„Früher hab ich auf Tapeten gemalt“

Ein Tag mit sieben Zeichnern in der „Comicademy“ Hannover

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Trainer Marco mit seinem sieben Schülern der "Comicacademy"

Hannover – Samstagmorgen, kurz nach neun, Hannover. Ich erwarte große weiße Blätter, die bald nicht mehr weiß sind. Bunte Stifte, die herumrollen. Kreatives Gemurmel. Ab und zu einen freudigen Lacher. Aber meine Erwartungen werden nicht erfüllt.

Statt dessen schwirren Worte wie Krankenversicherung, Künstlersozialkasse und Steuernummer durch den Raum. Ich befinde mich in einem der Samstagskurse der „Comicademy“.

Sieben Leute lernen, wie aus ihnen ein perfekter Comiczeichner wird, der das Hobby zum Beruf macht. Dazu gehört eben nicht nur das Zeichnen, sondern auch eine Krankenversicherung und eine Steuernummer.

Ein Jahr lang treffen sich die sieben Comic-Fans – sechs von ihnen sind zwischen 16 und 25 Jahre, der siebte 40 – alle zwei Wochen in der Hannoveraner Bürgerschule des Stadtteilzentrums Nordstadt. Ein altes Haus, ein breiter Treppenaufgang, hohe Decken – und Stille: Außer den Schülern und ihrem Trainer, an diesem Morgen ist es Marco Finkenstein, ist niemand hier. Und auch Nicole, Sandra, Jan, Tordis, Chrissy, Karl und Torsten reden um diese Zeit noch nicht viel. Die Teilnehmer haben teilweise lange Wege auf sich genommen, kommen etwa aus Oldenburg, Kassel oder der Nähe Münsters.

Und so unterschiedlich wie ihre Wohnorte sind auch die Menschen. Mit dabei ist Nicole Rademacher. Lange, schwarz gefärbte Haare, Seitenscheitel. Eine Brille mit schwarz-rotem Gestell umrahmt die Augen. Sie war heute Morgen die erste, die vor der Tür des Kursraums wartete. Obwohl die 18-Jährige ganz aus Kassel kommt. Aber das frühe Aufstehen ist sie gewöhnt.

Nicole macht gerade eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin. Später will sie aber in einem kreativen Beruf arbeiten. „Ich zeichne, seit ich einen Stift halten kann“, erzählt sie. Immer mehr Werke kamen zusammen, mittlerweile verdient sie mit ihrem Talent sogar ein wenig Geld. „Ich habe mich vor vier Monaten nebenbei selbstständig gemacht, als Grafikdesignerin.“

Einladungskarten, Porträts, Logos, Tattooentwürfe – sowas gestaltet Nicole nun für Kunden. „Mich haben so viele Leute gefragt, ob ich was Bestimmtes zeichnen kann“, erzählt sie. Dann kam ihr die Idee, ab und zu etwas Geld dafür zu nehmen. Damit es immer mehr wird, macht Nicole Werbung in eigener Sache – auf eine kostengünstige Art: „Mein Vater ist Lkw-Fahrer, der kennt viele Leute und hat immer eine Mappe von mir dabei. Und ich gehe öfter mal auf den Flohmarkt und biete meine Sachen an. Da verkaufe ich zwar nicht viel, aber die Leute werden auf mich aufmerksam.“

"Weg vom Manga-Stil"

 Bis sie den Geschmack der Masse traf, dauerte es aber ein wenig. „Ganz wichtig war mir, dass ich vom Manga-Stil wegkomme“, sagt sie. „Die meisten Deutschen interessieren sich nicht so für Manga. Bei meinen ersten Porträts bin ich verzweifelt. Die Leute hatten alle so große Augen – eben typisch Manga-mäßig.“

Während bei den über 25-jährigen Zeichnern vor allem frankobelgische Arbeiten die Liebe zum Comic weckten, sind es bei den Jüngeren meist Manga, die Kunst aus Japan. Asterix, Lucky Luke oder „Tim und Struppi“ werden auf dem Comicmarkt mittlerweile von Mangafiguren wie „Sailormoon“ verdrängt.

Wie groß dieser Boom ist, lässt sich an den Umsatzzahlen des Carlsen-Verlags ablesen: 1994 verkaufte er nach eigenen Angaben Manga für knapp 400.000 Euro, acht Jahre später lag der Betrag schon bei mehr als 16 Millionen Euro.

Bei der „Comicademy“ geht es allerdings um verschiedene Formen des Comics, nicht so sehr um Manga. „Die meisten Übungen hier sind praxisorientiert“, erklärt Marco, der Trainer. „Wir sorgen für das theoretische Gebäude und die handwerklichen Fähigkeiten. Die Teilnehmer bringen bereits ein hohes Grundwissen mit.“ Denn ohne Talent und Erfahrung kann man bei der Schulung nicht mitmachen. Um die Teilnahme muss man sich offiziell bewerben. Die sieben, die heute in Hannover sitzen, haben es geschafft – die Zusage kam ein Vierteljahr vor Kursbeginn.

„Das Gefühl war einfach unbeschreiblich! Comiczeichner – endlich war ich diesem Traum einen Schritt näher!“, erinnert sich Tordis in ihrem Blog no-longer-daydream. blogspot.com. Tordis Voskamp, 20, kommt aus Nordenham (Niedersachsen). Sie sieht selbst fast aus wie eine Kunstfigur aus einem Comic. Der hellblond gefärbte, akkurat geschnittene Bob wird von zwei rosa Haarspangen geziert. Ein rosa Shirt, helle Jeans, schwarze Stiefel – bei Tordis ist alles genau abgestimmt.

Und so eindeutig wie ihr Äußeres sind auch ihre Zukunftspläne. Noch studiert die 20-Jährige Kommunikationsdesign, dann soll eine Ausbildung als Trickfilm- oder Comiczeichnerin folgen. Später will Tordis ganz oben mitmischen: „Disney wäre klasse“. Vor allem der klassische Comic und der Trickfilm liegen ihr am Herzen. „Ich wusste von Anfang an, dass es das einzige ist, was für mich in Frage kommt.“ Dafür wäre sie auch bereit, Deutschland zu verlassen: „In die USA würde ich gehen, wenn das klappt“. Dort sitzen schließlich die Riesen der Branche, Disney, Pixar und Co.

Für Karl wird das Comic-Zeichnen wohl eher ein Freizeitvergnügen bleiben. Karl Liebenau, 25 Jahre, wohnt in Hannover und studiert Physik. Er wirkt fast ein wenig wie ein verrückter Professor. Hager, braune Haare, die leicht abstehen und die Schläfen hinunterwachsen, ein breiter Schnurrbart über der Oberlippe. Eine große Brille sitzt auf der Nase. Karl trägt einen grauen Fleecepulli mit Reißverschluss, eine etwas verwaschene schwarze Hose und schwarze Schuhe.

Er ist Realist und weiß, wie schwer es ist, in einem künstlerischen Beruf zu bestehen. Durch die rosarote Brille gesehen, sagt er, „reizt es schon, einen eigenen Comic zu haben“. Aber der 25-Jährige zweifelt daran, das zu schaffen. Erst mal würde er gerne kleiner anfangen, ein Web-Comic wäre toll – wenn er sich damit sogar sein Studium finanzieren könnte: noch besser.

Chrissy Karalis bei der Arbeit.

Chrissy Karalis hat weniger genaue Vorstellungen, offenbart sie ihren Mitstudenten in der Business-Runde. Ihr Abitur macht die 17-Jährige aus Lehre bei Braunschweig mit künstlerischem Profil. Und dann? „Kunst studieren, oder Kunstgeschichte. Ich interessiere mich ja nicht nur für Comics, sondern für Kunst im Allgemeinen. Ich würde alles gern machen, was damit zu tun hat, auch Fotografie oder Innenarchitektur.“ Chrissy wirkt ruhig, nachdenklich. Die braunen Augen blicken ins Leere, den Mund umspielt ein leicht unsicheres Lächeln. Ein langer geflochtener, dunkelbrauner Zopf schlängelt sich über die Schulter, liegt über einem roten Schal und einem Pulli in der gleichen Farbe. Von ihrer Kunst leben zu können, davon träumt Chrissy. „Seit ich ungefähr vier war, krickel ich immer irgendwas. Egal, wo – früher auch mal auf Tapeten“, sagt sie und lacht. Dazu beitragen, Profi zu werden, soll der Besuch der „Comicademy“.

Am Schluss des Kurses gibt es eine Prüfung: Unter anderem müssen Chrissy und ihre Kommilitonen einen drei- bis sechsseitigen Comic abgeben. Die Schüler lernen hier nicht nur Theorie, sondern vor allem Praxis – beginnend bei den Grundlagen. Geometrische Formen wurden gezeichnet, Hochhäuser aus der Vogel- und Froschperspektive auf Papier gebannt und Gliederpuppen in den verschiedensten Positionen festgehalten. Heute, ein Dreiviertel Jahr nach Beginn des Kurses, sind die Teilnehmer natürlich schon weiter.

Eine Zeichnung von Chrissy Karalis.

Der Vormittagsblock neigt sich dem Ende entgegen, die sieben Comic- Fans hatten noch keinen Stift in der Hand. Nun soll es ans Zeichnen gehen. Passend zum Thema – Business – gibt Trainer Marco die Aufgabe, ein Logo zu entwerfen, um die eigenen Arbeiten einem Verleger anzubieten. Endlich, denke ich. Jetzt werde ich es bestimmt erleben, die kreative Unruhe, den Austausch unter den Studenten, das lebhafte Miteinander! Fehlanzeige. Die Aufgabe ist gestellt, die Blätter sind verteilt, und zu hören ist: Fast nichts. Ruhe. Die Zeichner arbeiten konzentriert. Chrissy beißt erst mal in einen Schokoriegel, lässt die Hand mit dem Bleistift wenige Zentimeter über dem Papier kreisen, bevor die dunkle Mine das Weiß berührt. Rechts daneben spitzt Tordis die Lippen, ein kritischer Blick begutachtet die ersten Ergebnisse auf ihrem Blatt, es soll ein Logo für ihre Vampir-Geschichten werden. Genauso selbstkritisch wirkt Karl, die Stirn ist ein wenig gerunzelt, der Zeigefinger der rechten Hand liegt auf seinem Schnäuzer. Der Trainer geht durch den Raum, begutachtet die ersten Ergebnisse. Eine Art Wappen bei Karl, verschiedene Versuche vom comichaften „Bähm – it’s me“ bis zum romantisch-verspielten „Karalis“ bei Chrissy; viele verschiedene Arten von Zeichnungen finden sich auf den Blättern der sieben Teilnehmer. Es ist erkennbar: Hier sind keine Amateure am Werk. Vor ihnen liegt noch ein langer Weg. Aber sie bringen alles mit, was man braucht, um ihn zu gehen.

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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