Was ist die richtige Lektüre für den Deutschunterricht

Ein paar Lesetipps für Lehrer

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Die gelben Reclamheftchen - Schülerschreck oder notwendiges Allgemeinwissen? Welche Bücher schlagt Ihr denn für den Deutschunterricht vor?

Klassiker der Weltliteratur? Oder moderne Bücher, die in der heutigen Zeit spielen und mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit zu tun haben? Was ist die richtige Unterrichtslektüre? Unsere Kolumnisten Alex und Rike haben ein paar Tipps...

"Bücher über Nationalsozialismus sind wichtig

- aber nicht NUR"

Von Rike Schockenhoff aus Wietzen

Beim Ausräumen meines Regals fand eine ganz seltene Spezies: Bücher, die ich nur einmal im Leben gelesen habe. Fast alle waren Schulbücher. Also Werke, die jemand mal für wichtig erachtet hatte, um mich aufs Leben vorzubereiten. Und fast alle konnte ich in den Karton „Verschenken oder Wegschmeißen“ packen. Dabei sollten sie mir eine Botschaft mitgeben, einen Sinn haben. Klar, ich war ein Teenager und hatte Klamotten und Jungs im Kopf. Da blieb nicht mehr viel Raum für den tiefen Sinn von Weltliteratur. Ich verabscheute „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Ich quälte mich durch „Nathan, der Weise“.

Mich nervte die Flut von Büchern über den Nationalsozialismus. Nicht das Thema, aber die Masse. Heute weiß ich, dass sie gerechtfertigt war, um zu zeigen, dass Schrecklichkeit wahnsinnig viele Facetten hat. Trotzdem hätte ich mehr Vielfalt gut gefunden. (Bücher, die das Leben in der DDR behandeln, fände ich zum Beispiel wichtig. Dafür würde ich ein paar Klassiker zurückstellen.) Und auch bei der Form könnte man bestimmt ein bisschen bunter auswählen. Zum Thema Nationalsozialismus könnte man auch die Graphic- Novel „Maus“ lesen. Da hat ein Mann die Erinnerungen seines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg aufgezeichnet. Das Buch ist komplex, aber ich glaube, Oberstufen-Schüler kommen damit zurecht. Supergut geschrieben und beeindruckend gezeichnet!

Gut für die Sekundarstufe I fände ich „Der Besuch der alten Dame“: Eine alte Frau kehrt in ihre Heimatstadt zurück und bietet den Bewohnern einen Haufen Geld, damit jemand den Mann tötet, der ihr vor 40 Jahren übel mitgespielt hat. Es geht um die Frage, ob das Wohl der Allgemeinheit über dem Wohl eines Einzelnen steht.

Und in der Grundschule hat mich „Damals war es Friedrich“ beeindruckt. Der Erzähler erinnert sich an seine Freundschaft zu einem jüdischen Jungen vor und während des Zweiten Weltkriegs. Wegen des Nationalsozialismus geht die Freundschaft auseinander, was der Erzähler als Erwachsener gut verständlich aufarbeitet.

"

Weniger Roman-Gedöns,

mehr Sachbücher und Philosophie"

Von Alexander aus Verden

Wir gehen zur Schule, um den Schmerz der Welt einzuüben. Der Sinn von Klassiker-Lektüre im Unterricht liegt nicht darin, ob wir den Inhalt verstehen oder mit unserem Leben verknüpfen können. Sondern nur in der Form: Nicht, ob wir fühlen wie Faust, sondern ob wir in der Lage sind, uns sein Fühlen und die Sprache, in der er es verfasst hat, zu erarbeiten. Gerade dann, wenn das Thema vollkommen an uns vorbeiproduziert ist.

Trotzdem habe ich immer versucht, Schullektüre auch inhaltlich auf ihren Nutzen für mich zu prüfen. Welche Bücher könnten aus irgendeinem Grund hilfreich sein?

Ich finde: Weniger Roman-Gedöns, mehr Sachbücher mit ungewöhnlichem Erzählstrang und mehr Philosophie. Außerdem intensivere Beschäftigung im Umgang mit Geld und Investition.

Meine Tipps:

- „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ (Richard Rorty): Ohne philosophische Vorbildung muss man es sich hart erarbeiten, hat aber dann was fürs Leben, um gesellschaftliche Diskurse egal welcher Art besser zu verstehen und den Blick auf die eigenen Möglichkeiten zu erweitern.

- „Gekaufte Zeit – Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ (Wolfgang Streeck): Ein aktueller Blick auf die vergangenen Jahrzehnte und warum alles furchtbar ist.

- „Selbstdenken!“ (Jens Soentgen): Alles, was man wissen muss, um sich in Diskussionen durchzusetzen.

- „Haben oder Sein“ (Erich Fromm): Ein Klassiker der Grundfrage, was das Leben lebenswert macht.

- „Geständnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (Thomas Mann): Grundfragen von Schein und Sein, aber origineller beantwortet als üblich. Außerdem das beste Deutsch, das man lesen kann.

- „Die Schopenhauer-Kur“ (Irvin D. Yalom): Widmet sich den Grundthemen des Lebens: Alter, Krankheit, Tod, Sex, Liebe, persönliche Weiterentwicklung.

- „Die Errettung der modernen Seele“ (Eva Illouz): Eine willkommene Abwechslung in Sachen Psychobabbel: Zeigt einen nüchternen, distanzierten Blick auf das psychotherapeutische Vokabular, zeichnet dessen Siegeszug nach und verdeutlicht, wie es sich in privaten und öffentlichen Lebensbereichen festgesetzt hat.

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