Attacken wie bei Hitchcock: Gehen Vögel auf Menschen los?

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Es sieht wie ein Angriff aus. Doch der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, Wikelski, geht nicht davon aus, dass die Aggressivität bei Vögeln zugenommen hat. Die Tiere kämen in ihrem Lebensraum inzwischen häufiger mit Menschen in Berührung als noch vor 20, 30 Jahren und hätten sich möglicherweise mehr an die Präsenz der Menschen gewöhnt.

Es klingt ein bisschen, wie in Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel" aus den 60er Jahren: Immer wieder ist von Krähen, Raben, Amseln oder auch Möwen zu hören, die Menschen attackiert haben sollen. Was ist bloß mit den Vögeln los?

Radolfzell - Eine Frau joggt im baden-württembergischen Öhringen durch den Wald, als sie von einem Greifvogel angegriffen wird. Das Tier fliegt von hinten an die Sportlerin heran, setzt mehrmals seine Klauen auf ihren Kopf. Rund 200 Meter lang verfolgt er die Frau, dann lässt er von ihr ab.

Von solchen Fällen - wie diesem Beispiel aus dem vergangenen Sommer - hört man immer mal wieder. Werden die Vögel etwa aggressiver? Nein, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, Martin Wikelski. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Aggressivität bei Vögeln zugenommen hat." Allerdings könne es gerade in Brutzeiten vorkommen, dass die Tiere ihre Nester verteidigen wollten. "Das ist deren normales Verhalten." Der Schaden für den Einzelnen sei aber überschaubar: "Wenn ein Star oder eine Amsel mal einen Jogger anfliegt oder ihn irgendwo hinpickt, kann man davon ausgehen, dass nichts Schlimmes passiert."

In anderen Gegenden der Welt könnten solche Vorfälle auch mal schwerwiegender sein - beispielsweise bei den Küstenseeschwalben in Island. "Da kann man nur mit einer Mütze oder mit einem Stock über dem Kopf reingehen. Die picken so stark auf den Kopf, dass es richtig wehtut und auch bluten kann. Aber bei uns ist das kein Thema."

Aber kann es bei Tieren denn grundsätzlich eine Aggressivität gegenüber dem Menschen geben? Auch das verneint Wikelski. "So etwas ist eigentlich immer eine Verteidigung." Am Bodensee sei einmal ein älterer Mann beim Rückenschwimmen gegen einen Schwan geschwommen. Dieser habe sich offenbar bedroht gefühlt und mit seinen Flügeln geschlagen - dabei erwischte er den Schwimmer so heftig am Kopf, dass der Mann bewusstlos wurde und ertrank. "Da heißt es dann, der Schwan ist so aggressiv", sagt Wikelski. "Klar kann man das in der Situation auch als Aggression werten, - aber es ist eigentlich ein Raushalten aus dem Territorium oder dem engsten Umkreis, um seine eigene Sicherheit zu gewährleisten."

Ähnlich argumentiert Thomas Giesinger vom BUND Baden-Württemberg. "Ein Vogel hat keinen Grund, einen Menschen anzufallen. Warum soll er das machen?", sagt Giesinger. "Da wird vorausgesetzt, es gebe Vögel, die eine Grundaggressivität gegen den Menschen haben - diese gibt es aber nicht. Wenn man das evolutionsbiologisch betrachtet, hätte das überhaupt keinen Sinn."

Auch der Eindruck, die Zahl der Angriffe nehme zu, lasse sich nicht belegen. "Ich glaube, dass vieles entweder übertrieben oder erfunden ist", sagt Giesinger. "Ich erinnere mich an eine Szene, die ich auch selbst miterlebt habe: Da fuhr jemand Fahrrad und eine Möwe hat ihm ein Hörnchen aus der Hand genommen. Das kann man natürlich schon als Angriff werten." Zwar finde man - wie bei allen Lebewesen - auch unter Vögeln Ausnahmen, die die Regel bestätigten: "Es gibt natürlich Einzeltiere, die irgendeinen Knacks haben." Aber deren Zahl sei viel geringer, als man annehme.

Die Vögel kämen in ihrem Lebensraum inzwischen häufiger mit Menschen in Berührung, als noch vor 20, 30 Jahren, sagt Wikelski. "Da gibt es natürlich mehr Interaktionen und ein bisschen mehr Konflikte." Allerdings sei das auch ein positives Zeichen: "Das heißt, die Vögel haben sich möglicherweise mehr an die Präsenz der Menschen gewöhnt - weil beispielsweise weniger geschossen oder auch mehr gefüttert wird."

Studien am Max-Planck-Institut für Ornithologie hätten zudem gezeigt, dass beispielsweise Amseln in Städten stressresistenter geworden sind. "Das kann man natürlich zum Teil auch als Aggressivität interpretieren", sagt Wikelski. "Wenn sie von vorbeigehenden Menschen nicht gestresst sind, schaut es so aus, als wenn der Vogel aggressiver ist: Der sitzt ja immer noch da, der schaut mich so böse an, könnte ja sein, dass der mich gleich anpickt."

dpa 

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