Sozialstudie im Wartezimmer

chili-Autorin Linda.

Verden - Ich mag Wartezimmer. Man kommt rein, wird minutenlang angeglotzt und beobachtet. Auf welchem Stuhl man sich niederlässt, welche Zeitung man sich aussucht, welche Krankheit man wohl hat.

Besonders gerne habe ich Wartezimmer, wenn mehr als ein Dutzend Personen kuschelig aufeinandersitzen. Sind die Fenster geschlossen – was sie immer sind – ist die „Wir unter uns“-Atmosphäre besonders gelungen. Einer Tröpfcheninfektion steht nichts mehr im Wege, wenn die Dame rechts von mir hustet, ohne die Hand davor zu halten, und der Herr zu meiner Linken feuchtfröhlich in sein Taschentuch schnäuzt. Am liebsten habe ich Wartezimmer, wenn sie Teil einer Naturheilkunde-Praxis sind. Schon an der Eingangstür wird Bachblüten-Therapie gegen Persönlichkeitsstörungen beworben und Akupunktur-Behandlung gegen Krebs und AIDS. Betritt man so eine Praxis, riecht es nach Holz und Schweiß. Auf den harten Holzstühlen im holzbeschlagenen Wartezimmer sitzen hölzerne Anthroposophen. Mittelalte Frauen in orangenfarbenen Röhren-Cordhosen und azurblauen Leder-Rucksäcken. Flippige alte Damen, deren Mundwinkel bereits mit dem Kinn verwachsen sind, aber wie es sich nun mal gehört für eine weltoffene Öko-Oma, sind die Lippen knallrot bemalt. Anders als erwartet, ist es in solchen Wartezimmern unüblich, geduldig zu sein. In solch einem Wartezimmer saß ich gestern. Mir gegenüber eine Frau mittleren Alters mit Afro-Frisur und einer leopardenfarbenen Lacklederleggins. Sie seufzte ungeduldig. Das tat sie alle 1:30 Minuten. Die dicke Dame zu meiner Rechten seufzte auch. Sie führten offensichtlich einen Wettkampf, wer öfter laut vernehmbar ausatmen kann. Zwischendurch knallte eine der beiden ihre Hand auf ihren Oberschenkel (durch die Lacklederleggins gewann Frau Afro diesen Dezibel-Kampf). Der Herr zu meiner Linken fuhr jedesmal erschrocken aus seiner Zeitschrift hoch, woraufhin Frau Afro murmelte: „Wie lange dauert das denn noch!?“

Irgendwann wurde Frau Afro aufgerufen, und die kräftige Dame erhöhte das Tempo ihrer Seufz-und-Bein-Klatscher-Parade. Amüsiert betrachtete ich die Lippenstift-Oma, die wütend herübersah. Die Frau neben mir ließ sich nicht beirren, trommelte laut auf ihrer Stuhllehne rum und beugte sich vor, um genervte Blicke an die jungen Arzthelferinnen loszuwerden.

Ich mag Wartezimmer. Der Geruch voller, faulender Stofftaschentücher, genervter Menschen und tödlicher Krankheiten ist berauschend. Ich starrte also aus dem Fenster, fühlte mit jedem Atemzug Abermillionen neuen Bakterien und Viren in meinen Körper gelangen, und fand plötzlich, dass ich eigentlich doch gar nicht so krank war. Das bisschen Erkältung, das mich seit Wochen dahinraffte, konnte das hier nicht begründen.

Als ich nach 35 Minuten drankam, war ich enttäuscht: Der Arzt saß gelangweilt an seinem Schreibtisch, fragte desinteressiert, wie er mir helfen könne. Ich fasste mich kurz und erklärte mein Leid. Er schrieb mir ohne ein Wort Tabletten, Tee und Tropfen auf. Und noch mehr Tabletten. Er murmelte „kommsewiederwennsnichbessawird“ und entließ mich. Zwei Minuten. Ganze zwei Minuten habe ich in seinem „Behandlungs“-Raum verbracht. 50 Euro ließ ich für Medikamente in der Apotheke und dachte dabei, dass es ein paar Dinge gibt, die man wohl besser mit sich selbst ausmacht. Erkältungen gehören ab sofort dazu.

Linda Remer (23 Jahre) aus Verden

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