Was ist Wahrheit?

Syke/Bassum - Täglich sind wir damit konfrontiert, über Wahrheit und Unwahrheit urteilen zu müssen. Unsere Eltern ermahnen uns schon als Kind, immer „ehrlich“ zu sein.

Wenn man als Zeuge vor Gericht aussagt, wird man aufgefordert, „die Wahrheit“ zu sagen, damit der Richter ein gerechtes Urteil fällen kann.

Wahrheit bedeutet also, nicht zu lügen. Aber wenn man nicht lügt, sagt man dann automatisch die Wahrheit? Wenn zwei Menschen unterschiedlicher Überzeugung über etwas sind, wer hat dann Recht? Wer entscheidet darüber, was richtig ist, wenn beides stimmt? Und wie? Durch Gesetze, durch eine Folge logischer Zusammenhänge, die irgendjemand irgendwie festgelegt hat? Kann man Wahrheit überhaupt definieren?

Die Religionen, die Wissenschaft und die Philosophie führen zu unterschiedlichen Weltanschauungen, die wir Menschen brauchen, um uns zurechtzufinden. Aber wie nahe liegen Weltanschauungen an einer allumfassenden Wahrheit, die für alle gilt?

Wahrheit ist manchmal völlig grob, rechthaberisch aufgelegt, hinterlistig und in die Irre führend. Sie lügt, macht aber auch Sachen klarer. Vieles sieht so aus wie sie, aber ein wahres Gesicht ist ihr nicht gegeben. So schwirrt sie wie ein Nebel in jeder Lage um jede Persönlichkeit.

Der wichtigste Weg, auf dem sich die Wahrheit fortbewegt, könnte die Sprache sein. Der Philosoph Sokrates war sich dessen bewusst, als er angeklagt wurde, statt der anerkannten Götter des Staates neue göttliche Wesen einführen und mit der Verbreitung seiner Lehre die Jugend verderben zu wollen.

Sokrates lieferte ein Musterbeispiel der Philosophie, indem er seine Ankläger in gekonnt ausformulierte Dialoge verwickelte, die darauf zielten, dass die Gegner am Ende ihre Position aufgeben und allen seinen Thesen zustimmen mussten.

So war es ihm möglich, den Sinn seiner Vorgehensweise verständlich zu machen. Trotzdem sah ihn das Plenum mit einer knappen Mehrheit für schuldig an. Aber sein eigentliches Ziel, seine Lehre am Leben zu halten, hatte Sokrates erreicht, auch wenn es ihn sein Leben kostete.

Um das, was man für die Wahrheit hält, anderen begreiflich zu machen, ist es also notwendig, richtig und gezielt sprechen zu können.

Sokrates’ Kritiker, die seine Lehre befremdlich fanden, weil sie nicht ihren aufgesetzten Vorstellungen entsprach, hatten andere Wahrheiten. Egal, ob es Scheinwahrheiten waren, die sie von irgendwoher übernommen hatten, oder ob sie wirklich selbst zutiefst davon überzeugt waren – sie fühlten sich angegriffen und verletzt, als jemand da so selbstverliebt die Wahrheiten des Staates ins Wanken bringen wollte. Wahrheit bedeutete für diese Menschen das, was dem Glauben der Masse entsprach.

Sokrates wollte sie von diesen Glauben befreien und war zum Scheitern verurteilt, weil es gegen eine solche Masse, die sich gegenseitig unterstützt, nicht möglich ist, sich als Einzelperson mit einer Überzeugung durchzusetzen.

Die Wahrheitsfindung unterliegt vielen Einschränkungen. Zu vielen, um nur eine Lösung zu finden. Deswegen stellt sich das Wahrheitsbild so dar, dass es für jede Person aufgrund anderer Kriterien frei und individuell bestimmt wird. Wahrheit ist also eine sehr persönliche Angelegenheit. Man erreicht sie für sich am ehesten durch seine Erfahrungen im Leben und die sich daraus gebildeten Überzeugungen.

Die Art, in der sie vertont wird, ist für die Wahrheit an sich genauso nebensächlich wie die Zahl der Menschen, die von ihr überzeugt sind. Es gibt eigentlich gar nichts, das für uns alle gleichermaßen gilt. Vielleicht unsere Idealvorstellung vom Leben. Wenn wir mal ehrlich sind, dann wünschen wir uns doch alle ganz spießig und egoistisch: Gesundheit, eine glückliche Kindheit, eine gute schulische und berufliche Ausbildung, Zufriedenheit, viel Geld, Menschen, die wir lieben. Jeder wünscht sich, glücklich zu sein.

Die Vorstellungen vom Glück sind natürlich überall auf der Welt etwas unterschiedlich. In afrikanischen Ländern wie Niger oder Burkina Faso sind die Menschen schon glücklich, wenn sie sauberes Wasser und regelmäßige Nahrung bekommen. In Amerika flippen die Leute aus, wenn sie mit ihrem Geländewagen mal zwei Minuten im Stau stehen.

Wir haben eine Ordnung und persönliche Vorstellungen, nach denen wir uns richten, abhängig von unserer Gesellschaft und unserem Lebensstandard. Aber jeder Mensch sucht irgendwann nach einem Sinn in seinen Handlungen, also auch in seinem Leben. Ob das Spaß ist oder Reichtum, Liebe oder Erfolg. Wir versuchen, uns die Welt irgendwie zu erklären, um unser Leben zu verbessern. Wahrheit ist aber nicht nur eigene Erfahrung, sondern auch Wissen. Ein Herzschlag, eine Lunge und ein Gehirn reichen nicht aus, um zu überleben. Wir müssen unser Gehirn mit Informationen füttern, damit Körper und Geist eine Einheit bilden. Fehlt das eine, kann es das andere nicht geben. Die Informationen, die wir unserem Speicher geben, können dabei aber total unterschiedlich sein.

Durch diverse Massenmedien sind wir aktuell eher auf Konsum ausgerichtet als auf die eigenständige Benutzung unserer grauen Zellen. Wir werden überflutet mit Informationen, so dass wir fast alles wissenschaftlich begründen können. Schon lange haben wir verlernt, uns unsere eigene Welt ohne stichhaltige Beweise zusammenzureimen.

Trotzdem haben wir zum Beispiel alle ein Bild vor Augen, wenn wir Begriffe wie „Einhorn“, „Drache“, „Elfe“, „Vampir“ oder „Kobold“ hören. Aber weil wir nicht beweisen können, dass es diese Fabelwesen gibt, glauben wir auch nicht an sie. Viele Menschen glauben aber auch an einen Gott, ohne beweisen zu können, dass es ihn gibt.

Was ist die Wahrheit über Gott, uns und unser Leben? Darüber werden wir wohl nie zu einer absolut sicheren Erkenntnis gelangen. Aber ist es nicht schön, auch einfach mal zu glauben, statt immer nur zu wissen? ´

Es ist doch erstaunlich, durch solche Überlegungen seinen Horizont zu erweitern. Wir überwinden unsere eigenen Einschränkungen, versetzen uns gedanklich in unbekannte Szenarien, beleuchten unser Leben und gelangen dadurch zu neuen Erkenntnissen – faszinierend.

Denn rein wissenschaftlich lassen sich viele unserer Fragen längst nicht mehr beantworten. An dieser Stelle hilft also nur Philosophie weiter. Aber feste Wahrheiten bleiben eine Illusion, die nicht zu erreichen ist. Denn die Philosophie kann – anders als die Wissenschaft – nicht mit allgemeingültigen Beweisen arbeiten.

Selbst wenn ich eine These für mich durch sinnvolle Überlegungen als die Wahrheit bestätigt hätte – ich müsste alle meine Gedankengänge für die Übernahme der Behauptung als Tatsache nachvollziehbar dokumentieren, so dass sie niemand mehr infrage stellen könnte. Aber allein schon, wenn ich solche komplexen Gedanken in Sprache fassen würde, würden Ungenauigkeiten, Verfälschungen und Fehldeutungen auftauchen. Sprache baut nun mal auf ihrer jeweiligen Kultur auf. Sie könnte meine Gedanken zum Teil gar nicht richtig deuten und übersetzen.

Aber es ist auch nicht immer nötig, über alles die Wahrheit zu kennen. Der Mensch konnte sich prächtig zur dominierenden Spezies auf der Erde entwickeln, ohne dabei immer über alle Hintergründe der Existenz informiert gewesen zu sein. Und schließlich lebt es sich doch auch glücklicher, wenn man zwar seine persönlichen Überzeugungen besitzt, aber eben nicht alles weiß. Es wäre eine schreckliche Vorstellung, wenn jeder alles wissen würde. Wofür würden wir denn dann noch leben?

Julia Telis (17 Jahre) aus Bassum und Tobias Kortas (18 Jahre) aus Syke

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