„Worte statt Fäuste“: Mit Musik das Leben meistern

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Am PC mischt Steffen alias "Sergeant Murph" seine Songs. 

Groß Mackenstedt – Steffen Meyer war kein vorbildlicher Jugendlicher. Kriminell war er, räumt der 23-Jährige ein. Er hat schon mal Scheiße gebaut. Warum? Vielleicht, weil er keine Perspektive hatte. Vielleicht, weil niemand ihm zugehört hat.

Steffen will aber nicht, dass dieses Verhalten Nachahmer findet. Er will helfen, dass Jugendliche ihre Unzufriedenheit ausdrücken können – aber „mit Worten, nicht mit der Faust“, betont er. „Ich selber hab soviel Kack erlebt, das kann man vielen anderen ersparen.“ Deshalb möchte der Groß Mackenstedter ein Hip-Hop-Projekt mit Jugendlichen starten.

„Die Musik ist ein gutes Ventil, um was zu ändern“, meint Steffen. Seit elf Jahren spielt Hip-Hop in seinem Leben eine große Rolle. Die Absoluten Beginner, Samy Deluxe und Co. weckten in ihm damals die Liebe zu dem Stil. „Und als mein bester Freund mal fünf Wochen weg war, fing ich an zu texten. Ich hab einfach meine Gedanken aufgeschrieben“, erzählt er. Eine „Art Rap “, so sagt er heute, kam dabei raus. „An sich völlig schlecht“, fällt er ein hartes Urteil und blickt etwas verzweifelt unter dem großen dunklen Cap hervor. Aber immerhin ein Anfang.

Steffen, dessen großes musikalisches Vorbild Kool Savas ist, machte weiter, schrieb Texte – „über alles aus meinem Leben. Wenn ich Herzschmerz habe, prägt der die Texte. Wenn mir in der Politik Sachen nicht gefallen, schreibe ich darüber.“ Die Ergebnisse veröffentlicht er mit dem Künstlernamen „Sergeant Murph“ auf seinem youtube-Kanal (www. youtube.com/sergeantmurph). Dass ein Projekt mit Teenagern erfolgreich sein kann, weiß Steffen aus Erfahrung.

Bevor er Ende Dezember zurück nach Groß Mackenstedt kam, hat er drei Jahre in Krefeld gewohnt. Dort rief er vor eineinhalb Jahren das Projekt „Bähnedikt“ ins Leben. „Wenn Du verlassen wurdest oder Stress mit Lehrern und Eltern hattest – schreib auf, was Dich beschäftigt, bevor Du rausgehst und kriminell wirst.“ In Jugendhäusern hat Steffen Leute zwischen 16 und 21 Jahren gefunden, mit denen er Musik gemacht hat. Wichtig dabei waren ihm auch die theoretischen Grundlagen: Wie schreibe ich richtige Texte, wie nehme ich auf und wie mische ich die Songs dann? „Alle diese Leute sind jetzt erfolgreiche Musiker“, ist Steffen stolz.

Ähnliches wünscht er sich auch im Landkreis Diepholz. Gerne würde er mit Schulen zusammenarbeiten, sagt er. „Ich könnte mir zum Beispiel eine Musikvideo-AG vorstellen. Und ich würde mich einfach gerne mit den Jugendlichen zusammensetzen, mit ihnen sprechen, rausfinden, wo sie Probleme sehen. „Sowas hätte ich mir früher auch gewünscht.“ Am wichtigsten ist ihm, dass die Jugendlichen Perspektiven finden. „In Krefeld zum Beispiel war jeder auf Gangsterrap.

Wichtig war, wer das meiste Geld hat, wer das meiste Kokain und wer am meisten Alkohol vertragen kann.“ Auf sowas hat er keinen Bock, sagt Steffen. „Ich will was Innovatives, Gescheites. Und genug Potenzial ist da. Wir haben so viele Schlauköpfe in den Schulen, unabhängig vom Abschluss – dass man die nicht weiter fördert, ist schade.“ Musik ist nicht nur ein Transportmittel von Gefühlen und Botschaften, sondern auch seine Liebe – das wird schon an Steffens Tattoos erkennbar.

Ein Notenschlüssel ziert das linke Handgelenk, ein paar Bilder hat er noch auf dem Oberkörper. Und irgendwann hofft er, aus seinem Hobby seinen Beruf machen zu können. Im Moment arbeitet er als Verkäufer in einem Laden in der Bremer Waterfront. „Mit der Musik ist es schwer, Geld zu verdienen“, weiß der 23-Jährige. „Ich bin Realist. Ich möchte später kein Millionär werden, sondern ein ganz normales Leben leben.“ Ein paar Konzerte hat er bereits gegeben, in Diskos, um ein bisschen was zu verdienen. „Ich war mit einem House-DJ unterwegs, wir haben versucht, House, Elektro und Hip-Hop zu vereinen – so ähnlich wie das, was heute merkwürdigerweise die Atzen machen.“

An ähnliche Auftritte denkt er auch in der Zukunft, dann aber soll es mehr in Richtung R’n’B gehen. Am wichtigsten ist Steffen aber jetzt erst mal das Projekt mit Jugendlichen. Den Projektnamen „Bähnedikt“ will der 23-Jährige aus Krefeld mit in den Landkreis Diepholz bringen. Warum? „Das ist eine Anspielung auf den Papst. Wenn der spricht, hört jeder hin.“ Werbung macht er dafür schon mal am eigenen Körper: „Ich lebe nach Bähnedikt“ steht auf seinem weiten roten T-Shirt, das er über einer dunkelblauen Baggy-Jeans trägt. „Vielleicht“, hofft er, „haben Jugendliche Lust, mit mir einen Workshop zu machen. Kontakt können sie und auch Eltern und Lehrer einfach per E-Mail aufnehmen – sergeant.murph@ web.de.“

Auch gemeinsam mit der Polizei in Klassen zu gehen und über Kriminalität auf dem Schulhof zu sprechen, wie er es schon in Krefeld gemacht hat, kann sich Steffen gut vorstellen. „Die Polizei ist für die meisten Kids erst mal scheiße – was ich nicht finde. Wenn ich als einer von ihnen gemeinsam mit der Polizei was erzähle, dann kommt das besser.“ Eins ist klar: Dieser Junge scheint jede Menge Energie für Projekte zu haben. Gerne macht er das ehrenamtlich. „Klar, wenn irgendwann was dabei rausspringt, würd ich mich auch wahnsinnig freuen“, sagt er. „Aber es geht mir in erster Linie um die Kids und nicht ums Geld.“

  Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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