„Wir haben hier doch nur Luxusprobleme“

Ghana ist ein Land der Gegensätze: Anne traf auf Armut und Kinder, die nicht zur Schule gehen konnten, aber auch auf eine unglaubliche Offenheit und Herzlichkeit. Als „hübsche Obruni“ war die 17-jährige Deutsche eine Attraktion und bekam einige Heiratsanträge.

Anne Hoppe (17) war begeistert von ihrem Freiwilligendienst in Ghana, „aber vieles ist dort auch einfach unfair.“

„Es ist zwar vieles anders als hier bei uns in Deutschland, aber Ghana ist ein wunderbares und faszinierendes Land.“ Anne Hoppe strahlt, die Begeisterung leuchtet in ihren Augen. Die 17-Jährige weiß, wovon sie spricht. Ihr Bild von Ghana stammt nämlich weder aus dem Internet noch aus Reiseprospekten oder TV-Dokumentationen. Anne hat für acht Wochen in Ghana gelebt und gearbeitet und vor Ort Menschen, Land und Kultur kennengelernt. Wie es dazu kam? Im letzten Jahr stand für Anne und ihre Klassenkameraden ein zweiwöchiges Sozialpraktikum an. Aber auf Kindergarten oder Altenheim hatte die Schülerin wenig Lust. Als ihr zufällig ein Flyer der Organisation „Projects abroad“ in die Hände fiel, entschieden sie und ihr bester Freund sich, das Abenteuer Afrika zu wagen. Erst wollten die beiden nach Südafrika, aber weil die politische Situation dort im Moment instabil ist, mussten sie sich nach einer Alternative umsehen. „Ghana gilt als eins der sichersten afrikanischen Länder, das war auch für meinen Eltern beruhigend“, erklärt Anne. „Mir war es besonders wichtig, das ,schwarze‘ Afrika zu erleben.“

Bevor es soweit war, musste einiges erledigt werden. Zuerst reiste Anne zu einem dreitägigen Vorbereitungsseminar nach Berlin. Dort bekam sie Informationen zu Afrika und Tipps, wie sie sich in bestimmten Situationen am besten verhalten soll. Nach etwas Papierkram und zahlreichen Impfungen konnte es dann endlich losgehen. „Am Tag der Abreise war ich ganz ruhig und habe es noch gar nicht realisieren können“, erinnert Anne sich. „Richtig verstanden habe ich es erst, als ich in Ghana aus dem Flugzeug gestiegen bin. Das war überwältigend!“

Während der acht Wochen lebte Anne in einer Gastfamilie. „Meine Gastmutter war klasse“, schwärmt die 17-Jährige. „Ich hab mich gleich zu Hause gefühlt, sodass der Abschied am Ende echt hart war.“ Neben ihrer Gastmutter hat sie vor allem ihre Gastbrüder, die Kinder im Heim und einige andere Freiwillige ins Herz geschlossen. Anne machte schnell die Erfahrung, dass die Ghanaer sehr respektvoll miteinander umgehen. Und, dass dort eine andere Hierarchie herrscht als in Deutschland: „Die Frau ist dem Mann zwar unterstellt, aber gleichzeitig ist das Alter wichtig. In einer großen Familie hat nicht selten die älteste Frau inoffiziell das Sagen. Die Familie spielt insgesamt eine wesentliche Rolle, der Zusammenhalt ist sehr viel stärker als bei uns.“

Tagsüber hat Anne in einem Kinderheim gearbeitet. „Mein Tag begann meist um acht Uhr, ich habe mich um die Kleinen gekümmert, mit ihnen gespielt und im Unterricht geholfen. Die Einrichtung wird privat finanziert und ist auf Spenden angewiesen. In Ghana gibt es kein soziales System, das armen Familien hilft. Nicht alle Kinder haben die Möglichkeit, zur Schule zu gehen.“ Die Ungerechtigkeit und das Leid vieler Kinder waren für Anne schwer zu verstehen und zu akzeptieren: „Vieles ist hier einfach unfair.“ Kontakt zu Gleichaltrigen hatte Anne nur im Heim.

Das Leben eines Teenagers in Ghana unterscheidet sich stark von dem eines deutschen Jugendlichen: „In Ghana muss man schneller erwachsen werden. Einige gehen zwar mit 16 noch zur Schule, viele arbeiten aber schon einige Jahre.“ Feierabend war meist um 16 Uhr. Die freie Zeit nutze Anne am liebsten zum Herumreisen, für Marktbesuche oder Ausflüge – „so lernt man Land und Leute am besten kennen.“ Weil in Ghana die offizielle Amtssprache Englisch ist, klappte die Verständigung gut. Neben Englisch gibt’s noch eine Menge Stammessprachen, Anne hat in einer auch ein paar Worte gelernt. „Vor allem die Kinder im Heim haben sich darüber immer sehr gefreut und ganz eifrig versucht, mir noch mehr Worte beizubringen“, lacht sie. Generell hat die 17-Jährige die Ghanaer als sehr freundlich und offen kennen gelernt. „In Ghana ist die Mentalität ganz anders“, erzählt sie. „Wenn man sich im Bus neben einen fremden Menschen setzt, beginnt sofort ein Gespräch über Gott und die Welt. Das ist in Deutschland nicht so, wo meist geschwiegen oder ignoriert wird.“ Anne schloss die Menschen in Ghana schnell ins Herz und liebte ihre offene Art. So herzlich aufgenommen, verspürte sie nur ein einziges Mal Heimweh. „Da hatten wir Freiwillige etwas Ärger untereinander und die Stimmung war ein bisschen gedrückt.“

Kontakt nach Hause hatte Anne in den acht Wochen nur unregelmäßig. Aber durch gelegentliche Telefonate, Mails, Nachrichten bei Facebook und Einträge in ihrem Blog konnten Familie und Freunde zumindest etwas an Annes Erlebnissen Teil haben. Bei ihrer Heimkehr bekam Anne dann einen regelrechten Kulturschock: „Als ich in Deutschland landete, war das Wetter mies und alle Menschen schrecklich unfreundlich und schlechtgelaunt. Keiner grüßte. Keiner lächelte. Und am komischsten war es, auf einmal wieder so viele Weiße um mich rum zu sehen.“ Knapp eine Woche benötigte sie, um sich wieder einzugewöhnen. Dass die Zeit in Afrika sie verändert hat, spürt Anne immer noch: „Ich bin entspannter und ruhiger geworden. Ich rege mich nicht mehr so schnell über Kleinigkeiten auf und hab einen anderen Blick auf viele Dinge bekommen. Unsere Probleme in Deutschland sind oft Luxusprobleme. In Ghana haben viele Menschen mit existenziellen Problemen zu kämpfen, mit Armut und Krankheit.“ Eine neue, interessante Erfahrung war auch das Essen. Neben jeder Menge Nudeln, Reis und Fleisch lernte Anne viele traditionelle Gerichte kennen, zum Beispiel leckeren Brei, Kochbananen, Reisbällchen, Erdnusssuppe und alle möglichen Variationen mit Bohnen. „Das Essen war oft recht scharf und fettig und schmeckte anders als in Deutschland.“ Aber Anne mochte es – obwohl sie hin und wieder Ausflüge in die Stadt nutzte, um sich eine Pizza zu kaufen. Ein Mal durfte Anne an einer typischen Beerdigung teilnehmen – „sowas läuft in Ghana ganz anders als ab in Deutschland“, erzählt Anne. „Beerdigungen sind in Ghana aufwendiger. Der Tote wird geschminkt, angezogen und mehrere Tage aufgebahrt. Die Familie und Freunde kommen vorbei und nehmen Abschied. Es wird getrauert, aber auch getanzt und gesungen. Das mitzuerleben, war für mich wirklich sehr bewegend.“

Mit ihrer sehr hellen Haut, den blonden Haaren und blauen Augen fiel Anne in Ghana natürlich extrem auf. „Obruni“ wurde sie genannt, was aber keine Beleidigung ist. Alle Fremden werden so bezeichnet. Als hübsche „Obruni“ war Anne eine kleine Attraktion. „Ich wurde oft angesprochen und habe mehr als einen Heiratsantrag bekommen“, lacht sie. Angst hatte sie im fremden Land nie. „Keiner ist mir gegenüber je aggressiv geworden. Im Gegenteil: Alle waren supernett und hilfsbereit.“ Für immer in Ghana zu leben, kann sich Anne aber trotzdem nicht vorstellen – „man bleibt immer ein Europäer, ein Fremder. Integration würde nur bis zu einem bestimmten Punkt funktionieren.“ Aber nochmal nach Ghana hin, das möchte Anne auf jeden Fall, am liebsten schon im nächsten Jahr. Bis dahin wird sie jedem, der sich für Ghana interessiert, von ihren Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen erzählen – von Dingen, die in keinem Lexikon stehen und doch so wichtig und wertvoll sind.

Katrin Roßmann (23 Jahre) aus Cluvenhagen

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