Der Damen-Dieb

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Schach - das Spiel für Könige.

Bauernfänger. Damen-Dieb. Königsmörder. Thore Perske ist bestimmt nicht beleidigt, wenn ihn jemand so bezeichnet. Wahrscheinlich nicht mal peinlich berührt. Denn er schlägt jeden Tag Bauern vom Feld und killt Könige wie andere Menschen Mücken.

Von Kimberley Kirchmann (20 Jahre) aus Kirchweyhe

Dabei sieht der 14-Jährige eigentlich ganz nett und friedlich aus. Aber sobald er am Spielbrett sitzt, wird er zur Kampfmaschine. Nicht umsonst ist Thore Deutscher Schachmeister in seiner Altersklasse. Wir haben ihn interviewt.

Thore, die meisten in Deinem Alter zocken Computerspiele oder spielen Fußball. Du verbringst Deine Freizeit am Schachbrett. Wann hast Du damit angefangen? Und wie kam das?

„Vor sechs Jahren. Am Anfang hab ich immer mit meinem Opa oder Vater gespielt. In der Grundschule hat mich dann irgendwann mein bester Freund gefragt, ob ich nicht mal mit ihm in einen Schachverein gehen will. Und da hat’s mir gut gefallen, ich hab beim Training gemerkt, dass ich ein bisschen Talent für Schach habe und es mir ungemein Spaß macht, zu grübeln, logisch zu denken und den Gegner einzuschätzen. Bevor ich ans Schachspielen kam, hab ich Sudoku-Rätsel gelöst. Ich war also immer schon der logisch Denkende.“

Wie läuft das Training in einem Schachverein ab?

Grübeln ist sein Fachgebiet: Thore am Schachbrett.

„Wir spielen gegeneinander oder haben Einzeltraining. Irgendwann hat der Trainer beschlossen, mich außerhalb des Vereins auch zu fördern und zu Hause mit mir zu trainieren. Ich hab vor drei Jahren meinen privaten Trainer gewechselt, um mehr Neues und andere Schach-Erfahrungen dazuzulernen.“

Wie viele Stunden in der Woche spielst Du Schach?

„Unterschiedlich. Ich habe momentan auch viel mit der Schule zu tun. Aber so drei bis vier Stunden in der Woche spiele ich immer mit meinem Trainer. Und alleine für mich noch mal so zehn, zwölf. Dann spiele ich am Computer, gucke mir Partien an oder sitze vorm Schachbrett und überlege mir gute Züge.“

Was war Dein kniffligstes Schachspiel bisher?

„Die meisten Partien dauern zwischen drei und fünf Stunden. Aber wenn ein Spiel länger dauert – so sechs, sieben Stunden, das ist auf Turnieren oft so – lässt die Konzentration sehr nach. So lange Spiele sind wirklich anstrengend und kräfteraubend, weil Du ja immer hundertprozentig beim Spiel sein musst. Das entwickelt sich jedes Mal so individuell, dass man nie was voraussagen und sich ausruhen kann. Mein längstes Schachspiel war sieben Stunden lang – danach war ich echt fertig.“

Wie läuft so ein Schach-Turnier überhaupt ab?

„Meist kommen so zwischen 100 und 200 Spieler, oft von weit her. In der Regel spielt man zwei Runden Schach am Tag – eine morgens, eine abends. Aber es gibt nicht nur Turniere, die für jeden zugänglich sind, sondern auch eine EM und die WM – da sieht man schon mal ein bisschen was von der Welt. Ich war schon drei Mal bei einer WM dabei – in Slowenien, Griechenland und Brasilien. Leider verbringt man die meiste Zeit im Spielsaal und sieht nicht viel vom Land, aber den Flug über Sao Paulo werde ich zum Beispiel so schnell nicht vergessen! Die WM selbst dauert eineinhalb bis zwei Wochen. Es gibt elf Runden, an jedem Tag wird eine Runde gespielt. Das waren die längsten Turniere, die ich bis jetzt gespielt habe. Und die teuersten. Denn man muss Unterkunft, Hin- und Rückflug selber finanzieren. Nur wenn man Deutscher Meister ist, bekommt man die Kosten vom Deutschem Schachbund erstattet.“

Du bist Deutscher Meister in Deiner Altersklasse. Wie schwer wird es, den Titel 2014 zu verteidigen?

„Das will ich auf jeden Fall, aber es könnte echt schwer werden, denn ich spiele nächstes Jahr nicht mehr in der U 14-Liga, sondern mit den Älteren. Ich werde aber mein Bestes geben, denn unter die die ersten Drei will ich auf jeden Fall kommen.“

Wie bereitest Du Dich auf große Spiele vor?

„Ich hab schon vor fünf Monaten angefangen, mich auf die WM, die jetzt im Dezember stattfindet, vorzubereiten. Ich arbeite im Vorfeld mit meinem Trainer die Eröffnung aus, probiere neue Varianten und Taktiken aus und spreche alles mit ihm durch. Dieses Jahr ist die Jugend-Schachweltmeisterschaft in Al-Ain, einer kleineren Stadt, die mitten in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate liegt. Unterhalb von Dubai und Abu Dhabi.“

Gibt es einen Brauch unter Schachspielern, die sich bei einer WM treffen?

„Ja, man kann seinen Gegnern eine Kleinigkeit aus seinem Land mitbringen. Das ist eine schöne Geste, man tauscht nicht nur ein Gastgeschenk aus, sondern auch etwas Kultur. Und man schenkt seinem Gegner eine Postkarte mit seiner Adresse oder Handynummer drauf, um zu zeigen, dass man in Kontakt bleiben will. Letztes Jahr in Slowenien hab ich allen meinen Gegnern eine Karte mitgebracht und selber auch haufenweise Postkarten, Anstecker und Anhänger aus anderen Ländern bekommen. Ich finde diese Gesten toll.“

Was ist es, was Dich am Schach so begeistert?

„Dass es nicht jeder macht. Es ist eine außergewöhnliche Sportart – Denksport. Jede Partie ist individuell und ganz eigen, man beginnt ein Spiel und weiß nie, vor welche Herausforderung man dieses Mal gestellt wird. Das macht Schach so besonders.“

Was für ein Spieler-Typ bist Du?

„Eher der ruhige Typ. Auch wenn es mal eng für mich aussieht, raste ich nicht aus, sondern versuche, mich mit kühlem Kopf so gut wie möglich aus der Situation zu retten. Wenn ich mal eine Partie weggeschmissen habe, ärgert mich das zwar für einen Moment, aber ich weiß, dass ich in der nächsten Partie wieder voll da sein muss.“

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