Jung und abhängig:

„Der Alkohol lässt alles aus einem rausfließen"

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RÜDIGER war mit 13 zum ersten Mal richtig besoffen. Mit 16 randalierte er im Rausch und schlug seinen Stiefvater zu- sammen.

Seine Stimme ist kontrolliert, beinahe emotionslos. Die Worte, die er sagt, passen gar nicht dazu. „Ich war so besoffen, dass ich mich vor ein Auto werfen wollte.“ Rüdiger (den Namen hat er sich ausgesucht, wir wollen seinen echten hier nicht veröffentlichen) ist 18 Jahre alt. Aber seine Ausstrahlung verrät, wie viel er in seinem Leben schon erlebt hat.

Rüdiger kann seinen Körper nicht stillhalten, seine Beine zittern, sein Blick flackert, er wirkt nervös. Die Augen haben in einer merkwürdigen Mischung gleichzeitig was Trauriges in sich, aber sie blicken einen auch kämpferisch an. Neben ihm sitzt Luisa, 19, und auch sie hat schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit 15 begann sie, Drogen zu nehmen – THC und Amphetamine, mit 18 kam das Schmerzmittel „Tilidin“ dazu, das sie nach einem Bandscheibenvorfall nahm und nicht mehr weglassen konnte. „Am Ende konnte ich nicht mal mehr einen Teller oder eine Tasse festhalten“, erzählt Luisa. „Ich hab alles fallen lassen.“

Heute sitzen Rüdiger und Luisa zusammen in einem kleinen Büro in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn. Hier, im Fachkrankenhaus für suchtkranke Jugendliche, leben die beiden derzeit. Er wegen seiner Alkoholsucht, sie wegen ihrer Tilidin-Abhängigkeit.

Luisa erzählt offen und klar von ihrer Krankheit, sie ist nicht so nervös wie Rüdiger. Sie trägt Piercings in Unterlippe und Nase, hat braune Haare bis zu den Schultern. Sie trägt einen hellen, gelben Schal, lächelt viel und wirkt insgesamt wie ein fröhlicher Mensch. Luisa scheint weiter und gefestigter zu sein als Rüdiger. Aber sie ist auch schon seit einem halben Jahr in Ahlhorn, Rüdiger erst seit wenigen Wochen.

Mit 13 hat Rüdiger angefangen, Alkohol zu trinken – aus Neugier und weil es alle anderen in seinem Freundeskreis auch gemacht haben, wie er sagt. Im Laufe der nächsten drei Jahre wurde sein Konsum immer regelmäßiger und vor allem: exzessiver. „Mit 16 hab ich jeden Tag in der Woche getrunken. An Wochenenden die ganze Zeit“, erzählt Rüdiger.

In den wenigen Momenten, in denen er nüchtern ist, bemerkt er zum ersten Mal Tendenzen zur Abhängigkeit. Zum einen körperliche Schäden. Er hat Entzugserscheinungen: Zittern, starke Kopfschmerzen, Schlafstörungen. Zum anderen muss er sich eingestehen, dass er sich durch den Alkohol verändert. „Ich hab echt viel Scheiße gebaut, wenn ich betrunken war. Vandalismus begangen, meinen Stiefvater zusammengeschlagen...“, erzählt Rüdiger. „Der Alkohol lässt einfach alles aus einem rausfließen – alles, was man in sich hat. Die ganze Wut...“

Es ist nicht schwer, sich diesen Randalierer vorzustellen bei Rüdigers Erscheinung. Er trägt eine Lederjacke über seinem breiten, durchtrainierten Körper, die kurz geschorenen Haare tun ihr Übriges. Dass sich hinter der Fassade aber ein sensibler Junge verbirgt, wird offensichtlich, als er die Gründe für seine Wut und für seine Gewaltausbrüche erklärt: „Meine Mutter hatte Probleme, Zuneigung zu mir zu zeigen. Ich hab mich immer gefühlt, als wäre ich nicht ihr Kind, sondern ein Fremder. Dadurch hatte ich Wut auf mich selbst und auf sie. Weil ich irgendwie nur da war, aber für sie nicht existierte.“ Bei diesen Sätzen wird Rüdigers Stimme das einzige Mal wirklich emotional. Er ist zwar beherrscht, aber seine Wut, seine Verzweiflung, seine Verletzbarkeit klingen deutlich durch.

Der exzessive Alkoholkonsum zieht sich weiter hin, bis zum verhängnisvollen Tag, an dem sich Rüdiger beinahe das Leben nimmt. Zwei Wochen lang ist er durchgehend betrunken. Er will sich vor ein Auto werfen. Sein Glück im Unglück ist, dass er einen Polizisten beleidigt und bedroht – und am nächsten Morgen in einer Zelle aufwacht. „Da hab ich gemerkt, dass es nicht mehr so weiter geht. Ich habe eingesehen, dass ich einen Entzug machen muss.“ Nach der Entgiftung kommt er nach Ahlhorn. Er hat schon zwei Mal Entzüge mitgemacht – einmal war er zwei Monate trocken und einmal drei. Aber da sei es ihm noch nicht sehr ernst gewesen, meint er. Diesmal scheint das anders zu sein. „Ich mache das für mich. Um wieder ein vernünftiges Leben zu führen. Und für meine Familie und meine Freundin“, sagt Rüdiger.

LUISA nahm das Schmerzmittel „Tilidin“ und kam nicht mehr alleine davon los.

Auch Luisa hat sich selbst dazu entschieden, einen Entzug zu machen. Den Anstoß dazu hat einerseits ihre beste Freundin gegeben, mit der sie in einer WG zusammenlebt. „Sie hat mitbekommen, dass es mit dem Tilidin immer exzessiver bei mir wurde. Ich wurde vergesslicher. Sie hat dann das Gespräch mit mir gesucht“, erzählt Luisa. Andererseits besucht sie ihre Mutter in der Entgiftung. Erst ein paar Wochen vorher war festgestellt worden, dass ihre Mama alkoholsüchtig ist. Und bei diesem Besuch erkennt Luisa, dass auch sie in so eine Einrichtung gehört. „Ich war psychisch völlig fertig und hatte Angst, mich selbst zu verletzen. Ich hab nur noch geweint, kam gar nicht mehr klar.“ Luisa entschließt sich, wegen ihrer Tilidin-Sucht in die Entgiftung zu gehen. Erst später bemerkt sie, dass sie auch Probleme mit Amphetaminen und THC hat.

Die Gründe für ihre Sucht sind für Luisa vielschichtig: „Anfangs war es reine Neugier, später kamen Probleme mit meinem Vater dazu.“ Dann kommt der Bandscheibenvorfall. Luisa muss nicht nur ihre Ausbildung als Altenpflegerin abbrechen, sie hat auch ständig starke Schmerzen. Schnell kann sie nicht mehr ohne Tilidin. „Obwohl ich gemerkt habe, dass es mich kaputt macht. Ich wollte es nicht mehr nehmen, aber ich wusste nicht, wie ich ohne das Medikament mit den Schmerzen umgehen soll“, berichtet Luisa.

Sie macht sich schon Vorwürfe, dass sie es soweit hat kommen lassen – aber sie gibt auch ihrem Arzt eine Mitschuld: „Er hat meine Sucht unterstützt. Als ich gesagt habe, ich brauche mehr Medikamente, hat er sie mir auch immer gegeben.“

Heute lassen sich Luisa und Rüdiger in der Suchtklinik behandeln, um – hoffentlich – ihre Sucht in den Griff zu kriegen. Eine Garantie gibt es dafür nicht.

Arbeits- und Gruppen-Psychotherapie gehören zu den Methoden des Krankenhauses. Besonders wichtig ist ein geregelter Tagesablauf, denn den haben die beiden in ihrem normalen Leben gar nicht mehr gehabt. Morgens aufstehen, Blutdruck messen, gemeinsam frühstücken, dann arbeiten gehen, nachmittags die Gruppentherapie – so sieht der Alltag in der Klinik aus. Abends können Luisa und Rüdiger sich mit anderen Patienten treffen – zum Karten spielen, Sport machen oder einfach zum Quatschen.

Rüdiger arbeitet zurzeit im Haushalt, Luisa in der Küche. Beide kommen mit der Therapie insgesamt zurecht. „Mir geht’s hier gut. Es gibt genug Möglichkeiten, sich zu beschäftigen“, findet Rüdiger. „Und zu der Therapeutin kann man immer gehen, wenn man mal reden will.“

Luisa spürt auch körperliche Auswirkungen. Nach ihrem Bandscheibenvorfall hat sie immer noch Rückenschmerzen: „Ich bekomme zwei Mal die Woche Physiotherapie und mache jeden Abend Übungen. Teilweise merke ich, dass es besser wird. Obwohl ich keine Amphetamine und kein Tilidin mehr nehme. Ich lerne hier, mit den Schmerzen umzugehen.“

Dass sie trotz der Fortschritte noch lange nicht gesund sind, wissen die beiden. Und sie spüren es regelmäßig – wenn der Suchtdruck kommt. Dann ist die Gefahr für einen Rückfall am größten. „Bei mir ist es komplett abhängig von der Tagesform, wie ich mich fühle“, erklärt Luisa. „Gerade, wenn ich Schmerzen habe und viel Kontakt zu alten Freunden, die konsumieren, oder Stress mit meinen Eltern – dann bekomme ich Suchtdruck.“

Dieses Verlangen kennt auch Rüdiger nur zu genau. Er spürt den Suchtdruck fast ständig: „Wenn ich schlecht drauf bin oder im Fernsehen eine Bierwerbung sehe, dann kommt dieser Druck. Ich habe immer wieder im Kopf, dass ich was trinken will. Ich versuche aber dagegen zu halten“, sagt er kämpferisch.

Das einzige Mittel gegen das Verlangen ist für beide: Ablenkung.

Luisa hat trotzdem schon einen Rückfall gehabt – mit Alkohol. „Das hat mir gezeigt, wie schnell eine Suchtverlagerung geht. In dem Moment war mir egal, welches Suchtmittel – Hauptsache Rausch.“ Danach riss sie sich wieder zusammen. Schließlich hat sie ein großes Ziel vor Augen: Endlich wieder ein normales Leben führen zu können. Dafür ist sie bereit, einiges aufzugeben – unter anderem die Wohngemeinschaft in ihrer Heimatstadt. „Ich weiß, dass ich da so weitermachen würde wie vorher“, sagt sie. Und das will sie nicht riskieren.

Luisa wird stattdessen nach Hamm in Westfalen in die Nachsorge gehen. Und danach weiß sie auch schon ganz genau, was sie machen will: „Ich möchte Betreuerin für Demenzkranke werden.“

Auch Rüdiger hat schon ganz genaue Pläne: „Während der Therapiezeit werde ich mich für eine schulische Ausbildung zum Schulassistenten bewerben. Ich möchte Erzieher werden.“

Bis diese Wünsche wahr werden, ist es aber noch ein weiter und steiniger Weg.

Text: Rafael Kaluza (21 Jahre) aus Göddern

Zeichnungen: Jan- Christopher Hoffmann (25 Jahre) aus Nienburg

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