Wenn die Matroschka zweimal zwinkert...

Zum Sommercamp ging es an den Ladogasee.

Gaberndorf – „Du konntest in jedes Land, in das Du wolltest, und bist nach Russland gekommen?“ Die Frau an der Bushaltestelle in St.Petersburg wirkt irritiert.

Ja, richtig. Ich bin nach Russland gegangen, um in einem Behindertenheim zu arbeiten. Nebenbei habe ich mich (als blutiger Anfänger) einer Ballettgruppe angeschlossen, besuche Events, auf denen ich kein Wort verstehe, gehe auf dem Meer spazieren, das eine dicke Eisschicht überzieht, und mache fast jeden Tag Dinge, die ich eigentlich nicht kann. Und das alles komplett freiwillig.

Ich habe nie Russisch gelernt, aber seit frühester Kindheit blinzelt mich die Matroschka, diese Holzpuppe mit dem Kopftuch, aus meiner Spielzeugkiste an. Ich blinzelte nicht zurück, lernte Englisch, Französisch und Spanisch. Und dann fuhr ich doch nach Russland. Das Programm nennt sich „Europäischer Freiwilligendienst“ (EFD). Europäisch in Russland? Naja, es gibt da eine Sonderregelung, nach der man auch im sogenannten „Drittland“ arbeiten kann. Nicht zu verwechseln mit „Dritter Welt“. Gut, manchmal kann einem das passieren, zumindest auf den ersten Blick. Für Dinge, die der Allgemeinheit gehören, fühlt sich in Russland in der Regel niemand verantwortlich. Sie werden einfach dem natürlichen Zerfallprozess überlassen. Das individuelle Outfit ist da schon ganz was anderes. Mit Leder, Glitzer, Samt und Seide wird der graue Alltag aufgepimpt. Ich hab sogar schon mit bunten Steinchen behängte Herrenschuhe gesehen. Auf meiner Arbeitsstelle wird an solchen alltagsverschönernden Details leider gern gespart. Freizeitbeschäftigung ist für die Bewohner des Behindertenheims vom Staat auch nicht vorgesehen. Darum schickt die Organisation „Perspektiven e.V.“ zusätzlich zum wenigen Pflegepersonal ausgebildete Pädagogen in einige dieser Einrichtungen. So habe auch ich den Weg ins Heim gefunden, allerdings als ungelernte Freiwillige.

Musiktherapeutin darf ich mich nicht nennen, auch wenn meine Arbeit in diese Richtung abzielt. Trotzdem bekomme ich die Freiheit und das Vertrauen, einfach losarbeiten zu dürfen – learning by doing. Am Anfang war der Arbeitsalltag schwierig. Gruppenstunden moderieren trotz mangelnder Sprachkenntnis kostet echt Überwindung. Immer wieder über eigene und fremde Schatten springen. Ich habe versucht, einen Sport daraus zu machen und mit dieser Einstellung eine ganze Palette verschiedenfarbiger Zeiten erlebt. Nicht nur bei der Arbeit, auch in der Freizeit. Das Schöne am Ausland: Man muss nur leben, um zu lernen. Ich treffe mich viel mit Leuten, studiere Texte von Volksliedern ein, koste das Lebensmittelregal im Laden um die Ecke durch, wälze Kinderbücher... Sowas ist nützlich, um Sprache und Kultur kennenzulernen. Manchmal frustriert es meine deutsche Seele zwar, dabei nicht so zielstrebig und systematisch wie geplant vorgehen zu können. Trotzdem: Mut zur Lücke! Es lohnt oft, sich abbringen zu lassen, nicht das Umfeld zu bearbeiten, sondern sich vom Umfeld bearbeiten zu lassen. Und einfach auch mal die Klappe zu halten, diese Erfahrung sollte man nicht unterschätzen. Irgendwann wird dann aus der Deutschen, die zwar leider nichts versteht, aber trotzdem nett ist, wieder Katharina, die auch was beizutragen hat.

Als Kind habe ich es oft bedauert, nicht als Prinzessin geboren zu sein. Jetzt bin ich erstaunt, so lange nicht geahnt zu haben, in welches tolle Land ich hineingeboren wurde. „Wenn Du wissen willst, was ,schön’ bedeutet, musst Du nach Deutschland fahren“, sagen meine russischen Freunde. Anfangs wollte ich das nicht akzeptieren. Es trifft ja auch nicht auf jeden Winkel Deutschlands zu. Aber inzwischen weiß ich, dass es wahr ist. Komfort und Sauberkeit, gute Straßen, geputzte Autos, intakte Häuser – ein Märchenland!

Ich verteidige trotzdem die Schönheit Russlands, wobei ich nicht nur die prunkvollen, zwiebeltürmchengekrönten Sehenswürdigkeiten oder die beachtliche Eiskunstlauf-, Ballett- und Theaterkultur meine. Was mich noch mehr beeindruckt, sind zum Beispiel solche rührenden Gesten wie die „Beinahe-Verbeugung“ beim Gruß oder die selbstverständlich gereichte Hand des Mannes, der der Frau beim Aussteigen aus dem Bus hilft. Sehr oft erlebe ich hier unglaublich geduldige Menschen. Ein echter Russe erträgt alles. Manchmal steigert sich dieser Charakterzug zwar bis zur Passivität, aber im Grunde finde ich es vernünftig, sich nicht aufzuregen über Dinge, die man nicht ändern kann. So bleibt der Kopf frei für das Wesentliche. Lieber eine Sache richtig machen als viele und sich dabei verzetteln. Das russische Wort „Sujeta“ verbildlicht das, es bedeutet sowohl „Eile“ als auch „Nichtigkeit“. In russischen Augen „sujitieren“ Deutsche wahrscheinlich oft. Ich habe mich gern an die Art gewöhnt, mit der viele Russen durchs Leben gehen: Nachdenklich, aber im Hier und Jetzt. Beim Reisen durch Russland mit der Transsibirischen Eisenbahn ist mir sonst noch aufgefallen, dass man in der Stadt Leute in den verschiedensten Uniformen rumlaufen sieht. Von Touristen gerne mit aufs Foto gezerrt: die hübsch angezogenen Matrosen. Und Militär – überall! Sieht man in einer Stadt Uniformen, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, dann stimmt irgendwas nicht.

Es macht mir Spaß, die Kulturen zu vergleichen. Es macht frei, die eigenen Grenzen zu erweitern. Und es lohnt sich immer, sich scheinbar Unmöglichem einfach auszusetzen. Zuerst die Grenzen verschieben und dann langsam lernen, sich im neu gewonnenen Raum zu bewegen. Manchmal ist das auch ein hartes Stück Arbeit. Aber ich bin. Und ich bin freiwillig.

Katharina Helbig (20 Jahre) aus Gaberndorf

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