Geheimorte:

Wir sind dann mal weg

Wo wir hingehen, wenn Eltern, Stress und Schule nerven: Sechs chili-Autoren erzählen von ihren Geheimorten, an denen sie sich für ein paar Stunden unsichtbar machen

Von Kimberley Kirchmann

Es kommt mir so lange her vor, aber eigentlich sind es ja nur einige Jahre, da bin ich mit meinen Freunden durch Maisfelder gelaufen. Dreckig, aufgeschürft, aber sehr glücklich, immer den Wind in den Haaren. Den ganzen Tag konnten wir uns in Feldern verstecken. Oder wir haben riesige Weidenruten an einem Baum aufgereiht und dieses Tipi zu unserem Hauptquartier ernannt. Wir haben geheime Clubs gegründet, hatten Erkennungszeichen und waren in unserer eigenen Welt.

Wir hatten viele solcher Geheimorte. Aber es gibt einen, den ich deutlicher als alle anderen in Erinnerung habe. Und das ist nicht der Heuboden des Bauern, wo wir heimlich die Leiter raufgeklettert sind und Höhlen gebaut haben, bis uns der Bauer verflucht und weggescheucht hat. Nein, es war ein einfacher Ort am Feldrand. Eigentlich nur zwei hochgewachsene Büsche, die ineinander gewachsen sind und so eine Höhle mit einer schön geformten Kuppel formten. Diese Höhle war ziemlich groß, und die Zweige und Blätter waren so dicht, dass uns niemand von außen sehen konnte.

Dort haben wir uns getroffen, haben unsere Namen in den Stamm geritzt und immer mehr Dinge angeschleppt, die wir meinten, „im Notfall“ gebrauchen zu können. Was auch immer dieser Notfall sein sollte – wir waren auf alles vorbereitet. In dieser Höhle haben wir uns versteckt, nachdem wir auf die Ostereier im Baum der Nachbarn mit Edding lustige Gesichter gemalt hatten, den Fußball der Jungs versteckt oder Liebesbriefe im Namen von anderen (auf keinen Fall mit unseren eigenen Namen!) geschrieben und sie Jungs und Mädchen in der Straße in die Briefkästen gesteckt hatten... Wir kamen uns knallhart vor und haben uns in unserer Höhle halb totgelacht.

Ich erinnere mich besonders an einen warmen Nachmittag irgendwann im Sommer. Wir sind durch die Gegend gerannt, haben alle unsere Verstecke abgeklappert, neue Geheimwege gesucht und sind auf zig Bäume geklettert, weil unser nächster Plan war, ein Baumhaus zu bauen. Erschöpft schmissen wir uns auf die zerschlissene Decke, die wir in der Höhle ausgebreitet hatten. Wir lagen auf dem Rücken, und wenn man hochstarrte und die Augen zusammenkniff, schoss das Sonnenlicht an winzigen Stellen durch die dichten Blätter. Und wenn man länger drauf schaute, dann waren das Geäst und die Blätter dunkel wie der Nachthimmel, und die kleinen Lichtpunkte sahen aus wie zig Sterne, die am Himmel vor sich hinfunkelten. So lagen wir den ganzen Nachmittag da und sahen in unserer endlosen Fantasie die Sterne am Himmel funkeln. Daher war auch der Name unseres Verstecks: „Die Sternenhöhle“.

Bei all den vielen Verstecken – und wir hatten wiegesagt sehr viele – war die „Sternenhöhle“ das Besonderste für mich. Darin hatten wir so schöne Stunden, und wenn wir dort lagen und in den Himmel guckten, dachten wir, uns gehöre die Welt. Weil wir aus dem Tag Nacht machen und die Sterne am Himmel heraufbeschwören konnten. Einfach nur dadurch, dass wir daran glaubten.

Von Aline Knake

Du hast Dich vor den Augen Deiner gesamten Klasse bis auf die Knochen blamiert. Du hast Dich mit Eltern oder Freunden gestritten, und es sind ganz fürchterlich die Fetzen geflogen. Oder Du hast was angestellt und weißt jetzt schon, dass es richtig Stress geben wird. Warum auch immer – plötzlich wünschst Du Dir nichts sehnlicher, als einen geheimen Ort zu finden, den keiner sonst kennt. Einen Ort, an dem man ganz ungestört in Selbstmitleid und Weltschmerz versinken kann.

Gut, dass heutzutage fast jedes Kind ein eigenes Zimmer hat, in dem es sich einschließen kann. Weniger gut, wenn man – wie ich – eine Mutter hat, die erstens Erzieherin ist und zweitens einen sehr ausgeprägte Sinn für Sicherheit hat. Dann kann man nämlich das Pech haben, dass sie es pädagogisch wertvoller und sicherer findet, wenn man keinen Schlüssel für die Tür hat („Wenn es mal brennt und Du hast abgeschlossen?!“).

Weil ich leider kein geheimes Baumhaus hatte, wie alle Kinder in den Büchern, die wir so lesen, musste ein Ersatz her. Der einzige abschließbare Ort, der in Frage kam, war mein Kleiderschrank. Dass man den von außen einfach aufschließen konnte, habe ich gekonnt ignoriert. Genauso die Tatsache, dass meine Mutter relativ schnell kapiert hat, wo ich jedes Mal hin war, wenn es Stress gab. Trotzdem habe ich viele Stunden in diesem Kleiderschrank verbracht.

Wann immer ich den „klärenden Gesprächen“ oder den (weniger klärenden) Standpauken meiner Mutter aus dem Weg gehen wollte, ging es sofort in den Schank rein. Es war zwar dunkel und eng, aber wenigstens konnte ich in Ruhe über die Ungerechtigkeit der Welt nachdenken. Natürlich hatte ich auch die geheime Hoffnung, irgendwann hinter dem Schrank mein privates „Narnia“ zu finden…

Mittlerweile bin ich aus meinem Schrank rausgewachsen – im wahrsten Sinne des Wortes – und gehe lieber eine Runde im Wald joggen, um mich abzureagieren und den Kopf frei zu kriegen. Ganz nebenbei: Im Wald sieht’s tatsächlich ein bisschen mehr aus, als wäre ich in „Narnia“.

Von Vanessa Mahlstedt

Wo genau mein Geheimort lag, an den ich mich immer zurückzog, wenn ich alleine sein wollte, verrate ich nicht! Schließlich ist es dann kein Geheimnis mehr. Nur so viel: Es gab mal so einen Ort, der versteckt im Buchenwald lag. Nicht weit weg von meinem Zuhause. Es war ein umgeknickter Busch, der sich bogenförmig über den Boden wölbte. Dort habe ich mit alten Brettern, Stöckern und Plastikplanen ein regensicheres Dach gebaut und es mir gemütlich gemacht.

Endlich hatte ich einen geheimen Stützpunkt, den niemand kannte! Dort bin ich hingegangen, wenn ich Ärger hatte, vor allem mit meinen Eltern. Wenn ich mal meine Ruhe brauchte. Manchmal bin ich aber auch einfach nur hergekommen, um in der Sonne zu liegen und nachzudenken.

Leider blieb mein streng geheimer Ort nicht lange so geheim, wie ich es mir wünschte. Sowas passiert gelegentlich, wenn man einen neugierigen Bruder hat. Der fand meinen Stützpunkt nämlich irgendwann und zerstörte ihn. Aber diese Tatsache hinderte mich nie daran, mir immer wieder neue geheime Stützpunkte zu errichten, die vor meinem Bruder sicher waren. (Und im Gegenzug seinen geheimen Ort aufzuspüren und es ihm heimzuzahlen.)

Von Jan Hoffmann

Seit fast drei Jahren steht ein Waldgebiet am Rande von Nienburg unter meiner „Chillkontrolle“. Ich benutze es regelmäßig als geheimen Rückzugsort.

Ich bin zwar schon ein Mensch, der Probleme gut verarbeiten kann. Ich brauche dazu nicht viel, und besonders still muss es auch nicht unbedingt sein.

Als Kind habe ich oft Wälder als geheime Orte genutzt, in denen ich mich verstecken und in eine eigene, Welt eintauchen konnte. Heutzutage fliehen die meisten von uns ja eher in virtuelle Welten, wenn sie abschalten und die Welt um sich rum vergessen wollen. Leider. Ich gehe immer noch lieber in den Wald.

Einfach ohne Ziel in die Ferne maschieren, die Einsamkeit genießen, keinem Menschen begegnen – das beruhigt mich, dabei kann ich am besten neue Kraft schöpfen. Natürlich immer in Verbindung mit einer zweiten, für mich sehr wichtigen Komponente: Musik! Ich liebe den Sound der Natur auch ohne Zusatzgeräusche, aber mit Musik wirkt es bei mir noch besser!

Klingt vielleicht komisch bei jemanden in meinem Alter. Aber für mich sind die Natur und die Musik einfach die vollkommendsten Entspannungsmöglichkeiten überhaupt. Besonders liebe ich diese Spaziergänge, wenn es draußen ganz kalt ist. Oft gehe ich erst nachmittags los und laufe bis zur Dämmerung durch den Wald. Mag sein, dass mich andere deswegen als bescheuert und depressiv einstufen – für mich ist das der Gute-Laune-Bringer und der hilfreichste Rückzugsort schlechthin.

Wenn ich so alleine durch den Wald gehe, sammle ich Inspiration. Was während dieser Stunden in meinem MP3-Player läuft, variiert von bassig bis chillig. Ich liebe es, die Luft zu atmen, die rein und unverbraucht ihre Bahnen zieht, und die Erde unter meinen Füßen zu spüren. Das gibt mir ein Stück von der Freiheit zurück, die ich in dieser von Stress geprägten Zeit kaum mehr wahrnehme.

Von Lisa Brenk

Immer, wenn ich mit meinen Brüdern oder Eltern Streit hatte, wenn ich mich einsam fühlte und nicht verstanden, habe ich mir einen Rückzugsort, ein Refugium, geschaffen.

Ich baute mir einen Unterschlupf, egal, wo ich gerade war. Meistens draußen im Garten oder im Wäldchen hinterm Haus. Manchmal drinnen in meinem Zimmer. Dazu brauchte ich nicht viel. Mal einen Besenstiel, ein Bettlaken und ein paar Kissen, mal einige Stöcker und eine alte Plane.

In meinem Refugium war ich vor allen sicher. In meiner Vorstellung konnte mich darin niemand finden, denn sobald ich die Decke oder Plane hinter mir geschlossen hatte, war ich nicht mehr in meinem Zimmer oder im Wald, sondern weit weg. Auf einer fernen Insel, in einer Steppe oder auf einem Schiff – eben da, wo ich gerne sein wollte. An Orten, von denen niemand wusste. Nur ich – ganz allein und ganz im Geheimen.

Von Carla Brüggenwirth

Ich hatte auch so einen Geheimort. Er lag unter der Erde. Das klingt im ersten Moment jetzt vielleicht ein wenig gruselig, aber das war es nicht. Feuchtigkeit, Spinnenweben und Kellerasseln gab es da nämlich nicht – oder ich habe sie wenigstens nicht entdeckt.

Okay, ich löse es auf: Mein geheimer Rückzugsort lag im Keller unter unserem Haus. Wenn ich Ruhe brauchte, habe ich mich die Treppe runtergeschlichen. Das war das Schwierigste, schließlich liegt die Treppe zum Keller mitten in unserem Haus, und mich sollte ja keiner erwischen. Ich zog mich dahin zurück, wo die Regale mit dem ganzen Kram stehen. Ich nahm mir dann immer ein Kissen und eine Taschenlampe mit und war zufrieden. Denn dort unten hat mich einfach keiner gefunden und ich hatte meine Ruhe.

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