„Willst Du mich oder den Tiger heiraten?“

Ilham Gobel

Gobels Freundin hat wenig Verständnis für seinen Job – aber für den indonesischen Ranger ist klar: „Ich möchte den Wald retten!“ Wenn Gobel stirbt, dann wird ein Engel auf ihn warten. Der Himmelsbote wird ihn fragen, ob es wahr sei, dass er sein Leben lang den Wald geschützt habe. „Ja“, wird Gobel antworten.

Dann wird der Engel die Erde fragen, ob sie das bestätigen kann. „Ja“, wird auch die Erde antworten. Und Allah wird Gobel mit offenen Armen empfangen. Obwohl Ilham Gobel erst 26 ist, hat er schon eine genaue Vorstellung von seinem Tod. Während die meisten Leute in unserem Alter dieses Thema verdrängen, sieht der gläubige Moslem seinem Ende gelassen entgegen. „Ich weiß, dass ich meine Zeit auf der Erde sinnvoll nutze“, sagt er und lächelt breit. Die weißen Zähne bilden einen schönen Kontrast zu seiner dunkelbraunen Haut.

Gobel ist Ranger. Der Indonesier spürt im Nationalpark Tesso Nilo auf Sumatra illegale Holzfäller auf. Der Regenwald auf der sechstgrößten Insel der Welt ist stark gefährdet – und damit auch eine äußerst vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. In den letzten zwei Jahrzehnten ist jede Stunde tropischer Wald in der Größe von 88 Fußballfeldern verschwunden. Waren im Jahr 1985 noch 57 Prozent der 47,3 Millionen Hektar großen Fläche von Sumatra bewaldet, sind es heute nicht mal mehr 30 Prozent. Schuld ist wie so oft: das Geld. Nicht nur der Verkauf von Tropenhölzern bringt ordentlich Asche. Auf den gerodeten Flächen legen Papier- und Zellstoffkonzerne Palmöl- oder Akazienholz- Plantagen an, um den Verdienst noch zu steigern. Wenn sie dafür keine Erlaubnis bekommen, schaffen sie zum Teil illegal Tatsachen. Außerdem holzen auch Einheimische immer wieder unerlaubt Bäume ab, um sie zu verkaufen.

Und da kommen Gobel und seine 17 Kollegen ins Spiel. Jeden Tag ist eine Patrouille im Nationalpark unterwegs, ausgerüstet mit Karten und GPS-System. „Wir halten die Augen und die Ohren offen und fragen die Einwohner, ob sie etwas mitbekommen haben“, erzählt der 26-Jährige. Das Geräusch einer laufenden Motorsäge ist schon von weitem zu hören und weist den Rangern oft den Weg.

Wenn das Team einen Kriminellen aufgespürt hat, nähert es sich langsam und leise. Schließlich teilen sich die Männer auf und pirschen sich aus allen vier Himmelsrichtungen heran. Zwei Ranger bilden dabei die Vorhut, machen Beweisfotos und -videos und geben schließlich das Zeichen zum Zugriff. Gobel pfeift durch die Zähne. Klingt wie ein Vogel. Soll es auch: „Das heißt: Wir greifen zu“, erklärt er. „Die Holzfäller sollen ja nicht merken, dass wir uns nähern. Also kommunizieren wir mit Codes.“ Schusswaffen zur Verteidigung dürfen die Ranger nicht haben, und so begeben sie sich bei jedem Einsatz in Gefahr – klar, dass ihr Auftauchen bei den „Illegalen“, wie Gobel sie nennt, alles andere als Begeisterung auslöst.

Angst hat er trotzdem nicht. „Natürlich werden wir immer wieder bedroht. Aber wir haben Selbstverteidigungstechniken trainiert. Wenn wir sehen, dass die Hand eines ,Illegalen‘ Richtung Hosentasche, in der vielleicht ein Messer ist, geht, stoßen wir sie weg.“ Mit einer schnellen Handbewegung deutet Gobel an, wie er jemandem den Arm auf den Rücken dreht. Die Ranger bringen die Holzfäller zur Polizei, ihnen drohen bis zu sechs Monate Haft.

Bei Einheimischen machen Gobel und seine Kollegen manchmal aber auch eine Ausnahme und geben ihnen eine zweite Chance. „Wenn wir sie dann noch mal erwischen, kommen sie aber ins Gefängnis“, sagt der Indonesier, und seine Kiefermuskeln spannen sich an. Seit einem Jahr ist Gobel Ranger. Bisher wurde er noch nie verletzt. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er lächelnd. „Um meinen Körper zu schützen, nehme ich Vitamine.“ Der 26-Jährige mit den etwas verwuschelten schwarzen Haaren wirkt sportlich. Unter dem blauen T- Shirt zeichnet sich ein trainierter Oberkörper ab, und auch seine Arme sehen muskulös aus. Gobel und seine Kollegen sind nicht nur oft in unwegsamem Gelände unterwegs, sondern haben auch mit enormen Temperaturen zu kämpfen.

Der Nationalpark Tesso Nilo liegt am Äquator, die Sonne brennt hier oft bei fast 40 Grad. Eine Voraussetzung für alle künftigen Ranger ist deshalb, körperlich fit zu sein. Außerdem müssen sie an einer Fakultät mit dem Schwerpunkt Forstwirtschaft studiert und ein Diplom haben sowie zu Beginn der Ausbildung zwischen 22 und 29 Jahre alt sein. Die Ausbildung wird vom Forstministerium und der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) gestaltet. Sechs Monate lang steht körperliches Training auf dem Stundenplan, außerdem lernen die „Azubis“, wie sie mit illegalen Holzfällern und mit den Einheimischen umgehen müssen.

Der Kontakt zu den Menschen, die in den Dörfern um den Nationalpark leben, ist sehr wichtig, weiß Gobel. „Wir müssen sie davon überzeugen, dass der Wald für uns alle wichtig ist und dass man ihn nicht abholzen darf“, sagt er. „Bäume wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um. Und sie geben uns Essen und Wasser. Ich weiß, dass Palmöl-Plantagen richtig Geld bringen. Aber die Ölpalmen brauchen wahnsinnig viel Wasser, und das fehlt uns dann zum Trinken und im Badezimmer – und genau dafür benötigen wir es.“ Um bei den oft armen Einheimischen ein Bewusstsein für diese Problematik und den Umweltschutz zu schaffen, empfängt der WWF im „Flying Squad Camp“ im Nationalpark Tesso Nilo auch Besucher.

Oft kommen Schulklassen vorbei. Gobel, der „Ökotourismus“ studiert hat, kümmert sich um die Mädchen und Jungs und erzählt ihnen alles über die Lebewesen im Dschungel. „Die Kinder gehen dann nach Hause und berichten ihren Eltern, wie wichtig es ist, den Wald zu bewahren“, erklärt der 26-Jährige.

Gobel ist ein fröhlicher Mensch. Er lacht viel, und seine dunkelbraunen Augen strahlen. Er hat offensichtlich Spaß an seinem Beruf, seiner Berufung. „Ich mag meinen Job“, bestätigt der Indonesier. „Vorher hab ich drei Jahre in Jakarta gearbeitet. Dort gibt es so viel Lärm, so viel Hektik und so viel Stau. Ich wollte in die Natur. Ich liebe den Wald. Und ich liebe seine Bewohner.“ Im Dschungel sehen Gobel und seine Kollegen immer wieder exotische Tiere: Tapire, kleine Bären, Affen, den Rangkong-Vogel, der nur am Äquator lebt... Ein Tiger war allerdings noch nicht dabei. „Leider“, sagt Gobel. „Ich hab schon viele Fußspuren von Tigern gesehen. Und ich wäre so froh, wenn ich auch mal einen echten sehen dürfte.“

Aber was würde er tun, wenn wirklich eins der Raubtiere im Regenwald vor ihm stehen würde? Gobel grinst und zeigt wieder mal seine großen weißen Zähne. „Man sagt, man muss ganz ruhig bleiben und ihm mehrere Minuten in die Augen gucken. Der Tiger will nur wissen, ob man gefährlich ist.“ Tapire, Tiger, das Leben im Regenwald – Gobels Freundin hat wenig Verständnis für seine Leidenschaft. Der Ranger lacht, aber diesmal bleibt sein Blick ernst. „Sie sagt immer: Bist Du mit mir zusammen oder mit dem Wald? Willst Du mich oder den Tiger heiraten?“ Das Paar sieht sich nur selten, denn Gobels Freundin lebt mehr als 1.000 Kilometer entfernt in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht“, sagt der 26-Jährige und seufzt. „Sie liebt die Stadt. Aber ich werde auf keinen Fall zurückgehen. Das hier ist mein Leben. Ich will den Wald retten.“ Er lächelt. Und jetzt lächeln auch seine Augen wieder mit.

Mareike Hahn aus Rehden

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