Glücklich im 14. Nebenjob

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Sie hat fast alles gemacht und gerne auch gleichzeitig: Viviane arbeitete neben Schule und Studium in 13 verschiedenen Jobs, um sich ihren Lebensunterhalt in Berlin zu sichern.

Von Rafael Kaluza. Als ein Arbeitskollege fragte, wann sie ihren nächsten Einsatz im Supermarkt habe, musste Viviane Cismak (21) lachen. Drei bis vier Stunden Arbeit im Supermarkt als Einsatz zu bezeichnen – ein bisschen krass. Aber genau aus dieser Frage gebar sie die Idee zu ihrem neuen Buch.

„Einsatz am Wurstregal“ erscheint nächste Woche und enthält ihre zahlreichen Erfahrungen mit Nebenjobs. Denn Viviane arbeitete nicht nur im Supermarkt. Seit sie mit 17 Jahren nach Berlin gezogen ist, hat sie 13 verschiedene Jobs gemacht, um Miete, Essen und Klamotten zu finanzieren. Manchmal hatte sie sogar drei Jobs gleichzeitig. Mittlerweile studiert Viviane Jura. Warum sie diese Anstrengungen in Kauf nahm und was sie Verrücktes erlebt hat, verriet mir die junge Buchautorin im Interview.

Sag mal, machst Du eigentlich alles für Geld?

„(lacht) Ich glaube nicht, wobei kommt drauf an, wie viel Geld.“

Gibt es einen Job, den Du niemals machen würdest?

„Ich finde Call-Center schwierig, ich hab das zwar noch nie gemacht, aber schon schlimme Sachen gehört. Und Prostitution, weil Du ja schon so fragst.“

Was waren die verrücktesten Sachen, die Du erlebt hast?

„Verrückt gut war es zum Beispiel als Baum verkleidet auf Inlinern durch die Berliner Innenstadt zu fahren und Äpfel zu verteilen. Das war für so ein Skate-Event und hat wirklich Spaß gemacht. Und die Bezahlung war auch gut. Es gab aber natürlich auch nicht so gute Situationen.“

Welche Arbeit war denn einfach nur ätzend?

„Im Winter bei minus fünf Grad vier bis fünf Stunden am Tag auf der Straße Flyer zu verteilen für eine Bratwurstflatrate – und das am Prenzlauer Berg, wo die Leute ein bisschen ökologisch korrekter und viele Vegetarier sind. Da musste ich mir anhören, dass ich eine Tiermörderin bin. Für fünf Euro die Stunde ist das alles andere als angenehm. Oder bei brütender Hitze im Sommer für 30 Euro Grundgehalt am Tag elf Stunden den Leuten Spendenverträge andrehen.“

Hast Du bei einem Job schon nach einer Stunde gesagt „Nie wieder!“?

„Nicht ganz. Bei dem Job mit der Spendenaktion im Sommer hab ich tatsächlich zwei Tage durchgehalten – man glaubt es kaum. Da hab ich mich am zweiten Tag noch mal hingequält, aber am dritten Tag konnte ich schon nicht mehr laufen nach den elf Stunden in der Hitze. Man durfte nämlich nicht stehen bleiben, weil das unmotiviert auf die Passanten gewirkt hätte. Dabei haben die sowieso keine Spendenverträge unterschrieben, das wäre total egal gewesen, ob ich da gesessen hätte oder nicht.“

Bei welchem Job hast Du am meisten beziehungsweise am wenigsten verdient?

„Am wenigsten für die Spendenorganisation und die Bratwurstflatrate. Besonders gut bezahlt wurde die Arbeit als Engel im Flughafen zur Weihnachtszeit – zwölf Euro die Stunde. Und das war eine sehr nette Arbeit, es gab keine extremen Temperaturbedingungen, die Leute waren angenehm gestimmt, obwohl es oft extreme Flugverspätungen gab. Und man hat viele Pausen gemacht, eigentlich mehr, als dass man gearbeitet hat – das war schon ein Topjob. Und als fahrender Baum hab ich auch zwölf Euro die Stunde verdient.“

Warum bist Du mit 17 nach Berlin gezogen?

„Das war ziemlich spontan. Ich hab vorher in Darmstadt gewohnt und das hört sich ja schon nicht so cool an. Mit 17 denken viele ans Ausziehen und ich hab's tatsächlich gemacht. Warum nicht mal was wagen? Die Wohnungen in Berlin sind nicht so teuer, man kann das schon bewältigen. Ich hab dann zwei Jahre im Coffee-Shop gearbeitet, bis ich Abi gemacht hab. Das war zwar nicht so gut bezahlt – 6,40 Euro die Stunde ist kein Traumgehalt – ich hatte aber feste Einsatzzeiten und hab regelmäßig mein Gehalt bekommen. Und in den Ferien hab ich noch andere Jobs gemacht, zum Beispiel als Engel gearbeitet. Das kann man natürlich nicht im Sommer machen. So haben sich die Jobs summiert.“

Gab’s keinen Moment, in dem Du trotz Deiner Jobs große Geldsorgen hattest?

„Immer wenn das Geld zu knapp wurde, hab ich auch Jobs angenommen wie das Flyer verteilen für diese Bratwurstflatrate. Ich hab immer pünktlich meine Miete gezahlt, da bin ich schon ein bisschen stolz drauf.“

Zu Deinem Buch: Geht’s nur um die Jobs oder spielt auch Dein Leben drumherum eine Rolle?

„Hauptsächlich geht’s um die Jobs – für jeden ein Kapitel. Es gibt auch Geschichten von Freunden, die interessante Sachen in verschiedenen Jobs erlebt haben. Zum Beispiel hat Anabelle im Stripclub probegearbeitet, fand das aber nicht so toll, weil sie weit weniger Geld verdient hat, als man sich das vorstellt. Und eine andere Freundin hat in Wacken auf dem Heavy-Metal-Festival gearbeitet und Werbung für den ,Ficken’-Likör gemacht. Kennst Du den?“

Na klar, kenne ich den. Klingt nach einem lustigen Job.

„Ja. (lacht) Den Schnaps hat sie für einen Euro verkauft und dabei hatte sie ein T-Shirt an, auf dem vorne fett ,Ficken’ draufstand. Das Kapitel heißt ,Ficken für einen Euro’ – den Scherz musste ich mir mal erlauben. Noch eine andere Freundin hat in einem Klamottenladen an der Kasse gearbeitet. Da gab es diese Geschenkgutscheinkarten und viele Leute haben das, was trotz des Gutscheins noch über war, mit der EC-Karte bezahlt. Die Geschenkgutscheine wurden danach durchgeschnitten. Meine Freundin stand mit den beiden Karten in der Hand da, war noch ein bisschen verkatert und hat aus Versehen die EC-Karte durchgeschnitten. Da war die Freude bei der Kundschaft natürlich richtig groß.“

Hast Du während des Schreibens auch noch Nebenjobs gemacht?

„Nein, mein letzter war im Supermarkt am Wurstregal. ich glaube, das wäre neben meinem Studium und dem Schreiben auch zu viel geworden. Ein bisschen Entspannung muss ja auch mal sein. Jetzt ist eigentlich der Autorenjob mein 14. Nebenjob. Man wird zwar nicht reich davon, aber als Nebenjob ist es allemal geeignet.“

Arbeitest Du schon am nächsten Projekt?

„Ich bin in der Ideensammelphase. Ich würde mich als nächstes gerne Richtung Roman orientieren. Weil ,Schulfrust' war schon sehr Ich-bezogen und in ,Einsatz am Wurstregal' geht es auch um meine Erfahrungen.“

Würdest Du alles wieder so machen?

„Nach Berlin zu ziehen, war auf jeden Fall die beste Entscheidung meines Lebens. Das war natürlich anstrengend, aber man hat sehr viele Erfahrungen gemacht. Und hätte ich noch zwei Jahre in Darmstadt rumgegammelt, wäre das nicht so toll gewesen. Ich hab mir das ja auch immer so eingeteilt, dass ich trotz der Jobs abends noch Party machen konnte. Und ich glaube Party in Berlin ist wesentlich cooler als Party in Darmstadt.“

Was nimmst Du mit aus Deinen vielen Jobs?

„Wenn ich jetzt jemanden sehe, der sich auf der Straße abrackert und Flyer verteilt, dann nehm ich dem halt mal was ab – ist ja eigentlich auch kein Problem. Wenn man um die Ecke ist, kann man die ja in die Mülltonne schmeißen, der Mensch freut sich, weil er ein paar losgeworden ist. Oder wenn im Coffee-Shop jemand neu ist und ein bisschen langsam ist, sehe ich das jetzt entspannter und bin toleranter gegenüber denen, die da arbeiten.“

Zum Schluss: Kannst Du einen Tipp geben, wie man an die besten Jobs kommt?

„Ich würde auf die Bezahlung achten. Wenn da eine Mörderprovision angegeben ist, die man bekommen kann, wenn man gut ist, sollte man nicht davon ausgehen, dass man tatsächlich so gut ist. Ein festes Grundgehalt ist eindeutig besser.“

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