"Während der Stunts fühle ich mich frei"

Amadei Weiland.

Berlin - Begleitet von feinem Schneeregen legt sich die Dämmerung über Berlin. Hier und dort ein Hundekläffen, sonst wirken die Wohnviertel wie verlassen. Dann, ganz plötzlich, ertönt Fußgetrippel. Fünf dunkle Gestalten huschen durch die Gassen.

Sie schwingen sich über hohe Mauern, erklimmen ein Baugerüst, springen von dort auf ein Vordach und gleiten an einer Straßenlaterne hinunter auf einen Hinterhof. Ohne Pause laufen sie weiter. Man könnte denken, sie flüchten vor jemandem - aber der Schein trügt...

Die fünf Gestalten sind Extremsportler. Auf ihrem Weg durch die Dunkelheit überwinden sie sämtliche Hindernisse. Egal, ob Zäune, Müllcontainer, Telefonzellen, Garagen oder auch Hochhausschluchten: Ständig müssen neue Herausforderungen her. Szenen wie aus einem Actionfilm - Amadei Weiland (21) erlebt sie täglich. Der Student trainiert mit vier Kumpeln an verschiedenen Orten in Berlin "Parkour".

Diese Sportart hat ein gewisser David Belle Anfang der 80er Jahre in einem Vorort von Paris erfunden. Grundtechniken gibt es nicht, bei jedem Hindernis suchen die Sportler nach der effektivsten Methode, um es zu überwinden. Amadei liebt es, sich dabei an sein körperliches Limit zu tasten. Nur so kann er die natürlichen Grenzen seiner Umgebung bezwingen. "Während der Stunts fühle ich mich frei", erzählt der Student der Betriebswirtschaftslehre.

Wo andere eine Leiter brauchen, benutzt er seine Muskelkraft. So gelangt er schnell an die verrücktesten Orte. Inspirieren lässt sich Amadei durch Videos aus dem Internet, zum Beispiel auf Youtube, und Filmausschnitte. Wie die Anfangsszene von "James Bond - Casino Royal". Schauspieler Daniel Craig jagt darin auf einem Baukran einen Terroristen und springt von Dach zu Dach - nicht etwa mit dem Auto, sondern spektakulär zu Fuß.

Kunststücke in dieser Größenordnung erfordern eine gute Vorbereitung. Amadei und seine Freunde trainieren deshalb unter anderem auch in einer Turnhalle. "Wir fangen klein an. Man versucht zum Beispiel, mit einem Rückwärtssalto von etwas herunterzuspringen. Wenn das sicher klappt, probieren wir es aus höherer Entfernung zum Boden", sagt er.

Mittlerweile ist Amadei seit etwa sechs Jahren dabei. Wirklich schlimm verletzt hat er sich bisher erst ein Mal. "Da hatte ich eine Gehirnerschütterung. Ich wollte einen Salto von einer Mauer machen und bin dabei abgerutscht. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr. Ich war wohl kurz ohnmächtig."

Natürlich springt ein gewisses Risiko immer mit, aber Amadei glaubt, die Gefahr gut einschätzen zu können. Angst sei etwas ganz Normales, besonders bei SprÙngen über Dächer und so etwas. "Wenn ich weiß, dass ich den Sprung trotzdem schaffen kann, lasse ich mich davon nicht einschüchtern." Lediglich bei Selbstzweifeln sollte man eine Übung lieber lassen, betont der 21-Jährige.

Eine seiner Lieblingsdisziplinen ist der "Tik-Tak". Bei diesem Stunt springt der "Parkour"-Läufer zwischen zwei eng aneinander stehenden Mauern hin und her. Er arbeitet sich auf diese Weise nach oben. Angesichts von Schwerkraft, wenig Haftung und einem 90-Grad-Winkel ist klar, wie höllisch schwer diese Übung ist. "So schnell macht uns das keiner nach", sagt Amadei und grinst. "Deshalb ist dieser Sport auch ein ziemlicher Hingucker für die Mädels."

Bei manchen bleibt es aber nicht nur beim Gucken: Immer mehr Frauen probieren "Parkour" auch selber aus. Wettstreits gibt es übrigens nicht, das gehört zur Philosophie des Sports. Amadei wird trotzdem weiterhin versuchen, immer besser zu werden. Bis er irgendwann wirklich an seine Grenzen stößt.

Von Jan Schmidt (23 Jahre) aus Twistringen

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