„Kuchen, unbedingt Kuchen!“ Warum Xin aus China lieber in Deutschland leben will

Xin kommt aus China und lebt zurzeit in Achim.

Achim - „Was magst Du an Deutschland besonders gerne?“ Xin Wen braucht nicht lange überlegen. Demonstrativ nimmt sie einen tiefen Atemzug, dann antwortet sie lächelnd: „Die gute Luft!“.

Dort, wo Xin aufgewachsen ist, wird die Sonne von Smog verschluckt. Grauer Dunst schiebt sich in China vor den Himmel. Kohlekraftwerke spucken Rußwolken. Das Land ist total überbevölkert. Verstopfte U-Bahnen, Blechlawinen – fast jeder fährt Auto und verpestet so die Natur. Am schlimmsten ist es in Chinas Hauptstadt Peking.

15 Millionen Menschen leben in der Metropole – auch die 24-jährige Xin. Sie studiert Germanistik auf Lehramt, möchte später aber nicht in China arbeiten – ihr größter Traum ist es, an einer deutschen Schule Chinesisch zu unterrichten. Momentan wohnt Xin für acht Monate in Achim, leitet dort am Gymnasium eine Schüler-AG, bevor sie im Juni zurück nach Peking fliegt und ihre Master-Arbeit schreibt. Schon jetzt sagt sie: „Ich komme ganz bestimmt wieder nach Deutschland zurück.“

Dass sie sich hier so wohl fühlt, liegt übrigens nicht nur an der guten Luft: Ganz besonders gut gefällt ihr auch die Natur, das Essen – und die Jungs. Wir treffen Xin im Lehrerzimmer des Achimer Gymnasiums am Markt. Es duftet nach Brötchen und Kaffee. Für ein perfektes Frühstück fehlt nur noch die Milch... „Oh ja. Brötchen und Milch sind klasse“, meint Xin. „Und Kuchen. Unbedingt Kuchen!“ Kuchen sei wohl das Beste, was sie bisher in Deutschland gegessen habe. „Trotzdem bin ich die chinesische Küche besser gewohnt. Chinesen essen viel Gemüse und wenig Fleisch – in Deutschland ist das meistens umgekehrt“, sagt Xin. Wenn die 24-Jährige was für ihre Wok-Pfanne sucht, tingelt sie nachmittags durch Supermärkte, kauft Gemüse und lernt nebenbei neue Leute kennen. „Fast alle grüßen mich freundlich, das gibt’s in Peking nicht. Dort leben einfach zu viele Menschen. Jeder hat seine Zunge verschluckt, alles ist so anonym.“

Xin mag die Gelassenheit und das Herzliche der Deutschen. Eben diese Tugenden vermisst sie in ihrem Heimatland. Wenn sie um zehn Uhr an der Uni sein will, muss sie um neun Uhr losfahren, obwohl sie den Weg unter normalen Bedingungen auch in 20 Minuten schaffen würde. Die Stadt platzt aus allen Nähten, jeder hat es eilig, aber keiner kommt voran. „In Peking geht alles drunter und drüber“, erzählt Xin.

Während sie redet, fällt uns ihre saubere Aussprache auf. Seit sieben Jahren studiert sie Germanistik, aber sie musste sich anfangs richtig hart durchbeißen, sagt sie. „Chinesen können zum Beispiel kein R aussprechen. Diesen Laut gibt es bei uns nicht.“ Damit sie ein Gefühl dafür entwickeln konnte, gurgelte Xin über vier Jahre lang mit Wasser. „Ratte, Rettungsring, Raureif“ – bis auf einen leichten Akzent wiederholt sie die Wörter heute fehlerfrei. Im Gegenzug sollen wir etwas auf Chinesisch sagen. Dabei merken wir, dass eine saubere Aussprache noch viel wichtiger ist als im Deutschen. Es gibt vier verschiedene Arten der Betonung. Wenn Xin schnell spricht, ist es für uns quasi unmöglich, ihre Stimm-Melodie richtig zu deuten. Viele Wörter klingen so gut wie gleich, haben aber komplett andere Bedeutungen. „Ma“ zum Beispiel bedeutet Mutter. Aber nur, wenn es mit langem A ausgesprochen wird. Bei anderer Aussprache, beispielsweise mit kurzem, abgehacktem A, spricht der Chinese von einem Stückchen Stoff.

Noch viel komplizierter als die Sprache sind die Schriftzeichen: Auf den ersten Blick wirken sie wie verschlüsselte Nachrichten von Außerirdischen. Jedes Zeichen steht für ein ganzes Wort. Anders, als wir es gewohnt sind, gibt es keine Buchstaben. Wahrscheinlich dauert es eine Ewigkeit, auf diese Weise ganze Sätze zu schreiben... Xin beweist uns das Gegenteil. Spontan malt sie ein paar Zeilen auf Papier. Wir stoppen die Zeit: 20 Sekunden für einen Satz. Schneller hätten wir das mit deutscher Schreibweise auch nicht hinbekommen.

Der Pausengong ertönt, gleich beginnt die Chinesisch-AG. Heute steht „Kalligrafie“ auf dem Plan, die Kunst des schönen Schreibens. Jedes chinesische Schriftzeichen besteht aus einer Vielzahl von Formen, Rundungen und Tupfern. Sobald auch nur ein Tupfer hinzukommt, kann sich die Bedeutung komplett verändern. Wir schmunzeln und erzählen Xing von unseren Sauklauen. So was darf man sich im Chinesischen wohl nicht erlauben.

Julia Roehl (16 Jahre) aus Fischerhude und Jan Schmidt (23 Jahre) aus Twistringen

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