Zu späte Diagnose, verzögert einsetzende Therapien

Lockdown senkt Corona-Zahlen aber begünstigt zwei lebensbedrohliche Krankheiten: Arzt mit eindringlichem Appell

Der Winter-Corona-Lockdown zeigt Wirkung: Die Infektionszahlen sinken aktuell drastisch. Doch die Auflagen haben ihren Preis. Sie fördern folgende Leiden und Probleme.

  • Seit Mitte Dezember herrscht in Deutschland 2020 wieder ein strenger Lockdown, der mit geschlossenen Bars, Restaurants, Fitnessstudios, sämtlichen Freizeit-Einrichtungen und Geschäften einhergeht. Nur die Läden, die tägliche Gebrauchsgegenstände verkaufen wie Drogerie und Supermarkt dürfen öffnen.
  • Die Bürger sind zudem angehalten, nur für die nötigsten Aktivitäten das Haus zu verlassen. Dazu zählen etwa der Einkauf, Arztbesuche, der Besuch bei zu pflegenden Angehörigen oder Sport an der frischen Luft*.
  • Die Regierung hatte keinen anderen Weg als den Lockdown gesehen, um die Corona-Neuinfektionen in Schach zu halten und so das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Allerdings zeigen sich neben den positiven Folgen der Kontaktbeschränkungen wie sinkenden Infektionszahlen auch viele negative Effekte auf die Gesundheit.

Wie eine Merkur-Umfrage zeigt, fühlen sich ganze 30 Prozent von rund 34.000 Umfrage-Teilnehmern depressiv aufgrund des Corona-Lockdowns. Fast 42 Prozent geben an, dass die aktuellen Umstände ihre Laune negativ beeinflussen. Auch Studien belegen, dass psychische Probleme während eines Lockdowns zunehmen. So geht aus der NAKO-Gesundheitsstudie hervor, dass der erste Lockdown 2020 vermehrt Stress, Angst und depressive Symptome zur Folge hatte. „Viele Menschen sind zwar ängstlicher geworden und hatten leichte depressive Episoden, aber das alles in einem Maß, das nicht behandlungsbedürftig ist. Die Häufigkeit von schweren behandlungsbedürftigen Symptomen hat allerdings auch zugenommen: von 6,4 Prozent auf 8,8 Prozent“, erklärt Studienleiterin Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München. Auch eine US-amerikanische Studie belegt negative Auswirkungen von Corona-bedingten Einschränkungen auf die Psyche. In der im Fachblatt Jama veröffentlichten Studie kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Pandemie eine erhebliche Zunahme von Angstzuständen, Depressionen, Einsamkeit, häuslicher Gewalt und Medikamenten- und Drogenmissbräuchen zur Folge haben kann.

Doch nicht nur die Psyche leidet bei vielen: Auch die körperliche Gesundheit kann immens Schaden nehmen. Einfluss hat unter anderem der Fakt, dass viele Menschen den Arztbesuch scheuen, Früherkennungsuntersuchungen verschieben und aus Angst vor einer Corona-Infektion bei starken Beschwerden nicht in die Notaufnahme fahren. Im Bild-Interview warnt Prof. Volker Ragosch vom Asklepios-Klinikum Hamburg-Altona: „Wir werden am Ende wahrscheinlich mehr Tote haben, weil Menschen ihre Therapien verzögert haben“. Ein Beleg für diese These: Während des ersten Lockdowns wurden zwölf mehr Herzinfarkt-Tote gemeldet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Lesen Sie auch: Vorsicht bei Ibuprofen: Diese Dosierung verdoppelt Ihr Herzinfarkt-Risiko.

Zwölf Prozent mehr Herzinfarkte im ersten Corona-Lockdown – bei Symptomen sofort zum Arzt

So kamen hessische Forscher in einer Auswertung zu dem Ergebnis, dass es während des Lockdowns im Frühjahr 2020 zu zwölf Prozent mehr Sterbefällen durch Herzinfarkt kam. Einem Bild-Bericht zufolge hatten die Mediziner die Leichenschau-Scheine aus 26 Kliniken, die zwischen dem 23. März und dem 26. April 2020 ausgestellt wurden, mit den Todesfällen im Vorjahres-Zeitraum verglichen. 1.977 Tode von insgesamt fast 6.000 Todesfällen entfielen auf Herzinfarkte – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr, als 208 Menschen weniger an Herzinfarkt verstarben. Professor Holger Nef, stellvertretender Direktor am Universitätsklinikum Gießen und Erstautor der Studie, sagte im Bild-Interview: „Die Patienten sind während der ersten Lockdown-Phase dem Rat gefolgt, zu Hause zu bleiben. Dadurch wurden allerdings Herzbeschwerden verschleppt und, wenn überhaupt, zu spät behandelt.“ Nef appelliert an alle Bürger, Beschwerden ernst zu nehmen und zum Arzt oder in die Notaufnahme zu gehen.

„Die Tumore hatten durch Corona einfach mehr Zeit, zu wachsen“ – Krebsfrüherkennung wahrnehmen

Auch in Hinblick auf Krebserkrankungen zeichnet sich ein gefährliches Bild ab. So erklärte Gernot Marx, Sprecher des „Arbeitskreises Intensivmedizin“ der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, im Gespräch mit FOCUS Online, dass viele wichtige Krebs-OPs während des ersten Lockdowns verschoben worden sind. Rund 50.000 verschobene Operationen meldete im Sommer vergangenen Jahres allein die Deutsche Krebshilfe, wie Focus informiert. Infolge werden gefährliche Tumore erst spät erkannt, was die Heilungschancen drastisch reduzieren kann: „Wir sehen momentan deutlich mehr Menschen mit höheren Tumor-Stadien als vor der Pandemie. Die Tumore hatten durch Corona einfach mehr Zeit, zu wachsen“, zitiert Fokus Online Radioonkologe Hendrik Wolff. (jg) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Quellen: https://www.helmholtz.de/gesundheit/wie-beeinflusst-der-lockdown-die-psychische-gesundheit/

Umfrage zum Thema Corona-Lockdown

Weiterlesen: Bekannte Moderatorin stellt pikante Frage: Warum gibt es keine psychische Vorsorge-Untersuchung für alle?

So gut ist Sport für die Psyche

Laufstrecke hinter Gefängnismauern - trotzdem verschafft der Sport einen freien Kopf. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Laufstrecke hinter Gefängnismauern - trotzdem verschafft der Sport einen freien Kopf. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Kaum etwas baut Stress so gut ab wie Sport. Einige Häftlinge der JVA Plötzensee in Berlin nehmen deshalb an einem regelmäßigen Lauftraining teil. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Kaum etwas baut Stress so gut ab wie Sport. Einige Häftlinge der JVA Plötzensee in Berlin nehmen deshalb an einem regelmäßigen Lauftraining teil. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Laufen gegen Stress: Am vierten Berliner 10- km-Lauf für Gefangene konnten Häftlinge aller Berliner Vollzugsanstalten teilnehmen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Laufen gegen Stress: Am vierten Berliner 10- km-Lauf für Gefangene konnten Häftlinge aller Berliner Vollzugsanstalten teilnehmen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Den Geist durch Sport befreien: Dabei hilft Lauftherapeutin Joanna Zybon unter anderem Häftlingen in der Berliner JVA Plötzensee. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Den Geist durch Sport befreien: Dabei hilft Lauftherapeutin Joanna Zybon unter anderem Häftlingen in der Berliner JVA Plötzensee. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Auch hinter Gefängnismauern tut Sport gut. Und nicht nur der Körper profitiert, sondern auch die Psyche. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Auch hinter Gefängnismauern tut Sport gut. Und nicht nur der Körper profitiert, sondern auch die Psyche. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Mit Banane und Müsliriegel gegen den Hunger nach dem Sport: Ein Teilnehmer des vierten Berliner 10-km-Laufs für Gefangene stärkt sich in der JVA Plötzensee. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Mit Banane und Müsliriegel gegen den Hunger nach dem Sport: Ein Teilnehmer des vierten Berliner 10-km-Laufs für Gefangene stärkt sich in der JVA Plötzensee. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Lauftherapeutin Joanna Zybon feuert ihre Schützlinge beim vierten Berliner 10-km-Lauf für Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee an. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Lauftherapeutin Joanna Zybon feuert ihre Schützlinge beim vierten Berliner 10-km-Lauf für Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Plötzensee an. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl
Erinnerungsfoto nach dem Zieleinlauf - Joanna Zybon mit ihren Schützlingen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Erinnerungsfoto nach dem Zieleinlauf - Joanna Zybon mit ihren Schützlingen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn © Alexander Heinl

Rubriklistenbild: © Manuel Geisser/imago-images

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