Selbstmord

Woran halte ich mich fest, wenn mein Vater loslässt?

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Chili-Autor Sebastian erzählt, wie sein Leben nach dem Freitod seines Vaters weiterging

Viele sagen, einen geliebten Menschen durch Selbstmord zu verlieren, sei die schlimmste Art, von jemandem verlassen zu werden. Es bleiben so viele unbeantwortete Fragen zurück. Es gibt niemanden, der einem diese Fragen noch beantwortet oder auf den man wütend sein kann. Dem man sagen kann, er habe versagt. Oder alles sei nur seine Schuld. Oder dass man ihn liebt.

Wenn noch nicht mal ein Abschiedsbrief zurückgelassen wurde, in dem etwas erklärt wird, dann ist es umso schwieriger, loszulassen und das alles zu verarbeiten. Im Juni 2012 verlor ich meinen psychisch kranken Vater auf den Bahngleisen in Twistringen. Einen Mann, der sein Leben lang in fester Überzeugung gesagt hatte: „Wenn Menschen sich schon das Leben nehmen wollen, dann sollen sie doch zumindest niemanden anderen mit reinziehen!“

Dass er immer diese Einstellung hatte, macht mir heute klar, wie wenig er am Ende noch er selbst gewesen sein muss. Wenn ich ehrlich bin, war das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater bis zu meinem 16. Lebensjahr schwierig. Ich habe neben psychischer Extrembelastung und Gewalt allerdings auch sehr schöne Momente mit ihm erlebt. In unseren letzten beiden gemeinsamen Jahren haben wir viel zusammen unternommen und es wirklich geschafft, ein gutes, gesundes Vater-Sohn-Verhältnis aufzubauen.

Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht für mich war. Bessere Erinnerungen an einen Vater im Tausch gegen einen umso schwereren Abschied. Nach einem derartigen Tod in der Familie verändert sich das eigene Leben in vielerlei Hinsicht. Wieder in einen Zug zu steigen, war für mich in der ersten Zeit ein ungangbarer Schritt. Ein Teil meiner Familie kann ihn auch heute noch nicht wieder gehen. Ich war – anfangs war es unerträglich, heute sage ich: glücklicherweise – als Jugendlicher in dieser ländlichen Region darauf angewiesen, weiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, um meine Freunde sehen zu können. Sonst würde es mir jetzt bestimmt noch vorm Zugfahren grauen. Dafür rutscht mir bei jedem Holpern und bei jeder starken Bremsung der Bahn das Herz in die Hose.

Die Bestattung meines Vaters war das niederdrückenste Ereignis meines Lebens. Er war viele Jahre seines Lebens zur See gefahren. Darum entschieden wir uns für eine Seebestattung. Seine liebsten Freunde waren da und seine Eltern. Ich habe noch Monate danach erfolglos versucht, mich von diesem Tag zu erholen. Emotional ist dieser Moment gar nicht zu beschreiben. Über jedem einzelnen Anwesenden schwebte die gleiche Frage, schwer und deutlich: WARUM? Wieso hat er das gemacht? Und weshalb so? Eine Antwort gab es nicht. Und wir werden sie auch niemals bekommen.

Ich bin nicht religiös. Und wenn ich es wäre, müsste ich streng genommen ja sogar mit dem Gedanken leben, dass mein Vater bis in alle Ewigkeit in der Hölle brennt und Qualen erleiden muss, weil er nicht „normal“ gestorben ist, sondern sich selbst getötet hat. Unter diesem Gesichtspunkt bin ich also sehr froh, dass ich nicht religiös bin. Es kann sein, dass einem sowas wie ein Glaube über schwere Ereignisse hinweghilft. Viele meiner Bekannten haben es aber auch erlebt, dass sie durch den Tod eines geliebten Menschen an einen Punkt kamen, an dem sie ihren Glauben verloren haben. Gerade weil sie keine Antwort fanden auf die Frage nach dem Warum.

Wenn ich jemanden auf der Straße oder in einem Zug schlecht über Selbstmörder sprechen höre – gerade wenn ich in der Bahn sitze und jemand wegen einer Verspätung schimpft: „Da hat sich bestimmt wieder so ein Idiot vor den Zug geworfen“ – dann kocht die Wut in mir hoch, und ich muss mich zusammenreißen, nicht die Fassung zu verlieren. An schlechten Tagen ringe ich einfach nur mit mir und versuche, die Tränen runterzuschlucken.

Der schwierigste Schritt war und ist das Abschiednehmen, Loslassen und Verzeihen. Gerade in der ersten Zeit war das alles andere als leicht. Immer wieder landeten an meinen Vater adressierte Briefe im Postkasten. Leute riefen an, darunter viele Freunde, die noch nicht Bescheid wussten und einfach nur versuchten, ihn zu erreichen. Ihnen die Nachricht von seinem Tod zu überbringen war jedes Mal wieder emotional höchst anstrengend. Auch, weil es schwieriger ist, jemandem einen Selbstmord zu erklären als einen natürlichen Tod. Es ist schwer, nach einem Selbstmord in der Familie weiterzuleben. Es kommt immer wieder vor, dass ich das Gesicht meines Vaters fälschlicherweise in einer Menschenmasse sehe. Manchmal ertappe ich mich dabei, darüber nachzudenken, was mein Vater wohl sagen würde, wenn er jetzt dabei wäre. Aber im nächsten Moment holt mich dann die Realität wieder ein und reißt mir für den nächsten Augenblick den Boden unter den Füßen weg.

Also: Wie verabschiedet man sich nun, nach all diesen unterschiedlichen, gemischten Erfahrungen und Gefühlen und so einem Ende? Und wie beantwortet man sich selbst alle offenen Fragen, die man noch hat? Ich glaube, diese Erfahrung macht jeder, der jemanden, der einem nahesteht, ganz plötzlich verliert. Also muss doch irgendjemand wissen, wie es geht... Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zu versuchen, diesen schweren Verlust so zu verarbeiten, dass man irgendwie trotzdem damit weiterleben kann. Oder ihn einfach streckenweise zu vergessen. Das klappt allerdings selten. Und wenn, dann zieht es oft eigene psychische Probleme nach sich. Man versucht alles mögliche in so einer Ausnahmesituation. Man probiert, bei Sonnenuntergang mit einem Geist zu sprechen. Oder in einer Kirche zu beten. Man schreibt Briefe an den Toten, die man anschließend verbrennt. Vielleicht versucht man das alles in dem Glauben, dass der Verstorbene so erfahren kann, was man ihm noch mitteilen möchte. Aber in erster Linie steht im Vordergrund, sich mit diesen Formen des Abschieds selbst zu helfen. Und irgendwie einen Weg in dieser Ausweglosigkeit zu finden, dass man die Person, die man verloren hat, nie wiedersieht. Nie wieder ein Wort mit ihr wechselt. Sie nie wieder anfassen kann. Viele Dinge einfach nicht mehr klären kann.

Ich, für meinen Fall, versuche, das alles zu akzeptieren und über den Tod meines Vaters hinwegzukommen. Aber es ist ein sehr langer Weg.

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