Schule im Schnelldurchlauf

Malte Klingenberg

Edemissen – Jede noch so komplizierte Mathe-Aufgabe in Sekunden lösen, immer gute Noten schreiben und alles längst verstanden haben, während sich die Mitschüler alle noch den Kopf zerbrechen – davon hat doch jeder schon mal geträumt. Wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, das alles zu können, dann Malte Klingenberg.

Gerade hat er sein Abitur mit der Traumnote 1,3 bestanden. Ab Oktober will er Physik studieren. Dabei ist er gerade erst 15 Jahre alt. Malte ist hochbegabt. Aber was sich so beneidenswert anhört, ist in Wirklichkeit oft nicht so einfach. Malte kann davon ein Lied singen, sein Vater erst recht. „Malte war in der Grundschule nicht beschulbar. Ständig hieß es, er würde den Unterricht stören. Schließlich war er mit allen Aufgaben ganz schnell fertig und hat sich dann andere Beschäftigungen gesucht“, erinnert sich Bernd Klingenberg. Eines Tages kam Malte tränenüberströmt nach Hause, weil er nicht an einem Vorlesewettbewerb teilnehmen durfte. Die Begründung der Lehrer: Er sei zu gut, die anderen hätten ja gar keine Chance. „Wie soll ein kleines Kind sowas verstehen?“, fragt Bernd Klingenberg. Malte hat verschiedene IQ-Tests absolviert, die Ergebnisse lagen immer „in luftigen Höhen“, wie es sein Vater formuliert: „Eigentlich ist bei diesen Prüfungen in Deutschland bei einer Punktzahl von 150 Schluss. Malte liegt bei 99,9 Prozent und höher – viel mehr geht nicht.“ Zum Vergleich: Der durchschnittliche Wert liegt zwischen 90 und 110 Punkten, die Schwelle zur Hochbegabung bei 130, von Höchstbegabung spricht man ab 145. Dass Malte irgendwie anders ist, machte sich schon früh bemerkbar: „Als die anderen Kinder mit ihren Bauklötzen gespielt haben, habe ich sie lieber nach Farben sortiert“, erzählt er. Das Schlüsselerlebnis hatte seine Mutter Birgitt, als Malte drei war. „Vor der ,Sesamstraße‘ kamen im Fernsehen die Nachrichten. Und da habe ich unten ein Wort gelesen, das ich nicht kannte. Also habe ich meine Mutter gefragt“, sagt Malte. Und die ergänzt: „Da ist mir wirklich die Kinnlade runtergefallen. Malte stand vor mir und wollte wissen, was ein Forstwirtschaftsbericht ist.“ Ein Kind, das mit drei Jahren fließend lesen kann und vorm Schlafengehen auch mal die Gebrauchsanweisung der Waschmaschine studiert – das stellt die Eltern vor eine große Herausforderung. „Malte war unser erstes Kind, wir hatten ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Und dazu kommt der Neid der anderen Eltern, den gibt es immer“, erzählen die beiden. Denn junge Eltern machen nichts lieber, als die Fortschritte ihrer Sprösslinge zu vergleichen. „Aber bei solchen Treffen haben wir uns immer zurückgehalten.“ Mit fünf Jahren wurde Malte eingeschult, übersprang schnell zwei Klassen und war gerade neun, als er in die siebte kam. „Das war schon eine etwas schwierige Zeit. Nicht, weil die anderen gemein waren, sondern weil ich eigentlich noch ein kleines Kind war, die anderen aber schon in der Pubertät“, sagt Malte. Besonders beim Sport sei es nicht einfach gewesen: Basketball macht einfach wenig Spaß, wenn alle anderen drei Köpfe größer sind. Aber daran hat sich Malte längst gewöhnt. Er hat gelernt, sich durchzusetzen, „und irgendwann gewöhnten sich auch alle anderen daran, dass ich jünger bin. Nur am Anfang war es eine Herausforderung.“ Die Schulen in Edemissen, wo die Klingenbergs wohnen, und auch im benachbarten Peine waren schnell die falschen Adressen für Malte. Deswegen ging er ab der fünften Klasse auf das CJD-Gymnasium in Braunschweig. Dort werden Hochbegabte aus ganz Deutschland besonders gefördert. Die tägliche Fahrerei der 40 Kilometer konnten seine Eltern bald nicht mehr leisten, der Aufwand wurde zu groß. Also musste Malte schon mit acht Jahren jeden Tag alleine mit dem Zug fahren. Ganz wohl war seinen Eltern dabei nicht, aber nachdem seine Mutter ihn eine Woche lang begleitet hatte, schaffte Malte es auch alleine. „Geistig mussten wir ihn ja schon vorher ziehen lassen, aber Sorgen haben wir uns natürlich schon gemacht“, erzählt Birgitt Klingenberg. „Es hätte ja auch nach hinten losgehen können.“ Ist es aber nicht. Die Prüfungen in seinen Hauptfächern Mathe, Chemie (jeweils als Jahrgangsbester) und Informatik meisterte Malte mit Bravour. Die Schulleitung schlug ihn sogar für die Aufnahme in die „Studienstiftung des deutschen Volkes“ vor. Und weil bei seiner zweiten Fremdsprache Latein nach der neunten Klasse „die Luft raus“ war, entschied sich Malte für Japanisch. „Ein Sprachtalent bin ich eher nicht, aber auch dabei hatte ich wenig Probleme. Fließend spreche ich nicht, aber es reicht, um mich zu verständigen.“ Dass es letztlich „nur“ zur Abi-Note 1,3 gereicht hat, liegt an den anderen Fächern: So musste sich der frischgebackene Abiturient in der schriftlichen Geschichts-Prüfung mit elf Punkten – einer glatten Zwei – zufriedengeben. Nur die Computertechnik gönnte Malte den Erfolg scheinbar zunächst nicht: Beim Eingeben der Noten ins System erschien immer wieder die Meldung „nicht bestanden“. Später stellte sich raus, dass der Computer sich am Geburtsjahrgang gestört hatte – Malte war einfach zu jung. Die Sommerferien will er jetzt nutzen, um auch bei einem seiner Hobbys, dem Orgelspielen, den nächsten großen Schritt zu machen. Nach bestandener D- steht die C-Prüfung auf dem Programm. Damit könnte er sogar als Organist angestellt werden. Ansonsten singt Malte in mehreren Chören und beschäftigt sich mit Zauberwürfeln, die er in den unterschiedlichsten Varianten besitzt: „Ich will immer neue Lösungen finden. Auf die Geschwindigkeit kommt es mir gar nicht so an.“ Mit Spannung wartet Malte auf den Beginn des Studiums in Braunschweig im Herbst. „Ich glaube nicht, dass ich damit übermorgen fertig sein werde. Das will ich auch gar nicht. Ich lasse es jetzt ruhiger angehen.“ Trotzdem: Lange wird es vermutlich nicht dauern, ehe Malte dem Weltraum, seinem Lieblingsthema, neue Geheimnisse entlockt. Seine Eltern wird es freuen – langsam finden sie, dass sie stolz auf ihren Sohn sein dürfen. „Das haben wir lange vermieden, damit Malte nicht abhebt und uns die Leute nicht schief anschauen.“ Lars Kattner

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