"Entwicklungsarbeit" ist sein Studienschwerpunkt. Und Johannes Wolfers sagt:

"Unser Bild von Afrika ist nicht mehr richtig. Wir unterschätzen diesen Kontinent."

Blick nach Afrika, wo sich gerade viel verändert: Johannes (links) im Gespräch mit chili-Autor Etienne.

„Die armen Menschen in Afrika...“ Das Bild hat sich in unseren Köpfen seit frühester Kindheit eingebrannt. Afrika. Das ist für uns: Armut, Chaos, eine Zukunft ohne Chancen, absoluter Rückschritt – und nicht nur geographisch sehr weit weg von uns. Johannes Wolfers (25) aus Bremen sieht das anders.

„Die armen Menschen in Afrika...“ Das Bild hat sich in unseren Köpfen seit frühester Kindheit eingebrannt. Afrika. Das ist für uns: Armut, Chaos, eine Zukunft ohne Chancen, absoluter Rückschritt – und, so denken dann viele, zum Glück weit weg. Johannes Wolfers  (25) aus Bremen sieht das anders. Er studiert Politikwissenschaft und Soziologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungsarbeit. Warum unser Bild von Afrika nicht (mehr) ganz stimmt, das erzählt er uns jetzt im

Interview von Etienne Sadek aus Bremen:

Johannes, worum genau geht’s in Deinem Studium?

„Im Schwerpunkt geht es darum, Lösungsvorschläge für politische Probleme zu erarbeiten, um Regierungen zu beraten. Wir beschäftigen uns unter anderem mit Strategien für nachhaltige Entwicklung.“

Wir interessieren uns vor allem für die Entwicklung Afrikas. Weil es der Kontient ist, der den meisten von uns beim Stichwort „Entwicklungsarbeit“ gleich als erstes in den Sinn kommt. Was kannst Du uns darüber erzählen?

„In Afrika entwickelt sich ein neues Selbstbewusstsein. Viele Regierungen bemühen sich um Unabhängigkeit und sind eher an Investitionen als an Hilfsleistungen interessiert. Es ist nachgewiesen, dass Entwicklungshilfe in Form von Transferzahlungen kontraproduktiv ist. Ich bin auch der Meinung, sowas fördert nur die Abhängigkeit und vermeidet eine eigene konstruktive Wirtschaft.“

Wodurch wird die Entwicklung denn dann vorangetrieben?

„Durch die Fortschritte im Bildungs- und Gesundheitswesen, aber vor allem durch die zunehmende Stabilität, die hohen Rohstoffpreise und die immer größer werdende Mittelschicht mit wachsender Konsumlust. Der wirtschaftliche Hype wird vor allem von großen Investoren getragen, die in den afrikanischen Markt drängen. Indien, Brasilien und vor allem China sind die Hauptnationen. Aber ihre Wirtschaftspolitik liefert viel Anlass zur Kritik.“

In was investieren diese Länder denn? Und was sind die Kritikpunkte?

„Sie investieren in erster Linie in Afrikas Ressourcen und Agrarflächen. ,Tied-Aid’, die ,gebundene Hilfe’, erlegt dem Empfänger- Land auf, bestimmte Produkte oder Dienstleistungen des Geber-Landes zu beziehen. Das verändert aber den lokalen Markt und verhindert eine volle Entwicklung. Außerdem sorgen exportierte Arbeitskräfte, vor allem aus China, für große Änderungen im afrikanischen Arbeitsmarkt. Und auch das von reichen Geschäftsleuten ausgeübte ,Land Grabbing’ bereitet Probleme.“

Was ist „Land Grabbing“?

„Das bedeutet: Die Einheimischen müssen exklusiv das Land für den Investor versorgen, verlieren dabei aber selbst fruchtbares Land für die eigene Versorgung. Die Landwirte können natürlich nicht mit den großen ausländischen Investoren konkurrieren, was einschneidende Folgen für ihren eigenen Markt hat. Durch die Inflation steigen die Lebensmittelpreise immer höher. Einige profitieren von den Einnahmen, aber der Großteil leidet. Wirtschaftliches Wachstum bedeutet also nicht automatisch Fortschritt. 50 Prozent der Bevölkerung Afrikas leben nach wie vor in absoluter Armut. Dazu kommt: In vielen Regionen herrschen Krisen, Kriege und Konflikte. Generell hat Afrika also noch einen weiten Weg vor sich. Trotzdem halte ich es für wahrscheinlich, dass einige Staaten in den nächsten Jahren eine Entwicklung machen werden wie die asiatischen Tigerstaaten – vom Entwicklungsland zu einem Industriestaat.“

Was sind „Tigerstaaten“?

„Das sind die fernöstlichen Staaten Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur. Oder Indonesien und China – Anfang des 20. Jahrhunderts wirtschaftlich schwache Agrarstaaten, die aber in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts große Fortschritte bei der Industrialisierung machten. Zwar schwächeln diese Nationen aktuell etwas, aber so einen anfänglichen Sprung traue ich einigen afrikanischen Staaten auch zu.“

Wie könnten sie das schaffen?

„Die Tigerstaaten schafften den Aufbau durch eine freie Marktwirtschaft, niedrigere Produktionskosten durch geringere Löhne und somit Konkurrenzfähigkeit im globalen Markt. Aber meiner Meinung nach wachsen einige afrikanische Länder vor allem aus einem neuen inneren Gefühl der Stärke und Selbstsicherheit heraus.“

Wie zeigt sich das?

Johannes Wolfers

„In der immer größer werdenden Mittelschicht wächst ein neuer Anspruch an die Lebensgewohnheiten. Die Leute möchten lautstark zeigen, dass die Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung sich dem Ende neigt und sie zu mehr fähig sind. Nigeria hat gerade ein interessantes Konzept aufgebaut, das dieses neue Selbstbewusstsein deutlich macht: Das gigantische ,Megacity-Project‘ in Lagos, das die Regierung ins Leben gerufen hat. Die Nigerianer lieben westliche Metropolen wie London oder New York, und Lagos soll ihre eigene Weltstadt werden. Lagos wird nach Schätzungen in einigen Jahrzehnten die bevölkerungsreichste Stadt der Erde sein. Dafür versucht man jetzt, ein funktionierendes Fundament zu errichten. Aber das bringt auch Probleme mit sich. Die Menschendichte in Lagos ist enorm, und der weitere Anstieg der Bevölkerung erfordert massive Verbesserungen in der Infrastruktur. Leider lebt die Hälfte der Bevölkerung noch immer in Slums, also gab es in den Plangebieten Zwangsräumungen. Das ist natürlich menschenunwürdig. Den Bewohnern wurden weder Vorbereitungszeit noch alternative Wohnungen zugestanden. Nichtsdestotrotz zeigt das alles das Streben des Landes nach Glanz. Und den Versuch, alte Fesseln abzuschütteln. Es sind noch viele andere Projekte geplant: Ein weiterer Seehafen, der der größte in ganz Afrika werden soll. Ein Touristen- Resort mit hochklassigen Hotels und Restaurants. Und ein Megaprojekt namens ,Eko Atlantic‘, das ein komplett neues Luxusviertel erschaffen soll.“

Wie viel Zeit werden diese Ideen bis zur Umsetzung benötigen?

„Ich denke, noch zehn bis 20 Jahre.“

Und wie sollen all diese Projekte finanziert werden?

Etienne Sadek

„Naja, Lagos ist durch den Öl-Reichtum keine arme Stadt. Nur hat die normale Bevölkerung bisher nicht viel davon gehabt. Aber seit Babatunde Fashola 2007 der neue Gouverneur des Bundesstaates Lagos wurde, gab es Veränderungen. Er sah nicht nur die Verschmutzung und die kaputten Straßen, sondern überall, wo er hinblickte, neue Chancen. Er ist der Hauptinitiator des Wandels. Er steckte Milliarden in die Entwicklung des städtischen Transports und sorgte durch ein interessantes Experiment für Tausende neue Jobs. Das sogenannte ,Kick Against Indiscipline‘-Programm bekämpfte als erstes die Verschmutzung der Stadt. Denn nur eine saubere Stadt kann aufblühen.“

Glaubst Du, all diese Pläne werden Nigeria in den nächsten Jahre zu einem „Global Player“ machen?

„Nigeria werden sich sicherlich einige Chancen eröffnen. Das Land wird vor allem von seinen großen Ölquellen profitieren. Auch im Bauwesen, im Einzel- und Großhandel hat es große Fortschritte gemacht. Und sogar in der Unterhaltungsindustrie. Nigeria besitzt mit seinem ,Nollywood‘ nach Amerika und Indien heute die drittgrößte Filmindustrie der Welt.“

Wie steht es um andere Länder in Afrika? Herrscht da auch so eine Aufbruchsstimmung?

„Leider herrschen noch immer viele Konflikte und Kriege in Afrika. Aber einige Länder entwickeln sich gut – im Süden vor allem Mosambik und Sambia. Und im Osten, trotz aller Schwierigkeiten, Äthiopien. In Mosambik gab es Erdgasfunde, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln und das Land zu einem der größten globalen Erdgasexporteure machen könnten. Dieses Land ist generell reich an Bodenschätzen und hat großes agrarwirtschaftliches Potenzial. Auch Sambia gilt als ein sehr stabiles Land. Es besitzt riesige Wasserressourcen und ist reich an Bodenschätzen, vor allem das Kupfer im sogenannten ,Copperbelt‘ ist eine der Hauptsäulen der Wirtschaft. Am interessantesten finde ich aber die Entwicklung Äthiopiens. Das ist noch immer eins der ärmsten Länder der Welt. Hier gibt es im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Nationen wenig Bodenschätze, das rasche Bevölkerungswachstum bereitet strukturelle Probleme, und klimatische Bedingungen erschweren die Agrarwirtschaft. Trotzdem ist die Industrie im Aufbau, denn der Staat investiert immer mehr in die Bildung junger Menschen. Die Äthiopier sind sehr zielstrebig und strebsam. Schon die nächste Generation soll in einem breiten Mittelstand aufwachsen und Äthiopien durch gute Ausbildungen dazu verhelfen, ein Industriestaat zu werden.“

Glaubst Du, wir hier in Europa sind gut informiert über Afrika?

„Nein. Viele Europäer haben ein unangemessenes, völlig falsches Bild vom subsaharischen Afrika. Afrikaner sind sehr stolze Menschen, und auch dort hat jede Nation ihre eigene Geschichte. Einige der größten Verbrechen in den letzten 100 Jahren hatten ihre Auswüchse in Europa, und wir brauchten auch eine lange Zeit, um aus unseren Fehlern zu lernen. Wir sollten den Afrikanern diese eigene Erfahrung genauso zugestehen. Afrika ist ein unglaublich faszinierender Kontinent mit einer großen Anzahl ethnischer und kultureller Schattierungen, einer atemberaubenden Flora und Fauna und einem unerbittlichen Willen. Dieser Kontinent verdient es, nach Jahrhunderten der Korruption, Ausbeutung und Erniedrigung, endlich seinen eigenen Weg zu gehen und die Chance zu bekommen, aufzublühen.“

Zum Schluss noch ein paar Fragen an Dich persönlich: Was sind Deine Berufsmöglichkeiten nach diesem Studium?

„Aller Voraussicht nach werde ich wohl Kellner oder Taxifahrer (lacht). Nein, Spaß beiseite. Viele meiner Kommilitonen zieht es in die beliebten Medienbereiche wie Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit. Ich selbst strebe eher in die direkte, praxisnahe Arbeit der wirtschaftlichen und humanitären Welthilfe. Dieser Arbeitsmarkt gilt zwar als etwas problematisch, aber das ändert nichts an meinen Zielen und Plänen.“

Und was sind Deine Ziele und Pläne für die nächsten Monate?

„Praktische Erfahrung sammeln. Ich werde ein Praktikum in einem Bürgerkomitee für Entwicklungsarbeit machen. Und auf jeden Fall noch einige Reisen nach Afrika.“

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