Kommunikation kennt keine Grenzen oder: Moment mal - ist das da MEIN Nacktbild im Netz?!

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Facebook ist Freund und Feind gleichzeitig: Der Anfang einer neuen Art von Austausch - und das Ende unserer Privatsphäre.

chili-Autorin Mary ist 17 und hat dem Jungen, in den sie verliebt ist, ein Nacktfoto von sich geschickt. Und der hat's Freunden geschickt. Und die haben's Freunden geschickt... Jetzt weiß jeder an der Schule, wie Mary nackt aussieht. Na, herzlichen Glückwunsch - unser Beitrag zu 10 Jahren Facebook.

Er ist groß. Hübsch. Und hat die schönsten braunen Augen, die man sich denken kann. Das fand ich schon in der Grundschule. Wir hatten zu der Zeit aber nie sehr viel Kontakt. Er wirkte immer irgendwie schüchtern. Freundlich, zurückhaltend – einfach sehr, sehr, SEHR nett. Nach der vierten Klasse kamen wir an unterschiedliche Schulen. Als ich durch Zufall mitbekam, dass er konfirmiert wurde, ging ich heimlich in die Kirche, um ihn anzugucken. Ich gratulierte ihm danach über Facebook. Er bedankte sich. Und als er etwas später vom Gymnasium abging und in meine Nachbarklasse kam, schrieben wir uns öfter mal.

Wenn man den Anfang jetzt so liest, könnte man denken: Der Beginn einer schönen Liebesgeschichte. Aber bei uns lief es anders.

Es ging meist um unsere gemeinsame Grundschulzeit. Wie es jetzt so in der Schule ist. Was wir gerade so machen. Irgendwann kamen wir auf privatere Themen. Küssen. Und all sowas. Er schrieb, er hätte so gerne ein Foto von mir. Ich schickte ihm eins. Er sagte, dass er es schön fände. Und ob er auch mal eins von mir ohne Kleidung bekommen könnte...

Ich sagte: „Nein, das mach ich nicht!“ Dann unterhielten wir uns über was anderes. Aber ein paar Tage danach kam er wieder darauf zu sprechen. Er würde sich so ein Nacktbild von mir wünschen – bitte, bitte, bitte!

Ich schrieb: „Nee! Nachher zeigst Du das überall rum und so’n Scheiß!“ Er meinte, dass er das niemals tun würde. Was ich denn über ihn denken würde? Ob ich ihm sowas echt zutrauen würde?

Dann meldete er sich eine Weile nicht mehr. Ich wurde total unsicher. Was war denn plötzlich los? Hatte er das Interesse an mir verloren? (Das wollte ich nicht!) Habe ich ihn beleidigt? Wir kennen uns seit der Grundschule, er schreibt so nett – etwas mehr Vertrauen sollte man doch schon zu jemandem haben, mit dem man sich eine Beziehung wünscht.

Ich war hin- und hergerissen. Entschied mich aber dann, ihm mein Vertrauen zu beweisen. Ich fotografierte mich im Badezimmer und schickte ihm das Foto.

Ich sah, dass er es bekommen haben musste und hielt es kaum aus vor Aufregung. Als er nach ein paar Minuten noch immer nicht antwortete, bekam ich Zweifel, ob das alles so eine gute Idee war. Ich schrieb ihm, dass er doch hoffentlich daran denken würde, dass das unser Privatding ist? Und dass er mir ja versprochen habe, das Bild nicht rumzuzeigen und keinem davon zu erzählen.

Er antwortete: Ich solle ihm endlich mal vertrauen. Er fände das Foto schön. Er machte mir Komplimente. Ich war erleichert und habe die ganze Nacht ganz glücklich an ihn gedacht. Ich war meinem Traum, mit diesem Traumtypen eine Beziehung zu haben, ein Stück näher! Er hatte sogar geschrieben, er fände mich und meinen Körper schön... Und er wäre genauso verliebt in mich...

Als ich am nächsten Morgen in die Schule kam, merkte ich schnell, dass irgendwas anders war. Aber nicht schön anders, weil ich so glücklich verliebt war, sondern irgendwie unheimlich anders. Ich hatte das Gefühl, dass ich von einigen Leuten so komisch angeguckt werde... Dass ein paar Jungs über mich redeten und sich lustig machten... Ich wurde misstrauisch.

In der Pause kriegte ich ihn dann kurz zu fassen und fragte, ob er seinen Freunden irgendwas erzählt hätte. Er meinte: „Nein, natürlich nicht!“ „Aber die reden doch irgendwie über mich...“ Er sagte nur: „Ach, Quatsch.“ Und war wieder weg.

Ich hatte das miese Gefühl, dass das alles nicht stimmen kann. Nach der Schule schrieb ich ihm gleich über Facebook. Er wich aus. Aber ich ließ nicht locker, bis er irgendwann antwortete: Es könnte sein, dass jemand das Bild gesehen habe. Aber er habe es nicht weitergeschickt.

WEITERGESCHICKT ?!

Was das für mich bedeuten würde, hatte ich mir schon voller Panik die ganze Nacht lang überlegt. Am nächsten Tag erlebte ich es dann: In der ganzen Schule wurde ich angeglotzt und ausgelacht. Alle lästerten über mich, zwei Mädchen aus meiner Klasse sagten, dass das Bild „voll ekelig“ wäre. Sogar eine Freundin von mir meinte, sie fände es total peinlich und naiv von mir. Jeder wüsste doch, dass man sowas nicht macht. Sie wolle nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich war verzweifelt.

Meine andere Freundin nahm mich in den Arm und sagte: „Ich steh’ das mit Dir durch!“ Sie meinte, ich solle noch mal mit dem Jungen reden. Das tat ich. Aber es ging voll nach hinten los.

chili-Autorin Mary hat beide Seiten kennengelernt - die Vor- und die Nachteile von Sozialen Netzwerken.

Er stritt ab, das Bild in Umlauf gebracht zu haben. Aber wenn ich ihm zehn Euro geben würde, könnte er dafür sorgen, dass das Foto niemand mehr sieht. Ich sagte: „Ich hab keine zehn Euro! Und Du hattest mir doch versprochen...“ Da unterbrach er mich und behauptete plötzlich, ich hätte ihm das Bild von mir aus geschickt! Ich würde ihn belästigen! Er könnte deswegen auch zur Polizei gehen! Ich sollte ihm 50 Euro geben, wenn ich das verhindern wolle.

Meine Gedanken rasten. Er hatte mir Hoffnungen auf eine Beziehung gemacht – und jetzt sagte er, ich hätte ihm das Bild einfach so geschickt, als Belästigung! Sogar eine Freundin hatte sich deswegen schon von mir abgewandt! Was, wenn ihm alle mehr glauben würden als mir? Er ist so hübsch, gut in der Schule, sehr beliebt... Ich konnte mir gut vorstellen, dass er es draufhätte, alles so rüberzubringen, dass am Ende alle anderen glauben, er wäre unschuldig.

Was sollte ich bloß tun – ihm das Geld geben? Aber würde es dann aufhören? Zum Glück lieferten mir wenigstens in diesem Moment meine Gedanken eine klare Antwort: Nein. Würde es nicht. Er hatte das Bild an Freunde geschickt und die an andere... und die an andere... Das Foto war nicht mehr aus dem Netz zu kriegen. Aus den Köpfen sowieso nicht. Egal, wie viel Geld ich dafür bezahlen würde.

Die nächsten Tage waren der Horror. Das Foto kannten jetzt so ziemlich alle an meiner Schule – und es kursierte sogar schon an drei Schulen in anderen Orten! Das erfuhr ich im Sportverein.

Irgendwann sah es auch eine Studentin, die früher mal an unserer Schule war. Sie meldete sich bei unserer Schulsozialpädagogin. Und die sich bei mir.

Das Gespräch war sehr peinlich. Sie hatte meinen Klassenlehrer dazugeholt. Jetzt wussten also auch die Lehrer, wie ich nackt aussehe... Und was ich einem Jungen schreibe, wenn ich verliebt und so blöd bin....

Die Schulsozialarbeiterin wollte mit meinen Eltern reden. Ich versuchte das zu verhindern – erfolglos. Es war eine große Überwindung, es ihnen zu beichten. Ich hab mich gar nicht gut gefühlt dabei. Und mein Vater hat sich auch sehr aufgeregt.

Die Schulsozialarbeiterin schlug vor, dass ich für ein halbes Jahr die Schule wechseln soll. Bis sich die Wogen geglättet hätten. Vom Gefühl her hätte ich das auch gerne gemacht. Aber mitten im Schuljahr? Ich müsste mich woanders ganz neu eingewöhnen. Meine Leistungen würden bestimmt erst mal schlechter werden – das konnte ich mir doch nicht leisten, jetzt so kurz vorm Abschluss... Nächstes Jahr bin ich ja sowieso mit der Schule fertig. Außerdem: Ich wohne auf’m Dorf – wo müsste ich denn dann ganz hinfahren? Was ist mit meinen Freundinnen? Und überhaupt: Wieso sollte ICH denn die Schule wechseln? Warum nicht er? Ich hatte den Fehler gemacht, einem Jungen, in den ich verliebt war, zu vertrauen und ihm dieses Foto zu schicken. Das war sehr, sehr dumm. Aber es ist nichts Kriminelles. ER hat mein Vertrauen gebrochen, das Foto überall verbreitet und mich auch noch erpresst! Was ist denn schlimmer?!

Ich entschied mich also gegen den Schulwechsel. Und dafür, keinem Jungen mehr so einfach zu vertrauen.

Meine Mutter hat erst mal mein Handy einkassiert, damit ich nie wieder was ver- schicke. Sie hat sich aber kurz darauf selber gefragt, wieso ich das nach so einem Erlebnis noch mal tun sollte, und gab es mir zurück. Meine Freundin, die sich von mir abgewandt hatte, bereute es, als sie die ganze Geschichte hörte. Sie entschuldigte sich bei mir, und wir sind wieder befreundet.

Der Junge sitzt mit mir immer noch in einem Kurs. Er guckt mich manchmal doof an, ignoriert mich aber sonst. Entschuldigt hat er sich nie bei mir. Aber das hätte ja auch nix dran geändert, dass alle Leute mich jetzt als „Die Peinliche“ kennen und wissen, wie ich nackt aussehe. Ich hätte natürlich gerne immer noch eine Antwort auf die Frage, warum er das getan hat. Ob es Spaß macht, jemanden vor der ganzen Schule zu erniedrigen? Ob er es lustig fand, mir Gefühle vorzuspielen und dann zu beobachten, ob ich daran kaputt gehe oder nicht? Was soll’s, das würde er mir wohl eh nicht verraten.

Die Schulsozialpädagogin hat sich sein Handy zeigen lassen. Er sollte das Bild vor ihren Augen löschen. Hat er auch getan.

Das Nacktfoto taucht trotzdem manchmal noch auf. Zum Beispiel neulich, als unsere Schule in der Zeitung war. Da hat jemand über eine Person das Foto von mir drübergeklebt. Aber ständiges Thema ist es jetzt nicht mehr. Im Moment reden wir mehr über den Abschluss.

Meine Angst bleibt aber, dass das Foto mich mein Leben lang verfogen wird. Vielleicht schadet es mir noch mal so richtig, wenn es um wichtige Dinge geht – Bewerbung, eine neue Bekanntschaft, vielleicht irgendwann sogar mal eine Beziehung...

Und dann ärgere ich mich über mich selbst. Und über diesen Jungen. Und über Facebook.

Von Mary (17 Jahre) aus Diepholz

Gesprächsprotokoll von Miriam Unger

Meine Tipps für so eine Situation

Keine Panik, ich gebe jetzt nicht die üblichen Tipps, wie man sich richtig im Internet verhalten soll. Aber ich weiß, was helfen kann, wenn man in so eine Situation geschlittert ist:

• Sucht sofort Hilfe bei Euren (richtigen) Freunden. Wenn man drüber redet, fühlt man sich nicht mehr so hilflos und einsam. Und auch nach außen war es für mich wichtig, dass die anderen in der Schule sehen, dass ich getröstet und in den Arm genommen werde.

• Lasst Euch ablenken und unternehmt viel, das Kopfkino macht Euch sonst fertig. Zieht Euch bloß nicht von allem zurück und versteckt Euch zu Hause!

• Überlegt Euch schlagfertige Sätze. Entweder einen coolen Spruch, der selbstbewusst klingt und so, als könntet Ihr selbst drüber lachen. Oder (besser) sagt einfach nur: „Ja, das war ein Fehler. Ich mach’s nie wieder.“ Und mehr nicht.

• Erzählt den Leuten, die Euch wichtig sind, selber, was passiert ist. Es wird sich eh rumsprechen, und es ist besser, sie hören Eure Version statt Gerüchten.

• Auch wenn’s schwer ist: Vertraut Euch Euren Eltern, dem Vertrauenslehrer oder Schulsozialarbeiter an. Wenn Ihr das nicht tut und zu lange schweigt, kann es passieren, dass sie auch eine Teilschuld bei Euch sehen.

• Wenn Ihr die Person, von der das Mobbing ausgeht, ansprechen wollt, tut es nicht alleine.

• Für die ersten Tage in der Schule gilt: Ihr müsst da einfach durch! Weitermachen und versuchen, das Geglotze und Gelaber zu ignorieren und normal zu reagieren. Ich bin ein paar Mal explodiert, habe rumgeschrien und geheult, damit bietet man noch mehr Angriffsfläche. Besser, man geht schnell raus und versucht, sich zu beruhigen.

• Obwohl es heute an fast allen Schulen Sozialarbeiter und Projekte über Cyber-Mobbing und „Sexting“ gibt – richtig weiter weiß man da meiner Erfahrung nach trotzdem noch nicht. Also werdet selber aktiv. Euer Problem ist eh schon öffentlich. Bittet Lehrer und Schulleitung, Euch zu helfen. Zum Beispiel, wenn jeder Lehrer in seiner Klasse drüber spricht und klar macht, dass die Schule sowas nicht duldet. Besser ist es noch, wenn ein Freund von Euch oder jemand Gleichaltriges mit den Mitschülern Klartext redet.

• Keine Angst, wenn Eure Eltern oder Lehrer mit den Eltern Eurer Peiniger spreche wollen. Eine Ansage, vielleicht sogar verbunden mit einer Strafe, von den eigenen Eltern bewirkt bei den meisten oft noch was.

• Wendet Euch an die Polizei. Die sind mit dem Problem „Sexting“ schon sehr beschäftigt und wissen, wie man im Netz Täter ausfindig macht und was man gegen sie unternehmen kann.

• Auch wenn Ihr das gerade nicht glaubt: Das Leben wird wieder besser. Also keine Kurzschlussreaktion wie Selbstmord! Bald gibt’s ein anderes Thema, über das sich alle das Maul zerreißen – Facebook sei dank!

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