Das zweite Gesicht: Zwillinge erzählen aus ihrem Leben

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Lucas und Yannic

Weyhe – „Manchmal nervt es zwar, wenn immer jemand da ist – aber ich kann es mir auch nicht ohne ihn vorstellen.“ Das sagt Lucas (13) über seinen Zwillingsbruder Yannick. Und der nickt. Lucas ist eine Minute älter als Yannick, Yannick drei Zentimeter größer als Lucas.

Das unterscheidet die beiden. Ansonsten sind sie sich ziemlich ähnlich. Beide haben blonde, etwas längere Haare und strahlend blaue Augen. Sie spielen in einer Mannschaft Fußball, haben in der achten Gymnasialklasse an der KGS Weyhe-Leeste super Noten, teilen sich ein Zimmer. „Das wollten wir so“, erzählt Yannick. Die Brüder hätten auch jeder einen eigenen Raum haben können. Aber so finden sie es praktischer. Bei den Hausaufgaben können sie sich absprechen, und „wenn man abends einschläft, ist es besser, wenn man noch reden kann.“

Auch sonst hat es nur Vorteile, Zwillinge zu sein, finden die Brüder. „Wenn mir langweilig ist, kann ich immer Lucas fragen, ob wir was machen wollen“, sagt Yannick. Die beiden machen ganz bewusst viel zusammen. Sie hätten zum Beispiel in verschiedene Klassen gehen können. Wollten sie aber nicht. „Klar, so rückt man sich noch mehr auf die Pelle, aber es ist auch fairer. Es wäre doch blöd, wenn der eine gute Lehrer hat und der andere nicht“, meint Yannick.

Fairplay schreiben die zwei Fußballer groß. „Teilweise hat man schon ein schlechtes Gewissen, wenn man sich verabredet und Spaß hat, und der andere sitzt zu Hause und langweilt sich“, sagt der Jüngere. Sind die Brüder mal nicht am selben Ort, dann denken sie aneinander. „Wenn man mal alleine ist, fragt man sich immer: ,Wie geht’s dem Ding?‘“, sagt Yannick. Das „Ding“ ist natürlich sein Bruder. Unterschiede gibt es aber schon: „Yannick ist unordentlicher, ich arbeite sauberer. Im Fußball spiele ich im Mittelfeld, Yannick in der Abwehr“, sagt Lucas. Was die 13-Jährigen überhaupt nicht mögen, ist, die gleiche Kleidung zu tragen. „Wir wollen ja auch jeder eine eigene Persönlichkeit haben.“

Manchmal nutzen sie ihr gleiches Aussehen aber schon aus. „Wir verarschen teilweise unsere Lehrer. In der Grundschule haben wir mal unsere Plätze getauscht. Unsere Lehrerin hat das erst fünf Minuten vor Unterrichtsende gemerkt – weil wir beide einen Stift hatten, auf dem unser Name stand“, lacht Yannick. „Auf der Straße werden wir oft angesprochen von Leuten, die sagen: ,Wow, Zwillinge‘. Dann behaupten wir: ,Wir sind sogar Drillinge – der dritte liegt nur krank im Bett‘“, ergänzt Lucas. Zum Zwilling-Sein gehört für die zwei auch ein bisschen Rivalität.

Jeder möchte ein kleines bisschen besser sein – ob in der Schule oder beim Fußball. „Aber wenn der andere dann schlechter ist, will man sich gar nicht richtig freuen“, sagt Yannick. Klar, manchmal ärgern oder streiten sie sich. Aber wenn es drauf ankommt, halten sie zusammen. „Wir können über alles reden und uns vertrauen“, erzählt Lucas. „Und wir denken oft das Gleiche oder haben den gleichen Ohrwurm.“ „Ich habe das Gefühl, dass wir innerlich zusammen sind“, fügt Yannick hinzu. Den gleichen Traum haben die Jungs auch – nämlich „Fußball-Star zu werden“.

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

Weyhe – „Hm, ich weiß nicht, wer wer ist“, sagt Jessica. „Ich glaube, ich bin die“, meint Sarah und deutet auf dem Foto auf das kleine Mädchen, das rechts sitzt. „Dazu hätte ich auch tendiert...“, erwidert Jessica. Etwa 16 Jahre ist das Bild alt, auf dem zwei kleine Mädchen in den gleichen Kleidern und mit blonden Sturmfrisuren zu sehen sind. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen.

Jassica und Sara

Kein Wunder, dass die beiden Zwillingsschwestern – mittlerweile 17 Jahre alt und mit verschiedener Kleidung – sich nicht mehr richtig auseinanderhalten können. Heute ist das einfacher. Die zwei Gymnasiastinnen haben zwar immer noch das gleiche Gesicht und die gleiche schlanke, großgewachsene Figur. Und beide blonde Haare mit Pony. Jessica aber trägt einen Pferdeschwanz, Sarah hat kurze Haare. Die Weyherinnen sind mehr als nur Schwestern. „Toll am Zwilling-Sein ist, dass ich meine beste Freundin jeden Tag sehe. Und dass wir über alles reden können“, beschreibt Jessica das Verhältnis, das wohl noch enger ist als bei normalen besten Freundinnen. „Man ist schon stärker verbunden. So, dass man sofort merkt, wenn es der anderen nicht gut geht“, sagt Jessica, die Ältere. Sie ist eine Minute früher als Sarah geboren. Wenn beispielsweise eine eine SMS an die andere schickt, liest diese oft zwischen den Zeilen. „Ich weiß, wenn etwas war, auch wenn Sarah das gar nicht geschrieben hat“, erklärt Jessica.

Viel Zeit verbringen die Schwestern zusammen. Sie spielen Handball, haben den selben Freundeskreis. Den Mädchen fällt spontan nichts ein, was die eine mag und die andere nicht. Das Leben als Zwilling hat aber auch Nachteile. „In der Schule wird man oft verglichen, gerade, wenn man gemeinsame Kurse hat. Das ist blöd“, sagt Sarah. Und als Individuen würden sie oft auch nicht gesehen. „Seit der fünften sind wir nicht mehr in der selben Klasse. Aber in der Grundschule waren wir nicht Jessica und Sarah, sondern immer nur ,die Zwillinge‘“, ärgert sich Jessica.

Dabei unterscheiden sich die beiden in der Schule schon. „Jessi ist in Mathe ziemlich gut, ich nicht. In Physik das gleiche. In Bio und Chemie bin ich besser“, zählt Sarah auf. Dass die Schwestern nicht ein- und dieselbe Person sind, macht sich auch in der Liebe bemerkbar. Ein Junge habe sich noch nicht in beide gleichzeitig verliebt, erzählen die Zwillinge. „Und es ist vielleicht mal so, dass wir beide sagen, dass einer gut aussieht – aber verliebt haben wir uns noch nicht in den selben. Zum Glück“, sagt Sarah. Hat sich eine verguckt, erzählt sie es der anderen. Denn Jessica und Sarah sprechen über alles.

Schön ist, „dass man gleichzeitig erwachsen wird“, findet Jessica. „Wenn man als 17-Jährige eine 14-jährige Schwester hat, denkt man, dass die total jung ist.“ Dieses Problem haben die beiden Mädchen nicht – und werden deshalb auch von manchen Freundinnen beneidet. „Uns haben schon welche gesagt, dass sie sich auch wünschen, einen Zwilling zu haben“, ergänzt Sarah. Zu Recht, findet Jessica: „Andere können schon neidisch sein. Es ist super, Zwilling zu sein.“

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

Jolanda und Fiona Otto aus Holtum

Holtum (Geest) – Zwillinge. Da kommen mir als erstes „Hanni und Nanni“ in den Sinn. Welches Mädchen kennt die Abenteuer dieser beiden Zwillingsschwestern nicht? Sie halten immer zusammen, haben jede Menge Spaß und lösen alle Probleme gemeinsam. Dass Zwilling-Sein aber nicht automatisch all das bedeutet, wissen Jolanda und Fiona Otto ganz genau. Die beiden 13-Jährigen aus Holtum (Geest) sind eineiige Zwillinge – und darüber alles andere als begeistert. „Wir haben nicht diese angeblich so feste und innige Beziehung zueinander, die Zwillingen häufig nachgesagt wird“, erklärt Fiona, „wir sehen uns zwar sehr ähnlich, aber sind charakterlich sehr verschieden.“

Jolanda und Fiona

Fiona ist der ältere Zwilling, Jolanda misst einen halben Zentimeter mehr. „Ansonsten unterscheiden uns äußerlich nur kleine Merkmale wie eine Narbe oder ein Leberfleck“, erzählt Jolanda. Da ist es kein Wunder, dass die Mädchen häufig verwechselt werden, vor allem in der Schule. „In der Grundschule waren wir noch in unterschiedlichen Klassen, jetzt im Gymnasium gehen wir in die selbe“, sagt Fiona. Das bringt einige Lehrer manchmal durcheinander. „Aber auch andere Leute haben ab und zu Schwierigkeiten, uns auseinanderzuhalten. Gelegentlich raten sie auch einfach, wer wer ist“, lacht Jolanda. „Aber unsere Freunde und die, die uns gut kennen, können uns unterscheiden.“ Aber sogar ihre Mutter hat sich schon mal vertan. „Als ich draußen im Garten war und die Jacke meiner Schwester anhatte, hat unsere Mutter mich für sie gehalten und falsch gerufen. Sie hat es dann aber ziemlich schnell gemerkt“, erinnert sich Fiona amüsiert.

Als Zwillinge werden die beiden Mädchen oft miteinander verglichen: zum Beispiel von Lehrern bei der Vergabe mündlicher Noten, aber auch von sich selbst. „Jede von uns versucht, die Bessere zu sein. Wir streiten uns regelmäßig, oft wegen Kleinigkeiten. Früher sind wir regelrecht aufeinander losgegangen. Allerdings vertragen wir uns auch relativ schnell wieder“, sagt Jolanda.

Während sie äußerlich fast nicht zu unterscheiden sind, haben die Zwillinge ganz unterschiedliche Charaktereigenschaften und Interessen. Jolanda redet viel und ist lockerer, Fiona wirkt ruhiger und nachdenklicher. Auch ihre Freizeit verbringen die Zwillinge unterschiedlich. „Ich fotografiere wahnsinnig gerne, während Jolanda sich für Kunst interessiert und reitet“, berichtet Fiona. Was beide gemeinsam haben, ist der Spaß am Tanzen. „Allerdings gehe ich zum Ballett, Fiona macht Jazzdance“, erzählt Jolanda.

 Die Liste der Unterschiede zwischen den Zwillingen ist noch länger. „Wir haben einfach oft unterschiedliche Meinungen, verschiedene Wünsche und einen anderen Geschmack“, fasst Fiona zusammen. „Nur weil wir Zwillinge sind, heißt das ja nicht, dass wir gleich beste Freundinnen sein müssen. Wir sind zwei eigenständige Menschen.“ Einen entscheidenden Vorteil im Leben von Zwillingen kennen die beiden aber schon: „Man kann wunderbar wahnsinnig lustige Streiche spielen“, lachen sie.

Jolanda und Fiona sind ein Beispiel dafür, dass viele Klischees über Zwillinge nicht immer stimmen. „Das hat mich auch sehr irritiert“, gesteht ihre Mutter, „ich habe viel in der Literatur über Zwillinge gelesen und fast überall stand, dass sie sich sehr gut verstehen und eine besonders enge Beziehung zueinander haben. Das ist bei den beiden überhaupt nicht so. Ganz im Gegenteil: Sie grenzen sich bewusst ab und betonen ihre Unterschiede. Und nicht selten bekommen sie sich in die Haare.“

Von klein auf gibt es Uneinigkeiten zwischen den eineiigen Zwillingen, sie sind keineswegs immer ein Herz und eine Seele. Jolanda und Fiona können sich gut vorstellen, später in verschiedenen Städten und unabhängig voneinander zu leben. Denn in einem Punkt sind die beiden einer Meinung: „Auch wenn man es uns nicht ansieht, sind wir sehr, sehr unterschiedlich!“

Katrin Roßmann (22 Jahre) aus Cluvenhagen

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