Der Tafeldienst: ein Trauerspiel

Vor der Whiteboard-Generation: Erinnerungen an grüne Tafeln, nasse Kreide und alte Schwämme

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Noch ist die Kreide trocken. Beim nächsten Mal Tafelwischen wird sie schwimmen lernen.

Aufgrund der Einführung von Whiteboards wird es bald vermutlich keine klassischen Schultafeln mehr geben. Aber wie war das eigentlich damals, als man noch Tafeldienst hatte?

Von Lisa Hustedt. An der Grundschule in Sankt Hülfe-Heede gibt es jetzt ein neues, interaktives Whiteboard. Auf dem Medium kann geschrieben und gezeichnet werden wie auf einer Tafel. Außerdem ist das Gerät in den meisten Fällen stets mit dem Internet verbunden. Eine im Rahmen der Digitalisierung unabdingbare Entwicklung, zumindest laut einer Pressemitteilung der Stadt Diepholz.  Digitalisierung. Eine rasend schnelle Entwicklung, bei der man gefühlt selbst kaum noch hinterherkommt. Eine Entwicklung, weswegen es eine Generation geben wird, die ohne grüne Schultafeln und staubige Kreide aufwachsen wird. Wie war das eigentlich damals noch, als immer wieder die Frage im Raum stand „Wer wischt denn heute die Tafel?“ beziehungsweise „Wer ist dran mit Tafeldienst?“.

Es folgt eine szenische Erinnerung an durchnässte T-Shirts, staubige Hände und ein paar Minuten Pausenverlust.

Es ist 9 Uhr. Die Schulglocke läutet und lässt die Grundschüler de Klasse 2b wissen, dass es Zeit ist, nach draußen zu gehen und auf dem Schulhof zu spielen. 

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Doch zwei Schüler stürmen nicht voller Freude hinaus. Sie bleiben im stillen Klassenraum zurück. Sie haben Tafeldienst.

Einem kommt die Aufgabe zuteil, die Tafel zu wischen. Also greift er sich den Schwamm, beziehungsweise das, was davon übrig ist. Der erinnert mittlerweile an vieles, aber nicht an einen Schwamm. Einst fröhlich quietschgelb, gleicht er jetzt nur noch einem braunen Klumpen. Beim ersten Kontakt lässt die gitschig-klebrige Konsistenz sofort ein kalkiges Gefühl auf den Händen zurück, was den ganzen Tag über bleiben wird. 

Mit dem Hintergedanken, es einfach so schnell es geht hinter sich zu bringen, wird die Kalkschleuder unter‘m Wasserhahn lustlos viel zu nass gemacht und dann unausgewrungen an die Tafel geklatscht. Das wiederum führt dazu, dass das gesamte überschüssige Wasser sich jetzt wasserfallartig über die Tafel ergießt. In einem verzweifelten Versuch es aufzufangen, wird schnell der Schwamm von oben nach unten gerissen, doch es ist zu spät: Die Ablagefläche unter der Tafel ist bereits geflutet. Einer Regenrinne gleichend fließt das Kreidewasser bis nach unten auf den Boden. Die dort zuvor abgelegten Kreidestücke klatschen durchweicht ebenfalls auf den Boden und zerbrechen. Jetzt ist eh alles egal. Schnell wird die restliche Tafel saubergepfuscht. Selbstverständlich nur die Teile, auf denen auch etwas geschrieben ist.

Tatwaffe Abwischer, eigentlich bekannt als ausrangierter Scheibenwischer.

Auch der zweite Schüler kann die Katastrophe nicht mehr abwenden. Das bisschen Wasser, das sich noch auf der Tafel befand, wird schnell mit dem fast zerbrochenen Abwischer im Zick-Zack-Muster abgezogen. Diese Aktion hinterlässt diverse Flecken auf den einst sauberen T-Shirts, weswegen es bestimmt noch Ärger Zuhause geben wird. Die Kreidekrümmel werden pro forma zurück in die Regenrinne gelegt. Der Schwamm wird unausgewaschen zurück ins Waschbecken gefeuert, um dort luftzutrocknen. Die Hände fix abgebraust und trockengeschüttelt. Jetzt zählt nur noch eins: Schnell in die Pause zu kommen.

Nach Pausenende kehrt die Klasse zurück in den Klassenraum. Die Tafel ist zwar gewischt, aber dort, wo sie gewischt wurde, prangen jetzt weißliche Schlieren. Eine eindeutiger Hinweis darauf, dass der Schwamm zuvor nicht richtig ausgewaschen und einfach kreuz und quer gewischt wurde. Als die nächste Lehrkraft den Raum betritt, erwartet sie die nächste unschöne Überraschung: Ein Schritt zu nah an die Tafel herangetreten steht sie prompt in einer Kreidewasser-Pfütze. Eine kurze Tirade später greift sie nach der Kreide. Großer Fehler. Mit angewidertem Gesicht stellt die Lehrkraft fest, dass die Kreide komplett durchweicht ist. Sich damit abfindend beginnt die Lehrkraft, neue Notizen an die Tafel zu schreiben. 

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Schließlich klingelt es zur Pause. Der Tafeldienst schreitet zur Tat und das Trauerspiel beginnt von vorn.

Ich frage mich welche Erinnerungen Grundschüler haben werden, die mit einem Whiteboard als Tafel aufwachsen? Vielleicht wird es einen Dienst geben, der das Whitebaord herunterfährt, oder einen der darauf achtet, dass der Stift nicht verschütt geht? 

So oder so, wer wissen will, wie man eine Tafel richtig wischt, findet hier eine genaue Anleitung für alle Körpergrößen und Typen. Macht‘s besser als ich damals in der Schule!

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