Pleitegeier im Sturzflug: So jung und schon Schulden?

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"Jung, pleite, verschuldet“ heißt ein neuer RTL2-Doku-Ratgeber für Leute in unserem Alter. "So viele Schüler mit SO hohen Schulden?" fragten wir uns. "Ist das realistisch?" Also haben wir im chili-Team rumgefragt: Schon mal jemand ernsthafte finanzielle Probleme gehabt? Hier lest Ihr das Ergebnis.

Von Miriam Unger

Drei chili-Autoren waren bereit, ehrlich von ihren Schwierigkeiten zu erzählen. Und um zu testen, wie gut sich die RTL- Experten auskennen, haben wir die Fachleute aus dem neuen Doku- Ratgeber gleich mal gebeten, ihre Meinung zu den Fällen zu sagen. Rechtsanwalt Stephan Bartels, Fachmann für Insolvenz-, Familien- und Erbrecht, und seine Kollegin Ina Hullmann, Psychologin und Coach in der Sendung, waren sofort bereit dazu.

 

 

Nicht mitgerechnet

Ich habe Verträge nicht richtig gelesen und mein Konto nicht kontrolliert. Schon war ich mit 5.300 Euro in den Miesen.

 

Die Geschichte von „Pucki“ (18) aus Weyhe:

 „Ich wollte unbedingt das neue iPhone! Aber ich konnte es mir nicht leisten. Da sah ich das Angebot eines Mobilfunk-Anbieters: Mit einem Vertrag sollte es plötzlich so gut wie nix mehr kosten. Schon hatte ich unterschrieben und war glücklicher iPhone-Besitzer! Leider war es ein Vertrag mit richtig beschissenen Tarifen. Ich hatte vorher immer Billig- Flatrates, also hab ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, mein Telefonverhalten nicht verändert und dummerweise monatelang meine Rechnungen und mein Konto nicht kontrolliert. Und dann – Fuck! – wollte ich eines Tages am Automaten Geld abheben, und es ging nicht. Ich war voll in den Miesen! Und viele Rechnungen von anderen Sachen standen noch aus, die liefen alle in den nächsten Monaten auf: Neue Klamotten, ein Fernseher, Geschenke für meine Freundin, Spritgeld... Plötzlich hatte ich 5.300 Euro Schulden! Und meine Eltern weigerten sich, mir zu helfen! Sie hatten mich vorher immer ermahnt, vorsichtiger und sparsamer zu sein. Jetzt waren sie der Meinung, ich müsste selber für meine Probleme gerade stehen. Aber neben der Schule? Wie sollte ich das denn hinkriegen...?“

Stephan Bartels ist 47 und Rechtsanwalt für Insolvenz-, Familien- und Erbrecht. Er ist einer der Experten der RTL2-Doku „Hilf mir! Jung, pleite, verschuldet“ und gibt heute ausnahmsweise auch mal den chili- Reportern Ratschläge.

Das sagt der Experte Stephan Bartels:

„Puckis größter Fehler war, dass er den Vertrag vor der Unterzeichnung nicht richtig gelesen hat. Ein absolutes No-Go! Man hat immer die Zeit, alles in Ruhe durchzulesen. Wenn ein Verkäufer das Gegenteil behauptet, ist das ein Zeichen für Unseriosität. Da Verträge sehr viel Kleingedrucktes enthalten, rate ich dazu, die Unterlagen immer mit nach Hause zu nehmen und dort in Ruhe durchzulesen. Am besten mit den Eltern.“

Das hat Pucki gemacht:

„Ich hab mein verschwenderisches Verhalten ehrlich bereut und mich ganz schrecklich geschämt! Ich war so richtig verzweifelt und hab gar keine Lösung mehr gesehen, wie ich das alles noch mal auf die Reihe kriegen soll. Ich wollte am liebsten nicht mehr leben, weil ich dachte: ,Ich bin erst 18, aber ich hab mein Leben schon verpfuscht, ich Vollversager!“ Meine Eltern und Oma hatten dann doch noch Mitleid mit mir und haben mir einen Teil vorgeschossen, so dass jetzt knapp die Hälfte der Schulden schon abgezahlt ist. Ich bekomme dafür in den nächsten Jahren keine Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag. Den Rest versuche ich in kleineren Raten abzuzahlen. Das will ich hinkriegen, indem ich neben der Schule an drei Abenden, in den Ferien und an allen Wochenenden jobbe. Ich werde nur noch im Notfall telefonieren und auf Luxusgüter verzichten.“

Ina Hullmann ist 40, Diplom-Psychologin, Hypnotherapeutin und Coach in der RTL2-Doku „Hilf mir! Jung, pleite, verschuldet“. Auf dieser Seite sagt sie ihre Einschätzung zu den finanziellen Sorgen unserer Jugendseiten-Autoren.

Dazu meint die Expertin Ina Hullmann:

„Pucki ist in eine Werbefalle geraten, das vermeintliche Schnäppchen ist teurer als gedacht, und er musste Lehrgeld bezahlen – aber er hat die richtige Entscheidung getroffen, als er sich seiner Familie anvertraut hat. Gemeinsam haben sie einen Plan ausgearbeitet. Es ist sehr großzügig, dass seine Oma und die Eltern die Hälfte der Schulden bezahlen. Und es ist vernünftig von Pucki, sich für die weiteren Ratenzahlungen einen Job zu suchen und sein Telefon-Verhalten zu ändern.“

... und Stephan Bartels denkt:

„5.300 Euro Schulden neben der Schule abzutragen ist fast nicht möglich. Pucki sollte sich an einen professionellen Schuldenberater wenden, damit der mit den Gläubigern akzeptable Ratenzahlungen aushandelt oder sogar einen Teilerlass der Schulden.“

 

Der Pleitegeier kreist schon...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luxus-Probleme

Ich hab wegen meines Jobs Statussymbole gekauft, bis ich 8.000 Euro Schulden hatte.

Die Geschichte von Tarek (19) aus Bremen:

„Ich arbeite auf 400-Euro- Basis in einem Kaufhaus in der Uhren-Abteilung. Die meisten Kunden haben viel Geld, und sie erwarten nicht nur korrekte Beratung, sondern auch ein passendes Auftreten von mir. Gute Schuhe, Hemd und Anzug sind Standard. Und natürlich eine ausgefallenere Uhr, nicht so ein O815-Plastik-Teil. Wer mich so sieht, der denkt: ,Ein erfolgreicher Geschäftsmann!’ Was man nicht sieht, sind die Schulden, die ich angehäuft habe, um so ein Bild zu vermitteln. Hier ein Designer-Hemd, da ein runtergesetzter Markenanzug. Ein Ring aus Titan, ein Armreif, teures Parfüm... Da sind 8.000 Euro Schulden und mehr schnell erreicht.“

Das sagt die Expertin Ina Hullmann:

 „Tarek hat sich von den Illusionen der Werbung und Konsumgesellschaft blenden lassen. Er hat versucht, sich den Schein des Seriösen zu verleihen. Aber dazu braucht man keine Luxusartikel – Softskills wie Manieren, ein freundliches, gepflegtes Auftreten und ein wertschätzender Umgang mit dem Kunden sind entscheidender. Es ist wichtig, dass Tarek sein Konsumverhalten ändert, nicht mehr so viel Geld ausgibt und eine Strategie entwickelt, wie er die Schulden abzahlen kann.“

Das hat Tarek gemacht:

„Ich gebe kein Geld mehr für Luxusartikel aus, aber ich stecke noch mitten in den Problemen. Ich hab bei meiner Bank einen Mini-Kredit bekommen, aber keine Ahnung, wie ich das alles abbezahlen soll.“

Dazu meint der Experte Stephan Bartels:

„Tarek sollte sich sofort einen anderen Job suchen und mit professioneller Hilfe versuchen, mit allen Gläubigern monatliche Ratenzahlungen zu vereinbaren, die er bezahlen kann. Wenn er noch Schüler ist, dann werden die Gläubiger darauf auch eingehen. Auf keinen Fall sollte er neue Schulden machen, um die alten abzubezahlen. Durch einen Kredit entstehen in diesem Fall nur weitere Kosten und Zinsen, durch die sich die Gefahr einer Schulden-Spirale verstärkt.“

 

Der Pleitegeier kreist schon...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles auf Null

Nach dem Abbruch meines Studiums sollte ich 2.500 Euro BAföG zurückzahlen – innerhalb von acht Wochen.

Die Geschichte von Julia (21) aus Bramstedt:

„Total euphorisch hatte ich mit meinem Studium begonnen, der BAföG-Antrag ging sofort durch, alles lief problemlos. Aber nach drei Semestern musste ich erkennen, dass ich den hohen Leistungsanforderungen nicht gerecht werden konnte. Ich entschied mich, das Studium abzubrechen und mich umzuorientieren. Was im Bezug auf meinen beruflichen Weg eine gute Entscheidung war. Ich war zufrieden mit dieser Lösung. Bis ich einen bösen Brief bekam: Ich solle innerhalb von acht Wochen 2.500 Euro BaföG zurückzahen, weil ich die Unterstützung zu Unrecht erhalten habe. Ich bekam Panik. Wo sollte ich das Geld so kurzfristig auftreiben?“

Das sagt der Experte Stephan Bartels:

„Wer staatliche Unterstützung erhält, der muss sich im Klaren darüber sein, dass solche Zahlungen an Voraussetzungen geknüpft sind. Fallen die weg, wie bei Julia das Studium, ist man verpflichtet, dies der auszahlenden Stelle umgehend mitzuteilen. Dann besteht natürlich auch kein Anspruch mehr auf das Geld. Julia hat Glück, denn die BAföG-Kasse ist bei der Eintreibung von zu viel gezahlten Leistungen sehr human. Wichtig ist nur, dass man sich sofort mit dem BAföG-Amt in Verbindung setzt und die Situation schildert, mit der Bitte um das Angebot einer Ratenzahlungsvereinbarung.“

Das hat Julia gemacht:

„Meine Eltern wollte ich nicht um Hilfe bitten. Sie haben immer alles für mich getan, so dass mir alles andere besser erschien, als ihnen noch mehr abzuverlangen. Die Gedanken an das Geld ließen mich nicht mehr schlafen. Was sollte ich bloß tun – ein Bankdarlehen aufnehmen? Meine Schulden mit neuen Schulden decken und auch noch Zinsen zahlen? In meiner Verzweiflung kam mir der dumme Gedanke, es mit Glücksspiel zu versuchen. Ich wusste, wie gefährlich das ist, aber ich nahm die 100 Euro, die ich vom letzten Kellnerjob hatte, und ging ins Casino. Alleine, weil ich mich zu sehr schämte. Ich spielte Roulette – und ging an diesem Abend tatsächlich mit 700 Euro nach Hause. Ich konnte es nicht fassen. Am zweiten Abend holte ich ich noch mal 400 Euro rein. So beginnt Spielsucht. Die ersten paar Male gewinnt man, taumelt im Glück und ist angefixt. Man glaubt, das System zu verstehen. Aber man versteht gar nix mehr. Ich habe beobachtet: Es sind immer die gleichen Leute im Casino. Getrieben von Geld und Gier, stehen sie wie Junkies vor der Roulette-Schüssel. Mich erschreckte der Gedanke, genauso zu werden. Ich fühlte mich unwohl. Aber zu meinem größten Glück fiel die Kugel nach einer Woche gewinnen und verlieren tatsächlich auf meine Zahl. Passender Weise die Null. Es war unwahrscheinlicher als alles andere auf der Welt, aber ich war schuldenfrei und konnte es nicht glauben. An diesem Abend erzählte ich alles meinen Eltern. Sie waren geschockt. Aber froh, dass ich schwor, sowas nicht noch mal zu machen. Heute kommt es mir komplett schwachsinnig vor. Ich war seitdem nie wieder im Casino.“

Dazu meint die Expertin Ina Hullmann:

 „Wer sich Ziele setzt, hat eine Motivation. Wenn man sich die Schuldenfreiheit immer wieder bildlich vorstellt und das, was dann möglich ist – zum Beispiel ein Urlaub und eine schuldenfreie Zukunft – dann hält man die Phase des Abzahlens viel besser durch. Dass Julia im Casino um das Geld spielt, ist aber sehr gefährlich und kann schnell in einer Spielsucht enden. Sie hat unglaubliches Glück gehabt und sollte in Zukunft lieber eine sachliche, strategische Lösung suchen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warst Du mal in Geldnöten?

Eine Umfrage von Rieke Klotz (22) aus Weyhe

 

 

Esther

„Ja, ich bin in meine erste eigene Wohnung gezogen und brauchte Geld für Miete, Deponat und Einrichtung. Meine BAföG-Zusage kam im Dezember, das Studium begann aber schon im Oktober. Ich hab mir 2.000 Euro von Freunden geliehen, um diese Monate zu überbrücken. Mir war es krass peinlich, Geld von anderen anzunehmen. Als ich das BAföG bekam, habe ich angefangen, alles abzubezahlen. Trotzdem bin ich bei der Bank noch im Dispo. Ich habe einen Nebenjob, aber das Geld reicht vorne und hinten nicht.“

Esther

(21 Jahre) aus Leeste

 

 

 

Christopher

„Bisher war ich nie in finanziellen Problemen. Ich überlege mir, bevor ich was kaufe, genau: Brauche ich das wirklich? Eine gesunde Einstellung zum Geld zu haben ist sehr wichtig. Vor allem, wenn man jung ist, sollte man nur das ausgeben, was man hat.“ Christopher

(22 Jahre) aus Kirchweyhe

 

 

 

Victoria

„Ich hab ein Mal Schulden gemacht, als ich nach dem Abi nach Bremen gezogen bin fürs Studium. Die ersten Monate habe ich noch kein BAföG bekommen, und ich wusste nicht, wie ich den Umzug finanzieren sollte. Ich hab mir von meinem Freund 400 Euro geliehen und es dann monatlich abbezahlt. Ich hatte einen Studentenkredit und hab ein Jahr lang 400 Euro im Monat bekommen. Momentan kriege ich noch 100 Euro im Monat. Also mache ich eigentlich die ganze Zeit Schulden.“

Victoria

(21 Jahre) aus Bremen

 

 

 

„Nein. Ich bin ein wenig geizig und versuche immer, mir keine Schulden einzuhandeln. Hat bisher auch geklappt. Ich gebe nie mehr aus als ich habe, überlege genau vor großen Ausgaben und achte immer auf meinen Kontostand.“

Stefan

(22 Jahre) aus Kirchweyhe

 

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