Stumpf, aber schlagfertig

Oliver Pocher.

Bremen - Einer der Gründe, warum ich nicht Oliver Pochers größter Fan bin, sind Witze wie dieser: „Was wäre Bremen ohne Türken? Sauber, sicher, aufgeräumt! Aber das ist ja nur ein Klischee – allerdings eins, das stimmt.“

Pochers Witze sind frauen-, ausländer-, schwulenfeindlich und ausschließlich auf Kosten anderer. Absolut keine Unterhaltung auf hohem Niveau. Und trotzdem möchte ich den Comedian mal live erleben. Ich will sehen, ob und wie er es schafft, das Publikum mitzureißen. Vor allem will ich wissen, ob er es hinkriegt, dass auch ich über ihn lachen kann. Deswegen habe ich mir sein aktuelles Programm „Gefährliches Halbwissen“ angeguckt.

Es geht ganz gut los. Ein Film wird eingespielt, der zeigt, wie Oliver Pocher Eigelb-Drinks trinkt und wie ein Boxer mit Bademantel, Handschuhen und lauter Musik auf die Bühne marschiert. Und wie ein Boxstar wird er auch vom Publikum gefeiert. Er genießt es. Und wirkt wie ein kleiner Junge, der das geschafft hat, was viele sich wünschen: Berühmt sein. Seine 31 Jahre merkt man Pocher nicht an. Da hilft es auch nicht, dass er sich heute nicht rasiert hat. Mit dem Bart wirkt er lediglich ungepflegt.

Wie er privat ist, vor allem, was für ein Vater er sein wird, kann man sich nur schwer vorstellen. Natürlich ist die Schwangerschaft seiner neuen Freundin Sandy Meyer-Wölden auch ein Thema. Pocher haut darüber Sprüche raus und lässt sich vom Publikum berichten, wie es ist, bei der Geburt dabei zu sein.

Bevor er mit dem eigentlichen Programm startet, geht er durchs Publikum und spricht Zuschauer an. Spontan versucht er, große Geschichten aus dem Small Talk zu machen. Aber wenn der Gesprächspartner nicht viel hergibt, kann auch ein Oliver Pocher nicht viel machen. Da ist zum Beispiel das Pärchen, das sich bei einem Auswärtsspiel von Werder in Bochum kennengelernt hat. Leider ist der Mann nicht sehr gesprächig, antwortet nur mit „Ja“ und „Nein“. Langweilig.

Das ändert sich schlagartig, als Oliver Pocher anbietet, bei Freunden des Publikums anzurufen und sie persönlich für heute Abend noch ins „Pier2“ einzuladen. Ein Patrick meldet sich, sein Bruder würde sicherlich gern kommen. Ob er denn keine Freundin habe, will Pocher wissen. „Nicht mehr so richtig“, antwortet Patrick. Und damit geht die große Geschichte des Abends los. Natürlich will Pocher wissen, was da los war. Er wittert eine interessante, ausbaufähige Story. Und tatsächlich, Patrick erzählt von seiner Ex-Freundin Lisa. Und von einem Dorffest, auf dem er ein anderes Mädchen kennenlernte. Zwischen den beiden lief was. Lisa fand das gar nicht gut. Und machte Schluss mit Patrick.

Oliver Pocher wäre nicht Oliver Pocher, wenn er aus so einer Geschichte nicht was machen würde. Er ruft live bei Lisa zu Hause an. Erst sind ihre kleinen Schwestern am Telefon , die es gar nicht fassen können, wer da am Apparat ist. Ich muss sagen, das Telefonat führt er witzig. Aber ob er wirklich die zehnjährige Sophie fragen muss, ob sie schon ihre Tage hat, ist fraglich. Davon abgesehen, haben wir allerdings Spaß beim Zuhören. Pocher überredet Lisa, mit ihrer ganzen Familie nach Bremen zu kommen, und der Vater gibt sein Okay. Einzige Bedingung: Patrick wollen sie nicht sehen. Oliver Pocher willigt ein und legt auf.

Dann beginnt das richtige Programm. Pocher witzelt über die USA und die Suche nach Osama bin Laden. Alles nicht sehr originell. Das Publikum sieht das gemischt. Ein paar Reihen vor mir kann sich eine Frau kaum halten vor Lachen. Einige schmunzeln, andere warten ab, was noch so kommt.

Insgesamt sind viele Jugendliche hier. Älter als 50 ist kaum jemand. Erwachsene würde Pochers Hip-Hop-Darbietung von „Kennst Du die Stars?“ mit dem Rapper Bushido auch nicht ansprechen. Die beiden lästern über „D-Promis“ wie Sarah Connor , Mark Medlock, Mario Barth und Pochers Freundin Sandy. Im Hintergrund läuft ein Video, in dem Bushido zu sehen ist, Pocher steht mit Cappy, Jacke und Goldkette auf der Bühne. Er singt live, und das gar nicht mal so schlecht. Weniger gut ist sein restliches Programm. Da geht es um Fußball, die Olympischen Spiele und seine Ex-Freundin. Bei einem Witz kommt Pocher selbst durcheinander. Aber anstatt das zu überspielen, zeigt er die Größe, über sich selbst zu lachen: „Mist, wie ging das jetzt noch? Mh, da habe ich das Programm wohl zu lange nicht mehr gespielt.“ Wahrscheinlich war der kleine Aussetzer sogar lustiger, als es der Witze gewesen wäre.

Und dann kommt tatsächlich die angerufene Lisa mit ihrer Familie ins „Pier2“. Oliver Pocher bekommt vorher ein Zeichen und versteckt Patrick unter einem Tisch. Der arme Junge. Pocher holt die Familie auf die Bühne, scherzt mit Lisa und ihren Schwestern, dann holt er Patrick unterm Tisch vor. Der kniet sich vor Lisa hin, sagt ihr, dass ihm alles schrecklich leid täte und dass er sie immer noch lieben würde. Aber Lisas gebrochenes Herz ist immun. Man merkt, dass ihr die Situation auf der Bühne total unangenehm ist. Sichtlich geknickt setzt Patrick sich wieder. Mir tut er leid. Jetzt kennen alle seine und Lisas Geschichte. Und gelohnt hat sich das alles nicht für ihn.

Als nächstes tritt Pocher als Magier „Morta Della“ auf. Für seine Tricks braucht er zwei Leute aus dem Publikum. Einmal – Überraschung – Lisa, als zweites ruft er einen Per auf die Bühne. Gemurmel wird laut. Es ist Per Mertesacker , Verteidiger bei Werder Bremen . Die Tricks finde ich lahm und albern. Dafür wirkt Per Mertesacker sehr sympathisch. Er lädt Lisa und ihre Familie sogar ins Stadion ein.

Noch ein paar mäßige Witze aus Pochers Programm, dann ist der Auftritt vorbei. Natürlich nicht ohne Zugabe. Insgesamt hat mich Oliver Pocher nicht überzeugt. Die meisten Witze waren flach und sehr derb. Das Programm wirkte zusammenhangslos. Nur eins kann Pocher wirklich gut: Improvisieren. Situationen, auf die er unmittelbar reagiert, sind lustig. Davon hätte ich gern mehr gesehen.

Von Katrin Roßmann (21 Jahre) aus Cluvenhagen

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