt Barbara Gruber. Das tut sie dann täglich: Physiotherapie und vor allem Ergotherapie in einer auf Handverletzungen spezialisierten Praxis in Pasing helfen ihr, die Hand beweglich zu erhalten. „Diese Therapien machen die Hälfte des Erfolgs aus“, sagt Giunta. Sonst entstehen Verwachsungen, der Daumen kann versteifen. „Die Hand schenkt einem nichts“, zitiert Barbara Gruber ihre Ergotherapeutin.

Zwar ist sie heute mit ihrem verkürzten Daumen recht zufrieden. Doch gibt es noch Optionen, ihn zu verlängern: „Man könnte die erste Furche zwischen Daumen und Zeigefinger vertiefen“, sagt Giunta. Die Patientin könnte dann besser zugreifen. Auch gibt es die Möglichkeit, den Knochen zu verlängern. Doch das braucht Geduld: Der Knochen wird durchtrennt und mit einem äußeren Spanner von außen langsam auseinander gezogen. Der Körper füllt den Spalt mit neuem Gewebe.

Barbara Gruber will es sich überlegen. Doch ist sie vorsichtig, im Pferdestall lauern viele Keime, die die Wunden infizieren könnten. Und das Reiten will sie keinesfalls aufgeben. Ihre Spezialität: Westernreiten. „Das kann man auch mit einer Hand“, sagt sie – ein Cowboy hält rechts nur Lasso und Revolver.

Leserfragen an Prof. Giunta: wissenschaft@merkur.de

Handverletzungen: Der Experte ist Prof. Riccardo Giunta, Chefarzt der Handchirurgie, Plastischen Chirurgie und Ästhetischen Chirurgie der Universität München.

Von Sonja Gibis

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