Die „Zwischenbeschäftigung“

Wojtek Nawrot ist Crossboccia-Meister.

Boccia oder Boule – das ist doch dieses Spiel mit den Metallkugeln. Und das wird hauptsächlich gespielt von eleganten älteren Herren in französischen und italienischen Stadtparks.

So lautet mein Vorurteil. Als ich sehe, dass mein Gesprächspartner zum Thema Crossboccia eine lässige Beaniemütze auf hat und ein Karohemd trägt, da ahne ich, dass Crossboccia wohl etwas anders ist als Boccia. Mein Gesprächspartner ist nicht irgendjemand. Wojtek Nawrot führt die Weltrangliste im Crossboccia an und hat vor Kurzem die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Der Mann kennt sich also aus.

Wojtek war zwar nicht bei der Geburt dieses Sports dabei, aber mittlerweile arbeitet er mit Tim Beelow, Erfinder von Crossboccia, zusammen in einer kleinen Agentur. Bei ihnen bekommt man die weichen Stoffsäckchen, mit denen gespielt wird – die wiegen 110 Gramm und sehen ein wenig aus wie Hacky Sacks. Wojtek und Tim organisieren die Turniere, bei denen sich Wojtek seinen Platz auf der Weltrangliste erspielt hat.

Die Grundregeln sind recht einfach, werden aber teilweise für Turniere ein wenig variiert. Eine kleine weiße Stoffkugel markiert die Stelle, an die man so nah wie möglich mit seinen Stoffbällen herankommen muss. Wer am nächsten dran landet, der bekommt einen Punkt und darf das Ziel für die nächste Runde bestimmen, also den kleinen weißen Stoffball irgendwohin werfen. Und dabei kann man Vorgaben machen. Zum Beispiel, dass jeder der Spieler durch seine Beine werfen oder dass der Ball irgendwo auftitschen muss, bevor er liegen bleibt. Oder, oder, oder.

Wojtek ist ein toller Gesprächspartner. Er ist absolut begeistert von den Möglichkeiten, die sein Sport bietet, gerade, weil er so simpel ist. „Man kann einfach überall zocken“, sagt er. Mal eben auf einem Parkplatz, im Park, im Wald, im Garten, oder „man kann vom Sofa ins Regal werfen, wenn man keine Lust hat rauszugehen“. Die Idee gefällt mir. Damit, dass Crossboccia nur eine „Zwischenbeschäftigung“ ist, hat Wojtek kein Problem.

Er ist viel bei Messen unterwegs – Wojtek war zum Beispiel kürzlich bei der Funsportmesse „Passion“ in Bremen – und trifft dort oft andere Streetsportler. Viele dieser BMX-Biker, Skater oder Traceure besitzen mittlerweile Bälle, mit denen sie zwischendurch immer wieder spielen, erzählt er. „Immer, wenn wir uns treffen, unterhalten wir uns oder spielen eine Runde“, sagt Wojtek lächelnd. Der Spaß stehe natürlich an erster Stelle für alle Spieler, „aber die Community wird immer größer, und man merkt schon, dass Punkte und Platzierungen immer wichtiger werden“. Seit etwa zweieinhalb Jahren touren Wojtek und Tim mit Crossboccia durch die Gegend.

Mittlerweile gebe es über 100.000 Spieler in ganz Europa, berichtet er stolz. Wojtek hat mal Sportwissenschaften studiert – um sich ganz seinem Sport widmen zu können, lässt er das Studium aber im Moment ruhen. Ganz losmachen kann er sich von der wissenschaftlichen Sicht aber nicht. Er findet es ziemlich faszinierend zu sehen, „wie eine neue Sportart entsteht, die für jeden zugänglich ist“. Für kleine Kinder, für die die Jungs Workshops machen, für Senioren, mit denen sie in Rehazentren Crossboccia spielen. Und eben für junge Leute, die die Bälle mal eben ein bisschen werfen und sich damit die Zeit vertreiben. Negatives Feedback habe er noch nie bekommen, wenn er mit seinen Freunden unterwegs sei und spiele, sagt Wojtek. „Ist doch auch logisch. Mit unseren weichen Bällen macht man nichts kaputt und tut niemandem weh.“

Wenn Du mehr über Crossboccia erfahren willst: www.crossboccia.com.

Rike Schockenhoff aus Wietzen

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Überforderung im Sport vermeiden

Überforderung im Sport vermeiden

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Warum Rasenroboter doch noch einen Gärtner brauchen

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Fünf Spiele für Eltern und Kinder

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Das alte Smartphone im Netz zu Geld machen

Meistgelesene Artikel

Klopapier-Hamsterkäufe: Nur den eigenen Arsch retten

Klopapier-Hamsterkäufe: Nur den eigenen Arsch retten

WhatsApp startet neue Funktion gegen Fake-News zu Corona

WhatsApp startet neue Funktion gegen Fake-News zu Corona

Kommentare