Auf heimlicher Spritztour

Hutnadeln und Strumpfbänder statt Werkzeug, Apotheke statt Tankstelle und immer wieder schieben, schieben, schieben: Autofahren war Ende des 19. Jahrhunderts kein Vergnügen.

Den Durchbruch für das moderne Auto brachte die heimliche Fernfahrt einer mutigen Frau.

Autopionier Carl Benz kann es kaum fassen: Seine Frau Bertha hat im Morgengrauen heimlich seinen Motorwagen stibitzt, die beiden Söhne Eugen (15) und Richard (14) eingepackt und sich von Mannheim auf den rund 100 Kilometer langen Weg zur ihrer Mutter nach Pforzheim gemacht. Ihr Ehemann erfährt per Zettel auf dem Küchentisch vom Familienausflug ohne ihn.

Mit dieser ersten Fernfahrt in einem benzinbetriebenen Motorwagen am 5. August 1888 schrieben Bertha Benz und ihre Söhne Geschichte. Sie bewiesen die Alltagstauglichkeit des Fahrzeugs und verhalfen so dem modernen Auto zum Durchbruch. Carl Benz war von dieser Pionierleistung seiner Frau zunächst wenig begeistert. Denn er brauchte die gut eingefahrenen Antriebsketten des Motorwagens dringend für ein zweites Fahrzeug, das er wenig später auf einer Messe in München präsentieren wollte. Kurzerhand ließ er per Express die Ketten zurück nach Mannheim bringen und schickte Ersatz nach Pforzheim.

Stress bedeutete die große Fahrt, die bis zum Abend dauerte, aber nicht nur für den Tüftler, sondern auch für Bertha Benz selbst. Denn was im Jahr 2011 wie eine nette Sommerspritztour klingt, war vor 123 Jahren wenig bequem.

Rund 45 Kilometer nach dem Start ging den Ausflüglern zum ersten Mal der Sprit aus. Benzin wurde damals noch Ligroin genannt und als Reinigungsmittel benutzt. Verkauft wurde es in Apotheken, beim Drogisten und von Chemikalienhändlern. Als Bertha Benz in der Wieslocher Stadtapotheke nicht wie üblich ein Fläschchen, sondern gleich zwei Liter verlangte, traute Apotheker Willi Ockel seinen Ohren kaum. Seine Apotheke gilt seitdem als erste Tankstelle der Welt.

Probleme hatten die Fernfahrer auch mit der Kühlung des Motors. Bei jeder Gelegenheit füllten sie Wasser nach - in Gaststätten, an Brunnen und aus dem Straßengraben. Bergauf mussten Bertha Benz und ihre Söhne schon mal schieben. Nicht weniger abenteuerlich waren die Bergabfahrten: Die Bremsen funktionierten nur deutlich verzögert und verschlissen schnell. Ganz nebenbei erfand die Tüftlerin die Bremsbeläge: Auf der Rückfahrt ließ sie die Klötze bei einem Schuster mit Leder beschlagen.

Kleinere Schwierigkeiten löste Bertha Benz schnell und pragmatisch: Die verstopfte Benzinleitung wurde mit einer Hutnadel gereinigt und das durchgescheuerte Zündkabel mit Hilfe eines Strumpfbands repariert. . .

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