Smartphones im Unterricht

Früher gab es Zettel, heute WhatsApp

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Weil Smartphones ablenken können, helfen konsequente Regeln, die in einem Schulkonzept formuliert werden sollten, sagt Felix Nattermann.

Mönchengladbach - Von Marvin Köhnken. „Wenn ein Lehrer es nicht schafft, die Aufmerksamkeit der Schüler vom Smartphone loszureißen, tut es mir leid – dann ist nicht das Handy schuld.“ Für den mehrfach ausgezeichneten Gymnasiallehrer Felix Nattermann ist klar, was schief läuft, wenn Schüler im Unterricht trotz eines klaren Verbots nur noch Augen für ihr Mobiltelefon haben. „Früher wurden Zettel herumgereicht, heute werden WhatsApp-Nachrichten verschickt.“

Smartphones bringen den Schulalltag durcheinander: Lehrer zucken mit den Schultern und verstehen die Welt nicht mehr, wenn sich die Jugendlichen auf YouNow per Live-Stream vor aller Welt in Szene setzen oder bei Facebook über beschämende Fail-Videos oder erniedrigende Sexting-Fotos lästern. Nicht nur die Lebenswelt der Schüler verändere sich, sagt Natterman – auch die Medien, in denen sich diese Welt abspielt, sind in wenigen Jahren völlig andere geworden.

„Viele sehen Handys heute als Problem für die Entwicklung der Kinder“, sagt der Pädagoge aus Mönchengladbach. Weil ihnen das Wissen über dieses Medium fehle, könnten sie ihre Kinder nicht kontrollieren. „Eltern nehmen sich da oft komplett raus, weil das Thema so schnelllebig ist.“

An diese Stelle treten immer öfter die Schulen – oder sollten es zumindest, ist Nattermann überzeugt. „Die Eltern geben die Verantwortung dabei ab“. Das es dennoch viele Vorbehalte gegenüber der neuen Technik und der damit verbundenen Ablenkung im Schulalltag gibt, liege vor allem an fehlender Medienkompetenz – bei Lehrern und Schülern gleichermaßen.

Weiterbildungen halten nicht lange vor

Wer sich als Pädagoge in dem Thema weiterbilde, habe nach einem halben Jahr schon wieder veraltetes Wissen. „Selbst ich komme nur schwer mit“, sagt der ausgebildete Informatiker Nattermann – und macht aus der Not eine Tugend, indem er seine Schüler dort

abholt, „wo es passt“. Ohne Zwang, sondern mit Augenmaß für das Potenzial von Smartphones.

Die Studie „Always online und doch allein?“ im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen bestätigt die Resignation vieler Eltern in Sachen „Handy-Erziehung“. Die Forscher bestätigen Nattermanns Eindruck, in welcher „extrem kurzen Zeit“ sich die Mediennutzung von Schülern zwischen acht und 14 Jahren verändert hat.

Laut Professor Dr. Peter Vorderer nutzen Kinder und Jugendliche Smartphones vor allem zur Kommunikation miteinander – das Mitteilungs-Zettelchen des beginnenden 21. Jahrhunderts sozusagen. Gleichzeitig erkennt der Medienwissenschaftler in den Geräten beliebte Mittel, um die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Für Johannes Wentzel, Medienpädagoge aus Münster, beginnt die Nutzung nicht in einem bestimmten Alter, sondern mit dem richtigen Wissen um die Begriffe Internet, Öffentlichkeit und Datenschutz. Wentzel beschreibt dies als nötige „kritische Distanz“, die Eltern und Lehrer – so sie denn richtig geschult sind – den Heranwachsenden beibringen sollten.

Nattermann hält sinnvolles Schul-Konzept für nötig

Smartphones sind nicht nur auf dem Schulhof eine beliebte Ablenkung.

Damit Schüler nicht auf sich allein gestellt im Internet unterwegs sein müssen oder die Smartphone-Nutzung auch während des Unterrichts außer Kontrolle gerät, macht sich Felix Nattermann dafür stark, im Kollegium ein sinnvolles Konzept zu erarbeiten. Der Erfolg sei messbar: „Mir ist es in sechs Jahren nur einmal passiert, dass ein Schüler im Unterricht sein Handy nicht aushatte und einen Anruf erhielt – und meinen Kollegen geht es ganz ähnlich.“

Einschalten dürfen die Schüler ihre Handys nur, wenn das „für den Unterricht sinnvoll ist“, sagt Nattermann und beschreibt, wie er Smartphones darüber hinaus in den Schulalltag integriert: nämlich über das „Gamification“-Prinzip. Dabei setzt der Pädagoge wie in einem Spiel auf die Vergabe von Erfahrungspunkten, die er Schülern bei bestimmten Leistungen gutschreibt. „Über eine Website und bald auch über eine App, die ich mit den Teilnehmern meiner AG selbst entwickele, sind diese sichtbar und machen einen positiven Wettbewerb zwischen Schülern und ganzen Klassen möglich“, sagt Nattermann.

Anstatt in der AG fehlende Schüler zu bestrafen, kann Nattermann nach jedem Termin den mehr als 70 regelmäßigen Teilnehmern Punkte geben. „Jeder Fortschritt ist sichtbar, weitere Belohnungen gibt für gute Beteiligung. Und auch wer nur wenige Punkte hat, kann mit den anderen das Klassen-Ergebnis verbessern.“

Anders als Strafen, die bei Schülern vor allem trotzige Reaktionen heraufbeschwören, biete dies motivierende Anreize und nebenbei auch die Möglichkeit, den gelungenen Umgang mit Smartphones zu fördern, sagt Felix Nattermann. Zudem umgeht er so zumindest teilweise das Problem, dass „volle Stundenpläne kaum Platz für eine breite Vermittlung von Medienkompetenz lassen“.

Zur Person:

Der Diplom-Informatiker Felix Nattermann programmiert seit seiner frühen Jugend selbst und gibt diese Begeisterung auch an seine Schüler weiter. Der Informatik- und Mathematiklehrer betreut eine Computer-AG an seinem Gymnasium in Mönchengladbach und arbeitet als pädagogischer Leiter im Computercamp – einem Ferienangebot rund um das Thema Neue Medien für Teilnehmer zwischen zehn und 17 Jahren.

www.computercamp.de

Hintergrund: Handy-Regeln in der Schulordnung

Die Entscheidung, wann und in welchem Umfang der Gebrauch von Smartphones abseits des Lerninhalts im Unterricht und den Pausenzeiten zulässig ist, wird in Niedersachsen nicht auf Landesebene getroffen. Allen Schulen obliege es eigenverantwortlich, diese Frage für ihre Schüler zu beantworten, sagt Bianca Schöneich, Pressesprecherin der Landesschulbehörde. „Dabei haben wir Vertrauen in die jeweilige Schulleitung, stehen aber als Berater immer zur Verfügung.“

Beim Thema Smartphones gibt die Aufsichtsbehörde beratende Hilfe: „Ein generelles Verbot für Smartphones an einer Schule halten wir für unberechtigt“, sagt Schöneich. Zulässig und üblich sei es allerdings, die Nutzung von Mobiltelefonen im Unterricht mithilfe der Schulordnung einzuschränken oder zu verbieten. „Auch örtliche Begrenzungen in den Pausen sind so möglich.“ Was früher mal eine Raucher-Ecke war, könnte heute ein Smartphone-Bereich sein.

Obwohl die Behörde über keinen Experten für Handys und deren Nutzung in der Schule verfügt, steht das Team für Anfragen bereit und vermittelt Seminare und Vorträge. „Darüber hinaus bieten wir Lehrern rechtliche und schulfachliche Beratungen an“, sagt Bianca Schöneich. kom

Smartphones als Hilfsmittel?

Online-Recherchen im Unterricht sind kein Tabu: Zumindest, wenn diese mit schuleigenen Geräten erfolgen, erlauben acht von zehn Lehrern in Deutschland ihren Schülern, das Internet als Quelle zu nutzen.

Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Digitalverbandes Bitkom, des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) und der Learntec-Messe in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Aris. Allerdings, so Bitkom-Sprecher Andreas Streim, gilt die Erlaubnis ausdrücklich nicht für Smartphones. „Diese Geräte und Schüler-Tablets spielen schlicht keine Rolle, wenn es um den aktiven Einsatz durch Lehrer geht.“

Rolf Busch vom VBE bestätigt das und ergänzt: „Sein eigenes Gerät mit in die Schule zu bringen, sehe ich ein Stück weit kritisch, weil es oft einfach nur die pragmatische Alternative dafür ist, dass es an Schulen angemessene Technik gibt.“ Dies werde dann zum Problem, wenn eine Gruppe Schüler einer anderen etwas voraus habe – zum Beispiel Handys der neuesten Generation.

Zudem fehle Lehrern laut dem stellvertretenden VBE-Bundesvorsitzenden oft nicht nur die Fähigkeit, mit Smartphones umzugehen, sondern auch der Zugang zu passender Infrastruktur. „Wenn Schüler im Sportunterricht die Chance haben, Videos zu drehen, lassen sich diese Inhalte auf dem Schulhof nicht mehr kontrollieren. Und wenn Lehrer gezwungen sind, ihre Noten- und Schülerverwaltung auf privaten Geräten zu machen, wird der Datenschutz zu einem echten Problem.“

Neun von zehn Lehrer gaben Ende 2014 in einer weiteren VBE-Umfrage zudem an, sich ihre Kenntnisse über digital basierten Unterricht auch privat angeeignet zu haben. Busch kritisiert: „Die Politik sagt zwar: ,Holt die Schüler ab‘, stellt notwendige Technik und Ausbildung aber nur halbherzig zur Verfügung.“ kom

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