Zwei Autoren, ein Thema

Bushido hören oder nicht?

Ist der Song des deutschen Rappers cool oder einfach nur peinlich? Unsere chili-Autoren Rike Schockenhoff und Jan Schmidt haben da ihre eigene Meinung.

Rike Schockenhoff aus Wietzen:

Juchu, ich bin volljährig! Bushidos neuer Song „Stress ohne Grund“ steht auf dem Index und darf ab Montag nur an Erwachsene verkauft werden. Da hab ich aber Glück gehabt! Ich kann einfach an der Schlange der 13-,14-,15-Jährigen vorbeiziehen, die CD kaufen und mir dann ganz in Ruhe anhören, was so schlimm an diesem Song ist, ohne dass meine Eltern mir Hausarrest oder sonstwas androhen!

Nein, natürlich hab ich mir das Lied vorher schon mal online angehört. Und was soll ich sagen? Gäääähn! Ein bisschen Hass, Morddrohungen und Machoposen. Aber gut oder aufregend macht das den Song nicht. Worum es im Inhalt überhaupt gehen soll, verstehe ich auch nicht. Ganz am Anfang spuckt ein Typ namens Shindy mir so halbe Sätze entgegen wie: „Ich rauch Marlboro, Bitch, Du trinkst Aperol Spritz; Gold everything, chill’n beim Geschäftsmeeting“ – was soll mir das sagen? Mir kommt’s vor, als hätte Shindy nix zusammenbekommen – und dann kam endlich Bushido zurück ins Studio. Der war gerade als Praktikant im Bundestag, wo man ihn nicht mitmachen lassen wollte. Und weil Bushido ein pfiffiger Geschäftsmann ist, hat er seinen Frust mal eben in den Song gesteckt und so doch noch die Aufmerksamkeit gekriegt, die er wollte.

Bis zum Ende der zweiten Strophe passiert eigentlich gar nichts. Ganz plötzlich knallt Bushido dann ein Brett raus wie: „Ich will, dass Serkan Törun jetzt ins Gras beißt!“ – was der Typ getan hat, um das zu verdienen, weiß ich nicht. Vermutlich reicht es, FDP-Bundestagsmitglied zu sein, um Bushidos Zorn auf sich zu lenken. Dann würgt er noch Klaus Wowereit, Claudia Roth und Oliver Pocher einen rein. Und nachdem wir noch gehört haben, dass es normal ist, ohne Grund Stress zu machen, und dass Männer keine Schwänze lutschen, ist der Song vorbei.

Ich find’s richtig, dass die Leute, denen in dem Lied gedroht wird, Anzeige erstatten. Ich hoffe aber, dass es mit diesem Skandal nicht gelingt, mehr CDs zu verkaufen. Denn der Song ist einfach lahm und schlecht.

Weil ich es grundsätzlich gut finde, wenn sich jemand wehrt, der schlecht behandelt wird, find ich aber nicht, dass wir Bushido einfach ignorieren sollten. Unsere Gesellschaft sollte sich damit auseinandersetzen, warum sie so stark auf Bushido reagiert. Weil der Sachen sagt, die viele insgeheim denken? Aber: Dann müssen wir was daran ändern, Leute! Denkt übers Wochenende mal darüber nach und kauft am Montag NICHT diese CD!

Jan Schmidt aus Twistringen:

Nur eine Sekunde über Bushido und diesen Song nachzudenken ist schon zu viel. Geschweige denn, diesen Mist zur Anzeige zu bringen. Zeitverschwendung. „Ich schieß auf Claudia Roth“. Als ob. „Sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.“ Wie schlecht.

Ich mache selber Rap, deswegen ärgert es mich, dass Bushido das ohnehin schon schlechte Image dieser Musikrichtung noch weiter in den Dreck zieht. In einem Interview sagt er: „Ich nutze die Mittel, die mir als Rapper zur Verfügung stehen.“ Rap und Hip-Hop kommen ursprünglich aus der Gosse, aus dem Ghetto. Dort her, wo Bushido nie war. Ursprünglich ist Rap die Stimme der Schwachen, der Unterdrückten, die sich mit Worten wehren. Lyrik, Poesie und Wortwitz als Waffe gegen ein ungerechtes, asoziales System. Was Bushido macht – er verdreht die Rollen. Ihm geht’s um Aufmerksamkeit, Provokation, Verkaufszahlen – Kohle. Jedes Mittel ist recht. Wirklich Recht hat aber Claudia Roth. Sie kritisiert öffentlich, dass Bushido eine Nahost-Karte ohne Israel postet. Das ist antisemitisch. Rassistisch. Die Botschaft, die er damit vor allem an junge Araber – viele seiner Fans – sendet, ist schlimm.

Ernsthaft: Jedes Wort über Bushido ist zu viel. Die beste Reaktion auf den Song ist gar keine Reaktion. Niemand wird auf Claudia Roth schießen, draußen ist Sommer, das Leben ist schön. Liebe statt Hass.

Rubriklistenbild: © Kreiszeitung

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