Pflichtlektüre in der Schule:

Schluss mit alten Schinken im Deutschunterricht - lasst uns endlich "Twilight" lesen statt "Romeo und Julia"!

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chili-Autorin Louisa Heyne

Viele von uns bekommen schon beim Anblick dieser fiesen gelben Heftchen aus dem Hause Reclam eine Staublunge. Werdet Ihr auch mit alten Schinken gequält, die nun wirklich nichts, aber auch gar nichts mit uns zu tun haben?

Von Louisa Heyne (15 Jahre) aus Scheeßel

Wir lesen mal kurz rein ins Curriculum klassischer Literatur der Klassen 8 bis 12: „Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden…“ ("Der Schimmelreiter". Soll er doch gleich sagen, er hat’s von Facebook, glaubt ihm ja sonst eh keiner!) Oder der hier: "Sein oder nicht sein"  ("Hamlet". Ja echt, Macker, entscheid Dich mal!).„Nicht die Kinder bloß speist mit Märchen ab“, ("Nathan der Weise". Wer auch immer er ist: Recht hat er – die Erwachsenen und ihre Aufklärungsversuche! Wir wussten schon in der Grundschule, dass die Kinder nicht vom Storch gebracht werden.) „Das war also des Pudels Kern!“ ("Faust" – oh Gott, haben die einen Hund aufgeschnippelt?")

Schön und gut: Zu wissen, wo diese Zitate her sind (und auch voll und ganz deren Sinn verstanden zu haben), gibt 100 Gummipunkte auf dem Allgemeinwissen-Konto. Aber ich kann mir beim bestem Willen nicht vorstellen, dass dadurch die Leidenschaft fürs Lesen im Herzen von desinteressierten Pubertierenden entflammt.

Viel eher treibt der Anblick der fiesen gelben Reclam-Hefte etlichen Schülern den Schweiß auf die Stirn. Ich persönlich bekomme beim Lesen von Bandwurmsätzen, bei denen man sich nicht mehr an den Anfang erinnert, sobald man sich durchgefressen hat, eine Gänsehaut. Und Wörter wie „durchlaucht“, „blümerant“ und „famos“ verursachen ja wohl Hautausschlag. Wenn das Behandeln von Lektüren im Unterricht wirklich zum eigenständigen Lesen anregen soll, sind Motivationskiller wie "Nathan der Weise", "Faust" oder "Andorra" echt kontraproduktiv.

Also, Ihr Deutsch-Lehrer: Wenn Ihr wirklich wollt, dass wir mal ein Buch in die Hand nehmen, dann probiert es doch mal mit etwas, womit man sich auch auf die Straße beziehungsweise in den Schulbus trauen kann, ohne sich dafür zu schämen!

Zugegeben: Poesie ist hübsch, die damalige Lebensweise interessant, die Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten und so, das stimmt schon. Aber wenn die alten Schinken anfangen zu schimmeln, sollten sich unsere Deutschlehrer doch wirklich mal darüber Gedanken machen, dass eine Gesellschaft sind, die sich weiterentwickelt. Die Zeit der Stehkragen und Reifröcke ist nicht nur modisch gesehen vorbei. Ist es angesichts der ganzen Reformen in den letzten Jahrhunderten (eingeführtes Wahlrecht und die Erllaubis, Hosen zu tragen für Frauen, Homosexuellen-Ehe und diese fürchterlichen hautengen Musterleggins) denn wirklich zu viel verlangt, dass sich der Inhalt unseres Unterrichts auch literarisch ein klitzekleines Bisschen weiterentwickelt? Mal ehrlich: Die Lebenswelten eines Kaufmanns zur Zeit des dritten Kreuzzuges sind zwar wahnsinnig fesselnd – aber was hat das mit mir zu tun? Soll ich das etwa auf mein Leben beziehen? Soll es mir für meine weitere Zukunft, vielleicht sogar für meine spätere berufliche Laufbahn helfen?

Und die Behörden sprechen immer noch von „Aufklärungsliteratur"...

Warum trauen sich unsere Lehrer nicht endlich mal an was Neues, satt uns die gleichen Texte vorzusetzen, die auch schon meine Urururgroßtante Frida gelesen hat? Sind die Pädagogen oder die Leute in der Bildungsbehörde vielleicht zu alt, um überhaupt schon mal mitbekommen zu haben, dass nach Goethe, Lessing oder Shakespeare tatsächlich noch andere kreative Köpfe geboren wurden, die was Gutes zu Papier gebracht haben? Oder trauen sie sich schlicht und einfach nicht, vom altbewährten Lehrplan abzuweichen?

Dabei gibt es doch zu fast jedem antiken Werk heute längst schöne, moderne Alternativen im Jugendbuch-Bereich. Nehmen wir zum Beispiel „Romeo und Julia“. Der typische Konflikt: Boy meets Girl, nur leider entstammen sie unterschiedlichen Familien und haben ergo mehr als nur ein Problem. Aber müssen das denn unbedingt die Capulets und die Montagues sein? Tun es nicht auch Vampire und Normalo-Sterbliche? Ein klares Votum für „Twilight!“

Oder Huxleys „Schöne Neue Welt“ – die ist ja wohl inzwischen mal locker von der Gegenwart überholt worden. Nicht nur auf dem Zeitstrahl, sondern auch inhaltlich. Inzwischen gibt es ein ganzes riesengroßes Genre, das sich mit Dystopien beschäftigt. "Panem" ist nur die bekannteste, und aus meiner Sicht durchaus lohnenswert für den Unterricht. Aber auch unbekanntere Geschichten wie „Die Auswahl“, „Uglies“ oder „Numbers“ beschäftigen sich mit alternativen Gesellschaftsorganisationen in der fiktiven Zukunft – allesamt absolut lesenswert und diskussionswürdig.

Mein Plädoyer ist also: Schmeißt die alten Schinken in die Mottenkiste und schafft Platz für spannende, neue Weltliteratur in der Mittelstufe!

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