Alternativer Antrieb im Alltag

Eine Woche unter Spannung

Geduld gefragt: Das Aufladen kann schon einige Stunden dauern.

Syke -  Von Burkhard Peters. Alle reden von der Elektromobilität. Aber die wenigsten Autofahrer sind wahrscheinlich schon mal mit einem E-Auto unterwegs gewesen. Wie funktioniert der alternative Antrieb im Alltag?

Eine Woche unter unter Strom geht zu Ende. Zeit für ein Fazit. Ich gebe zu, ich habe mich ein wenig in die E-Mobilität verliebt. Einfach vor der Haustür aufzutanken, ist sehr bequem. Weil wir grünen Strom aus erneuerbaren Energien beziehen, fahre ich also fast klimaneutral. Ein cooles Gefühl. Und Stromer ziehen gut an, man ist im Ort zügig unterwegs, Fahrspaß kommt auf. Der fast unhörbare Motor und die stufenlose Automatik sorgen außerdem für Komfort. Im Alltag reicht die Batterieladung völlig aus. Die meisten Pendler legen pro Tag 30 bis 40 Kilometer mit ihrem Auto zurück, haben Untersuchungen ergeben. Für einen spontanen Ausflug ist mein E-Kangoo aber leider nicht geeignet. Bleibt die Frage nach den Kosten. Ordentlich ausgestattete Stromer im Kleinwagenformat mit Klimaanlage, Sicherheitstechnik auf dem neuesten Stand und Navigation stehen seit Neuestem schon für rund 22000 Euro in den Preislisten der Herstellen. Nicht mehr, als ich für einen etwas größeren herkömmlichen Kompaktwagen vom Schlage Golf, Astra oder Octavia mit ein paar Extras hinblättern müsste. Anderseits: Ein mit dem E-Mobil direkt vergleichbarer Kleinwagen mit Benzinmotor dürfte 5000 bis 10000 Euro preiswerter sein. Da müsste man schon ziemlich viel fahren, damit sich der Mehrpreis amortisiert. Unter dem Strich: Wer sich ein neues Auto zulegen möchte, sollte zumindest mal eine Probefahrt mit einem E-Auto wagen. Sie sind viel praxistauglicher als ihr Ruf, und auch halbwegs erschwinglich. Nun gut, kühle Rechner und Pragmatiker werden - noch - abwinken. Technikverliebte und -verrückte wie ich stehen beim Gedanken an ein E-Auto ganz buchstäblich unter Strom. Und irgendwer muss bei der Energiewende ja vorangehen.

Tag 4

Im Alltag wandert der Blick oft zur Reichweitenanzeige. Im Alltag kommt man mit 100 Kilometern meistens gut zurecht.

Ein freier Tag steht an, und ich überlege, meinen Papa zu einer Tour mit dem E-Mobil nach Bremerhaven einzuladen und lecker Fisch zu essen. Mal sehen. Der Routenplaner zeigt mit eine Distanz von knapp 90 Kilometern an. Könnte also gerade so hinkommen. Und am Fischereihafen gibt es auch eine Elektrotankstelle. Wo sich welche befinden, kann man ganz einfach im Internet und sogar über eine Smartphone-App herausfinden. Auch in dem Navigationsgerät des Kangoo sind E-Tankstellen hinterlegt. Also nichts wie los? Naja, mit der Reichweite kommen mir doch so meine Bedenken. 100 Kilometer habe ich mit einer Batteriefüllung im Ort geschafft. Auf der Landstraße oder Autobahn wird der Kangoo sicherlich mehr verbrauchen. Zumal, wenn es heiß wird und ich die Klimaanlage einschalte. Wird eng., Wahrscheinlich wird mein Auto der Saft ausgehen, bevor wir den Fischereihafen erreichen. Und auch mit der Tankstelle ist es so eine Sache. Im Kleingedruckten lese sich, dass sie nur für Kunden des örtlichen Energieversorgers mit einer Kundenkarte zu nutzen ist. Die besitze ich natürlich nicht. Und selbst, wenn sie frei zugänglich wäre: Vielleicht würde gerade ein anderer E-Mobil-Fahrer die Zapfsäule über Stunden mit seinem Stromer blockieren. Und ich bräuchte ja auch noch einmal fünf, sechs Stunden,um genug Energie für die Heimfahrt zu tanken. Ergo: Aus dem Ausflug wird nichts, schade. Hier zeigt sich eben doch eine klare Schwäche der E-Autos. Immerhin: Renault-Kunden, die ein E-Auto fahren, können sich angeblich günstig einen herkömmlichen Wagen für Ausflüge und Urlaubsfahrten mieten,verspricht die Werbung.

Tag 3

Komplizierte Technik gut versteckt: Akkus und Motor sind so angeordnet, dass im Innen- und Gepäckraum viel Platz bleibt.

An meinen neuen Flitzer habe ich mich schnell gewöhnt. Jetzt kommt der knallharte Einsatz in der Praxis. Ein typischer Sonnabend. Brötchen holen beim Bäcker. Erledige ich meistens mit dem Fahrrad, aber heute regnet es. Nach dem Frühstück bringe ich meine Frau zu einer Veranstaltung, zwischendurch besuche ich meinen Vater und fahre nach Hause. Ich hole meine Frau wieder ab, und wir müssen noch ein paar Sachen bei Bekannten im Nachbarort abliefern, bevor es erneut nach Hause geht. Oh nein, der Kühlschrank ist leer und wir brauchen dringend etwas aus dem Baumarkt. Nachmittags machen wir uns also nach Brinkum-Nord zum Einkaufen auf. Damit nicht genug: Abends fahren noch zu meinem Neffen, der zu einer Grillparty eingeladen hat, und dann machen wir uns für heute endgültig auf den Heimweg. Die Akkuanzeige sinkt fast in den roten Bereich. Aber: Ohne es zu merken, habe ich mal eben gut 100 Kilometer weggeputzt - an nur einem Tag. Renault gibt als maximale Reichweite für den Stromer 200 Kilometer an, schreibt auf seiner Webseite aber erfreulich ehrlich, dass sie im Alltag bei 80 bis 100 Kilometern liegt. Ich liege mit meinem Kangoo also absolut im Rahmen. Während der Nacht lädt der Wagen wieder komplett auf. Also alles kein Problem. Der nächste Tankstopp ist erst nach drei Tagen fällig. Für Fahrten in die Redaktion plus Abstecher zu Einkaufen reicht der Strom, eine kleine Reserve bleibt auch noch. Siehe da: Im Alltag komme ich mit der von Kritikern so oft monierten geringen Reichweite prima klar.

Tag 2

Wie funktioniert der alternative Antrieb im Alltag?

Die ersten 20 Kilometer sind geschafft. Die Tankanzeige, Entschuldigung: die Akku-Anzeige, ist schon ein wenig zurückgefallen. Vielleicht hätte ich die Klimaanlage auslassen sollen, die frisst zusätzlichen Strom. Zeit, nachzuschlagen. Mal schauen, wie das Nachtanken funktioniert. Ich nehme die Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach, und nach wenigen Seiten wird mir das Nachladen erklärt. Einfach und unkompliziert. Wäre das bei allen Anleitungen so. Mit einem geschätzt fünf Meter langen Kabel verbinde ich das Auto an der Motorhaube mit einer ganz normalen Steckdose an unserer Terrasse. Zusätzlich liegt ein weiteres Ladekabel bei, dass an speziellen Tanksäulen für die Autos zum Einsatz kommt. Wer dauerhaft ein E-Auto fährt, kann sich auch vor der Haustür eine spezielle Ladestation, eine Wallbox, einbauen lassen. Damit funktioniert das Laden etwas schneller als mit dem Haushaltsstecker. Das Kabel für eine herkömmliche Steckdose ist nämlich eher als eine Art Notlösung gedacht, erfahre ich aus der Bedienungsanleitung. Egal, ob normales Netzkabel oder Ladestation: wegen der kurzen Kabel muss der Renault immer ganz vorn in der Einfahrt parken, dort stellen auch die Kinder und meine Frau gern ihre Autos ab. Die müssen sich in den kommenden Tagen umgewöhnen.

Zwei Stunden soll der Ladevorgang dauern, zeigt mir die Anzeige am Armaturenbrett an. Pünktlich nach 120 Minuten ist der Ladevorgang abgeschlossen, ich kann das Kabel wieder aus der Steckdose ziehen und mich auf den Weg machen. Die Feuertaufe haben der Kangoo und ich also gut bestanden.

Tag 1

Ich mache die Probe aufs Exempel und bin zwei Wochen lang mit einem Elektroauto unterwegs. Die Firma Renault hat mir freundlicherweise einen Wagen zur Verfügung gestellt.

Am Freitag soll er geliefert werden. Dummerweise verpasse ich den Spediteur, der den Testwagen liefert und mich einweisen soll. Ein freundlicher Kollege nimmt den Schlüssel entgegen, aber für die erste Fahrt bin ich auf mich allein gestellt. Auf dem Parkplatz des Verlagsgebäudes muss ich ein wenig suchen. Denn bei dem Renault handelt es sich um ein auffällig unauffälliges Auto. Es ist ein Kangoo, eine Mischung aus Lieferwagen und Familienvan. Anders als andere Elektroautos handelt es sich also um ein Serienmodell, das auch mit Benzin- und Dieselmotor angeboten wird.

Burkhard Peters macht den Test. 

Ich entdecke das silbergraue Gefährt in der hintersten Ecke, drücke den Türöffner und nehme hinter dem Lenkrad Platz. Als kräftig gebauter Zwei-Meter-Mann kann ich mir es bequem machen. In manch ähnlich großen Auto geht es enger zu. Bedienung und Armaturenbrett unterscheiden sich kaum von herkömmlichen Autos. Keine Star-Trek-Atmosphäre, kein blinkendes, buntes Daumenkino. Lediglich das Navigationssystem wirkt ein wenig eigenwillig. Ich drehe den Zündschlüssel schalte das Automatikgetriebe auf R, und es passiert – nichts. Geht ja auch nicht, schießt es mir in den Kopf. Denn kein Diesel- oder Benzinmotor kann brummen. Also tippe ich vorsichtig das Gaspedal an. Und siehe da: Der Renault rollt langsam zurück. Die ersten Meter auf der Straße geht es unspektakulär voran. Der nicht eben kleine Kangoo zieht erfreulich an, Fahrspaß kommt auf. Nur die Stille irritiert ein wenig. Ein leises Surren, eine Art Mischung aus Straßenbahn und Flugzeug, ist zu hören. Sonst trübt kein Geräusch die Musik aus dem Radio.

Die erste Fahrt führt zum Wertstoffhof. Ich brauche 400 Liter Erde. Auf dem Parkplatz nimmt niemand Notiz von meinem Testwagen. Sieht ja auch aus wie eine ganz normale Familienkutsche. Erst als ich zurück setze, drehen sich ein paar Passanten um. Die geräuschlose Fahrt verstört die umstehenden Menschen. Aus Sicherheitsgründen kann ich eine Art künstliches Geräusch zuschalten. Wie das funktioniert, muss ich aber erst in Ruhe in der Bedienungsanleitung nachlesen. Also fahre ich nach Hause. Die schwere Ladung macht dem Motor nichts aus. Der Wagen fährt genau so flott wie unbeladen.

Abstimmungen über Erdogans Präsidialsystem beginnen

Abstimmungen über Erdogans Präsidialsystem beginnen

Mays Brexit-Rede ruft trotzige Reaktionen hervor

Mays Brexit-Rede ruft trotzige Reaktionen hervor

Australian Open: Kerber rettet Sieg am Geburtstag

Australian Open: Kerber rettet Sieg am Geburtstag

Mini Countryman: Die Unschuld vom Lande

Mini Countryman: Die Unschuld vom Lande

Meistgelesene Artikel

Gesuchter Bobbycar- „Falschparker“ stellt sich

Gesuchter Bobbycar- „Falschparker“ stellt sich

Drohne außer Kontrolle zwingt Autofahrer zu Vollbremsung

Drohne außer Kontrolle zwingt Autofahrer zu Vollbremsung

Storch macht Zwischenstopp auf parkendem Mini 

Storch macht Zwischenstopp auf parkendem Mini 

Sind gelbe Scheinwerfer am Auto eigentlich erlaubt?

Sind gelbe Scheinwerfer am Auto eigentlich erlaubt?

Kommentare