„Das ist nix Heldenhaftes. Das ist mein Job.“

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Harte Arbeit, aber eine Herzensangelegenheit: Sönke mag seinen Job.

„Ich könnte das NIE!“ Das sagen die meisten, wenn Sönke Schildt erzählt, was er beruflich macht. Die Geschichten, die der 24-Jährige aus Cluvenhagen aus seinem Arbeitsalltag zu erzählen hat, lassen kaum jemanden kalt.

Von Katrin Roßmann

 

Harte Arbeit, aber eine Herzensangelegenheit: Sönke mag seinen Job.

Häufig sind sie tragisch. Oder traurig. Sie handeln von persönlichen Schicksalen, Menschen, die schlimm verletzt sind; es geht um Unfälle, Krankheiten, manchmal sogar um dem Tod. Also: Themen, die wir in unserem Alter meist ausblenden, weil sie uns so weit weg erscheinen. Sönke kann das nicht. Denn er ist Krankenpfleger. Und sein Arbeitsplatz ist die Intensivstation.

Was bringt einen lebensfrohen jungen Kerl wie Sönke dazu, sich so einen Arbeitsplatz zu suchen? „Es war kein Kindheitstraum von mir, Krankenpfleger zu werden“, sagt Sönke. „Nach dem Abi hab ich meinen Zivildienst im Krankenhaus geleistet, und dabei hab ich gemerkt, dass mir die Arbeit Spaß macht und dass ich das Berufsfeld interessant finde.“

Eigentlich wollte er Medizin studieren, bekam aber keinen Studienplatz. Also entschied er sich für eine dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger.

In den Theorieblöcken lernte er viel über die verschiedensten Krankheitsbilder und über Pflege. Während der Praxisphasen arbeitete er auf mehreren Stationen im Krankehaus mit – „zuerst Neurochirurgie, dann auf der Urologie und der psychiatrischen Station. Den außerklinischen Bereich hab ich mit der ambulanten Pflege im Altenheim abgedeckt. Danach ging es auf die Intensivstation, zur Unfall- und Herzchirurgie. Jeweils sechs bis acht Wochen.“

Dabei hat Sönke festgestellt, dass nicht nur die Arbeit auf den verschiedenen Stationen anders ist, sondern dass es auch überall unterschiedlich riecht. „Und wenn man nach langer Zeit wieder auf einer bestimmten Station ist“, erzählt Sönke, „kommen mit dem Geruch auch gleich bestimmte Erinnerungen zurück.“

Bereut hat er seine Berufswahl noch nie. Aber dass die Arbeit nicht leicht ist – weder körperlich noch psychisch – das kriegt Sönke jeden Tag zu spüren: „Patienten zu betten, die im Koma liegen, ist echt anstrengend“. Bandscheibenvorfälle sind in seinem Job fast schon eien Berufskrankheit. Auch psychisch belastende Situationen kommen oft vor. Es gab Momente, in denen Sönke sich nicht mehr sicher war, ob er das alles schafft. „Während meiner Einarbeitung auf der Intensivstation, wenn es ständig um Leben und Tod geht, fühlte ich mich anfangs schon mal überfordert und hatte Selbstzweifel“, gibt er zu. „Aber zum Glück habe ich tolle Kollegen, mit denen ich darüber sprechen konnte. Das hat mir geholfen.“

Besonders schlimm ist es, wenn schwer verletzte Patienten in seinem Alter sind. „Der Tod von jungen Menschen gehört zu den schlimmen Momenten in meinem Beruf“, sagt Sören. „Aber leider kann selbst im Krankenhaus nicht allen geholfen werden. Dessen muss man sich immer bewusst sein und lernen, es zu akzeptieren und nicht so nah an sich ran zu lassen. Aber nicht, indem man völlig kalt mit allem umgeht. Sondern indem man lernt, einerseits einfühlsam zu sein, sich aber andererseits nicht mit den Gefühlen und Problemen der Patienten und Angehörigen zu identifizieren. Unser Ziel ist es, ein möglichst gutes Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufzubauen, dabei aber keine dauerhafte soziale Bindung einzugehen.“ Klingt ja gut und richtig, ist aber doch bestimmt schwer in der Realität, oder? „Klar“, meint Sönke. „In der Theorie darüber zu sprechen ist was ganz anderes als es umzusetzen. Man muss immer wieder üben, nicht alles so nah an sich ranzulassen.“

Bei neuen Patienten stellt Sönke sich als „Herr Schildt“ vor. Ohne Vornamen. „Das hilft, eine gewisse Distanz zu halten. Man kann ja auch freundlich miteinander umgehen, wenn man sich mit dem Nachnamen anspricht.“ Allgemein gibt es viel mehr Krankenschwestern als Pfleger – aber auf Sönkes Station ist das Verhältnis ausgeglichen. „Offiziell sagt man auch gar nicht mehr Krankenschwester“, klärt Sönke auf. „Das heißt mittlerweile Gesundheits- und Krankenpfleger/in.“

Um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ist mindestens ein Hauptschulabschluss nötig, „besser ist ein Realschulabschluss oder Abitur. Seit kurzem gibt es übrigens sogar einen Studiengang für diesen Beruf.“ Schichtdienst mit wechselnden Arbeitszeiten gehört genauso zum Job wie das Arbeiten am Wochenende oder an Feiertagen. „Man sollte flexibel sein, gewissenhaft arbeiten, über soziale Kompetenzen verfügen und offen auf Menschen zugehen“, meint Sönke.

Und wenn man es mal mit einem extrem nervigen oder unsympathischen Patienten zu tun hat? „Das gehört zu den beruflichen Herausforderungen“, lacht Sönke. „Nur weil man einige Patienten sympathischer findet, darf keiner eine bessere oder schlechtere Behandlung bekommen. Man muss sich auch bewusst machen, dass für die Patienten ihre Zeit im Krankenhaus eine Extremsituation ist. Da ist es nur verständlich, dass sie unendlich viele Fragen haben, unsicher sind oder sich aufregen.“

Nach Schichten, in denen viel los war, macht Sönke Musik oder powert sich beim Sport aus. Weil seine Mitbewohnerin auch im Krankenhaus arbeitet, kann er mit ihr über das, was auf der Arbeit war, gut sprechen. „Oft gehen wir nochmal den Tag durch.“

Auch Sönkes Mutter arbeitet im selben Krankenhaus. Ihre Meinung war es, die Sönke am wichtigsten war, als er entschied, Pfleger zu werden. „Sie wusste ja, was auf mich zukommt, und dass es Berufe gibt, in denen man mehr verdient und die Arbeitsbelastung weniger hoch ist. Aber sie verstand mich, weil ihr selbst die Arbeit ja auch viel Spaß macht.“

Geht es im Krankenhaus denn wirklich manchmal so zu, wie es uns diverse Krankenhausserien vermitteln? Sönke grinst. „Nein. Ganz schlimm finde ich die Serie ,In aller Freundschaft’, die wirklich nix mit der Realität zu tun hat. ,Scrubs’ guck ich gerne. Da wird vieles überspitzt, aber einige Sachen stimmen schon. Allerdings hat im Krankenhaus nicht jeder automatisch was mit jedem, und während der Schicht wird auch nicht so viel gequatscht und gelästert, sondern tatsächlich gearbeitet.“ Und was ist dran am Gerücht vom miesen Krankenhausessen? Der Krankenpfleger grinst und schweigt.

Als sozialeren oder besseren Menschen würde sich Sönke wegen seines Berufs nicht bezeichnen. „Es ist meine Arbeit, Menschen zu helfen. Das ist nichts Heldenhaftes. Ich finde es viel bewundernswerter, wenn jemand in Notfallsituationen hilft, obwohl er nicht – so wie ich – dafür extra ausgebildet wurde.“

Und natürlich lassen sich nicht nur schlimme Geschichten von der Intensivstation erzählen. Es gibt auch welche mit Happy-End. Geschichten vom Überleben, vom Gesundwerden, von einem dankbaren Lächeln. Geschichten, die glücklich machen und Hoffnung geben. Und die erzählt Sönke noch viel lieber.

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