Willkommen in der Wildnis: Ein Trip nach Sumatra

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Ein kleiner Kerl, der Herzen bricht: Zwei Monate alt ist dieses Elefantenjunge im „Flying Squad Camp“ des WWF auf Sumatra.

Rehden – Grillen zirpen, Frösche quaken, Affen kreischen, ein Bass dröhnt... Ein Bass dröhnt? Müde öffne ich die Augen. Mein Blick fällt auf das rosa Moskitonetz über meinem Bett.

Langsam dämmert mir, wo ich bin. Grillen, Frösche, Affen haben mich schon gestern beim Einschlafen begleitet. Aber jetzt werden ihre Geräusche von den lauten Bässen aus einem dieser Songs, die alle gleich klingen, übertönt. Ich muss grinsen. Im Dschungel hört man Techno.

Ich befinde mich im „Flying Squad Camp“ des World Wide Fund For Nature (WWF) im Nationalpark Tesso Nilo auf Sumatra in Indonesien. Vier Nächte verbringe ich hier mit einer kleinen Gruppe und schaue mir verschiedene Projekte der Naturschutzorganisation an. Das Camp liegt mitten im Regenwald. Die Luft riecht süßlich. Wir sind ganz in der Nähe des Äquators.

Es ist heiß, mehr als 35 Grad bei 60 Prozent Luftfeuchtigkeit lassen den Schweiß strömen. Auch wenn ein paar indonesische Jungs uns deutschen Mädels Komplimente machen – ich weiß, dass das nur daran liegt, dass alle weißen Frauen (und ich bin leider verdammt weiß) für sie attraktiv aussehen. Ich glänze und stinke dank einer Mischung aus Sonnencreme und Mückenschutz, mein Gesicht ist durch die Hitze knallrot, und auf dem Kopf trage ich abwechselnd Hut oder Hutfrisur. Aber es geht hier ja auch nicht darum, schön auszusehen. Schön aussehen, dafür sind im Nationalpark Tesso Nilo die Pflanzen und die Tiere da.

Vor unserem Gästehaus stehen Blumen mit riesigen roten Blüten, schöner als alle, die ich bisher gesehen habe. Neben dem Haupthaus des Camps wächst eine Ananas. Rundherum sind tropische Bäume zu sehen, soweit das Auge reicht. Vögel geben uns den ganzen Tag lang ein Privatkonzert. Und das Kreischen der Affen kommt mir schon nach ein paar Stunden so normal vor wie die Motorengeräusche auf einer mittelmäßig stark befahrenen Straße in Deutschland.

Komfort bietet das Camp nicht, Strom gibt es hier nur wenige Stunden am Tag, und auch das (natürlich kalte) Wasser fließt nicht immer. Dafür teilen wir uns das Bad mit Geckos und allerlei anderem Getier. Ich bin am Waldrand groß geworden und Spinnen gewohnt – aber nicht solche Spinnen: Ich wasche meine Hände in einem Steinbottich im Bad. Plötzlich sehe ich aus dem Augenwinkel, dass sich über mir etwas bewegt. Etwas Großes, Schwarzes. Da sitzt eine Spinne. Handtellergroß, und ich meine eine große Hand. Ich starre sie an, sie starrt mich an – keiner bewegt sich. Nach scheinbar endlosen Sekunden der Reglosigkeit bewege ich mich langsam und ohne den Blick von dem Monster abzuwenden Richtung Tür. Raus, Tür zu, Spinne vergessen.

Etwas später traue ich mich zurück in die Höhle des Achtbeiners. Mit gezückter Kamera, sonst glaubt einem ja in Deutschland kein Mensch. Aber die Spinne ist – weg. Nirgends zu sehen. Zwei Tage später taucht das Viech wieder auf. In unserem Zimmer.

Abgesehen von diesen Momenten nahe einem Herzinfarkt ist die Abgeschiedenheit wahnsinnig entspannend. Kein Internet, kein Fernseher, kein Stress. Handy-Empfang gibt’s nur, wenn ich mein Gerät an ein Kabel lege, das zu einer großen Antenne auf dem Dach führt. Und auch dann bleibt es eine Glücksache. Trotzdem liegen jeden Morgen fünf, sechs Mobiltelefone in einer Reihe auf dem Kabel, und immer wieder greift jemand zu seinem Gerät. Dann schüttelt er den Kopf oder zieht die Mundwinkel zu einem breiten Grinsen nach oben. Wie hat die Menschheit bloß ohne Handys überlebt?

Spätestens beim Frühstück sind solche Fragen – und der unsanfte Techno-Weckruf – vergessen. Denn da ist nicht nur gebratener Reis inklusive, sondern auch der Blick auf eine echte Elefanten-Mama mit ihrem Jungen. Im „Flying Squad Camp“, das der WWF 2004 gegründet hat, leben sieben Elefanten, von denen eine Kuh vor zwei Monaten Nachwuchs bekommen hat. Der Regenwald auf Sumatra, und mit ihm seine super vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, ist stark gefährdet. In den letzten zwei Jahrzehnten ist dort jede Stunde Wald in der Größe von 88 Fußballfeldern verschwunden. Für die vom Aussterben bedrohten Sumatra- Elefanten ein großes Problem: Weil ihr Lebensraum immer kleiner wird, kommt es häufiger zu Zusammenstößen mit Bauern und Dorfbewohnern in der Nähe des Dschungels.

Es kann schon mal passieren, dass ein Elefant versucht, die Küche eines Wohnhauses zu betreten – denn die Tiere brauchen viel Salz, und sie riechen, wo sie es finden. Klar, dass das den Menschen Angst macht. In der Folge haben sie schon viele Elefanten vergiftet.

Deshalb gibt es das „Flying Squad Team“: Neun Ranger reiten auf gezähmten Elefanten und treiben die wilden Artgenossen mit Geräuschen und Licht zurück in den Regenwald. Beeindruckend, wie die Indonesier auf den riesigen grauen Vierbeinern sitzen und wie ruhig und freundlich, geradezu freundschaftlich sie mit den Tieren sprechen, sie füttern und ihnen die Richtung weisen. Auch unsere Gruppe darf auf Elefanten durch den Dschungel reiten. Wahnsinn. Mittags machen wir eine Pause auf einem natürlichen Sandstrand an einem Fluss mitten im Regenwald. Die gezähmten Elefanten laufen um uns rum, neben uns prangt ein echter Tiger- Fußabdruck im Sand. Was für ein schöner Ort. Und was für eine Schande, was hier passiert.

Auf dem Hinweg zum Camp sind wir stundenlang an gerodeten Waldflächen vorbeigefahren, und an Palmöl-Plantagen. Viele Leute holzen hier Bäume ab und bauen Ölpalmen an, zum Teil tun sie das sogar illegal. Denn mit Holz und Palmöl lässt sich viel Geld verdienen. Deshalb ist es für den WWF und seine Mitstreiter nicht einfach, den (oft armen) Menschen andere Einnahmequellen aufzuzeigen und ihnen klarzumachen, dass wir den tropischen Wald schützen müssen, statt ihn noch weiter zu zerstören und seinen Bewohnern ihr Zuhause zu nehmen.

Ja, ich muss zugeben, dass auch ich schuld bin. Klar finde ich Naturschutz gut. Wir haben Ökostrom zu Hause, ich lasse Elektrogeräte nicht auf Stand-by laufen, trenne den Müll, kaufe gerne Bio-Lebensmittel und benutze Recyclingpapier. Papier, ja. Aber was ist mit Büchern, Möbeln oder Küchenrolle? Da hab ich noch nie auf das FSC-Siegel (FSC heißt Forest Stewardship Council) geachtet, das dafür steht, dass der Holzrohstoff aus garantiert nachhaltiger Waldwirtschaft stammt. Wenn ich ehrlich bin, war mir nicht mal richtig bewusst, dass es dieses Siegel gibt. Dabei wäre der Aufwand, darauf zu achten, so klein.

Bei Palmöl ist die Sache schwieriger. Es wird in vielen Nahrungsmitteln verwendet, als Biokraftstoff und in der Industrie. Leider gibt es bisher kein Siegel als Zeichen dafür, dass ein Produkt palmölfrei ist – aber im Internet findet man Anbieter, die genau das garantieren. Spätestens, als an einem Abend im Camp das zwei Monate alte Elefantenbaby tapsig auf mich zuläuft, den Rüssel hebt und fast auf meinen Fuß tritt, schwöre ich mir: So geht’s nicht. Es ist so einfach, etwas für den Regenwald zu tun. Und für den kleinen Elefanten. Damit er eine Zukunft hat.

Mareike Hahn aus Rehden

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