Theaterstück „Wir gegen die anderen“

Das ist Ostkurve

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Das Theaterstück „Wir gegen die anderen“ der „Wilden Bühne Bremen“ zeigt ULTRAS – zur Abwechslung mal nicht nur als randalierende Chaoten.

Bremen - Draußen mag die Welt vielleicht grau sein. Oder bunt. Je nachdem, wie es einem selbst gerade geht. Aber hier drin ist das Revier ganz klar markiert. Die Welt ist grün und weiß – und sonst nix. Die Theatertür schließt sich, und mit ihr sind alle anderen Farben ausgesperrt.

Von Rieke Klotz und Miriam Unger

Riesige grün-weiße Banner ragen von den Wänden in den Raum. Meterlange Tücher mit Fan-Parolen hängen über unseren Köpfen. Auf der Bühne steht nur ein einfaches, schmales Baugerüst. Das ist alles, was die Schauspieler der „Wilden Bühne Bremen“ als Requisite nutzen. Und genauso simpel und klar sind Aussage und Inhalt des neuen Theaterstücks „Wir gegen die anderen“.

Es geht um Fußball, beziehungsweise: viel mehr ums Fantum. Ums krasse Fantum. Das Theaterstück ist kein Familiennachmittag auf einem Plastikschalensitz, sondern Ostkurve mit allem, was dazugehört.

Die „Wilde Bühne“ stellt die fiktive Ultra-Gruppe „Green Madness“ vors Publikum und zeigt mithilfe der Mitglieder persönliche Geschichten, die den Zuschauer verstehen lassen, warum solche Gruppierungen entstehen, wie ein Fan in die Szene gerät und dass es nicht richtig ist, Ultras immer nur als randalierende Chaoten darzustellen. Dass auch andere Fußballfans die Ultras im Stadion brauchen, und welche Wichtigkeit sie nicht nur für die Stimmung, sondern auch für den Verein insgesamt haben, kommt ja in den meisten Medienberichterstattungen nicht so rüber.

Die Hauptfiguren des Stücks heißen Niklas, Tom und Jacki. Sie sind keine hohlen, gewaltbereiten Idioten, sondern ganz normale junge Menschen wie Du und ich. Ultras kommen aus jeder Bevölkerungsschicht. Sie sind Schüler und Banker, Hools und Intellektuelle, Mädchen und Jungs, jung und alt.

Meinung - PRO:

Für Rafael Kaluza (20) sind Ultras wichtige Fans

„Wir gegen die anderen“ macht ganz gut klar, dass das Bild des „bösen Ultras“ zu simpel ist. Natürlich gibt es Kandidaten, die Bengalos zünden, die Polizei provozieren, sich prügeln wollen und beleidigende Parolen brüllen. Aber das Theaterstück erweitert dieses Bild um andere Aspekte, die für Vereine und Fans wichtig sind: Ultras sind vor allem die, die mit Gesängen, Transparenten, Choreografien und anderen kreativen Aktionen im Stadion für Stimmung sorgen. Sie stellen sich gegen Ungerechtigkeit von oben, Kommerz und Ausverkauf des Sports. Sie wollen, dass Fußballspiele wieder für jeden bezahlbar sind und setzen sich gegen die ständigen Ticketpreiserhöhungen ein. Sie mischen sich ein, üben oft heftige Kritik an der Vereinsführung, unterstützen den Verein und seine Vertreter aber auch mindestens genauso heftig – wie zum Beispiel bei der Verabschiedung von Werders Ex-Trainer Thomas Schaaf.

Meinung - CONTRA:

Rieke Klotz (22) sieht Ultras kritisch

Videos von solchen Aktionen werden während des Theaters mit dem Beamer an die Wand geworfen. Und auch musikalische Einlagen im Stück sorgen nicht nur immer wieder für Gänsehaut, sondern verdeutlichen auf der Gefühlsebene, wie es vielen Fans geht, die Austausch und Zusammengehörigkeit suchen – und sie bei den Ultras finden. Das gleiche Phänomen wie bei Gläubigen, bei Nazis – bei allen Gruppierungen, in denen sehr viel Leidenschaft und Herzblut stecken. Mit Nazis und Hooligans werden Ultras oft verglichen. Das liegt vor allem daran, dass die Ultras ein gespanntes Verhältnis zur Polizei haben. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Szene, immer mal wieder mit Aktionen oder Aussagen zu provozieren und auf irgendeine Weise mit der Polizei in Kontakt zu treten. In der Gruppe hält man zusammen, und man hält dicht. Ist man aufs Revier vorgeladen, wird geschwiegen.

Die Schauspieler der „Wilden Bühne“ übermitteln ein Bild, das viele Ultra-Kritiker gar nicht sehen: Die Gruppe ist nicht nur in ihrer Leidenschaft für Fußball vereint, sondern auch wie ein ganz fester Freundeskreis, wie eine Familie strukturiert. Und die Familie lässt man nun mal nicht mit Problemen hängen oder verpetzt sie bei der Polizei.

Trotzdem ist das Stück keine Heiligsprechung für Ultras. Es macht deutlich: Neben dem Engagement für den Verein, der guten Stimmung im Stadion, dem politischen Hintergrund und Einsatz für Gerechtigkeit und Bezahlbarkeit gehören auch Ausraster, Alkohol, Provokation und Pyrotechnik dazu. Klar, dass sich die Gruppierungen damit nicht nach außen brüsten, aber es ist nun mal unbestreitbar, dass immer mal wieder Querschläger im Fanblock sind, die Bengalos zünden, zweifelhafte Spruchbänder ins Stadion schmuggeln, Flaggen rivalisierender Clubs abfackeln oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten wollen.

Lässt sich das mit den anderen Zielen der Ultras vereibaren? Was für ein Selbstbild haben die fanatischen Fans selbst von sich? Und wie versuchen sie Einfluss auf das Bild zu nehmen, das andere von ihnen haben? Das alles zeigen Niklas, Tom, Jacki und die Leute, die hinter den Figuren stehen, in diesem Theaterstück. Darum ist „Wir gegen die anderen“ definitiv nicht nur für Fußballfans interessant.

Was für ein Typ von Fußballfan bist Du? Und was hältst Du von Ultras?

Welchem Verein drückst Du die Daumen? Wie oft gehst Du ins Stadion? Wie wichtig ist Fußball in Deinem Leben? Und was hältst Du eigentlich von den Ultras, die im Stadion für Stimmung sorgen, die aber in den Medien immer wieder in der Kritik stehen. Hier die Umfrage lesen

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