Gewalt in der Familie

Lärm rettete mein Leben

Schläge und Sprachlosigkeit statt Liebe und Zusammenhalt: Tobi (20) erzählt, wie er die Zeit in seiner Familie überstanden hat

Ich kann gar nicht definieren, wie alles genau angefangen hat. Wir sind damals umgezogen, das sollte für unsere Familie so was wie ein Neuanfang werden. Aber irgendwie ist alles immer nur noch schlimmer geworden. Meine Eltern haben sich jeden Tag heftiger gestritten. Irgendwann sind sie in getrennte Schlafzimmer gezogen, die Hälfte eines Arbeitszimmers wurde zu einem Alibi-Wohn- und Esszimmer umgeräumt, falls sich mal Besuch oder Verwandtschaft in unser Haus verirren sollte.

Weil meine Mutter tagsüber arbeitet und mein Vater nachts, gab es nicht mehr Berührungspunkte zwischen ihnen als bei WG-Mitgliedern, die sich über den Weg laufen, ein „Hallo“ zumurmeln, die wichtigsten Dinge besprechen – wie zum Beispiel: „Das Auto muss in die Werkstatt“ – und dann die Tür ihrer jeweiligen Zimmer zuschlagen. Familienfeiern waren besonders anstrengend, denn da musste geschauspielert werden, was das Zeug hält. Ich kam mir jedes Mal vor wie in einer schmierigen, falschen Welt. Mein Vater sagte nichts, meine Mutter lachte. In Wirklichkeit war niemand glücklich, aber das durfte keiner aussprechen.

Meine Mutter perfektionierte dieses Versteckspiel. In meinem Vater staute sich immer mehr Wut und Hass an. Ich war irgendwie dazwischen in einem luftleeren Raum. Alles, was ich sagte, wurde von niemanden aufgenommen. Wenn ich mich an meine Mutter wandte, war sie müde von ihrer Arbeit und schlief beim Zuhören schon fast ein. Mit meinem Vater waren Gespräche gar nicht möglich.

Je öfter und dringender ich versuchte, auf die beiden zuzugehen, desto mehr verschlossen sie sich. Wenn ich mit Mama was Schwieriges besprechen wollte, blieb sie abends länger weg, machte Überstunden oder Yoga-Kurse oder lieferte gar keine Erklärung ab, warum sie erst so spät nach Hause kam. Irgendwann fragte ich auch nicht mehr, ob sie mal Zeit für ein Gespräch hätte.

Es wurde zur Gewohnheit: Niemand sagte was, solange er selbst in Ruhe gelassen wurde. Aber die Stimmung im Haus wurde immer schiefer und schräger.

Weil reden sinnlos war, stritt ich mich immer mehr mit meinem Vater. Darüber, wie ich meinen Rucksack nach der Schule hinstellte. Einfach über alles. Niemand kochte mehr oder kümmerte sich um irgendwelche gemeinschaftlichen Aufgaben.

Ich glaube, es war die Wut meines Vaters, dass alles unter den Teppich gekehrt wurde, die fehlenden Gespräche mit meiner Mutter und die Machtlosigkeit, alles zerbrechen zu sehen, die ihn veranlasste, zu schlagen.

Erst waren es nur Teller, die an die Wand flogen. Dann Möbelstücke, die zerdonnert wurden. Später Türen, die er eintrat.

Ich schaffte es immer noch jedes Mal, mich schnell genug in mein Zimmer zu retten, um seinen Wutausbrüchen zu entgehen. Nicht, weil ich Angst bekommen habe. Am Anfang nicht. Ich habe irgendwann sogar bemerkt, dass ich ihn manchmal absichtlich provozierte, damit er sich wieder wie ein aggressiver Idiot aufführt. Damit meine Mutter mal einen Moment länger dableibt und die beiden über Scheidung reden.

Aber das passierte nicht, und mein Vater veränderte sich immer mehr. Er bekam so ein Funkeln in den Augen, wenn er wie wild auf irgendwas einschlug. Seine Lippen zusammengekniffen, der Blick gehetzt – dieses Gesicht werde ich nie mehr vergessen. Wenn er mich so ansah, kroch in mir eine Eiseskälte hoch. Die Kälte aus seinen Augen. Und irgendwann bin ich dann doch nicht mehr so schnell weggekommen.

Ich lag schon auf dem Boden, als er immer noch wie wild auf mich einschlug. Am Anfang hatte ich noch versucht, mich zu wehren, immerhin bin ich ein Kerl und nicht gerade schmächtig gebaut. Eigentlich hatte ich sogar gedacht, ich müsste körperlich stärker sein als er. Aber gegen diese unbändige Wut kam ich nicht an. Mein Vater sah nur Rot, und ich sah Blut aus meiner Nase über mein T- Shirt laufen.

Es hörte so plötzlich auf, wie es angefangen hatte. Dann war alles still. Das war das erste Mal.

Ich habe nie geweint in diesen Momenten. Obwohl mein Schreck, meine Wut und die Schmerzen groß waren. Aber diese Genugtuung wollte ich ihm nicht gönnen. Und ich hielt es durch.

Naja, Jungs weinen ja eh weniger als Mädchen. Aber ich wollte ganz aufhören, Gefühle zu zeigen. Und das gelang mir auch.

In meinem restlichen Leben habe ich auch heute oft noch Probleme mit meinen Gefühlen. Ich bin überfordert, wenn ich meiner Freundin zeigen will, dass ich sie liebe oder dass ich glücklich mit ihr bin. Ich krieg’s manchmal einfach nicht hin. Oder: Als mir jetzt zum Beispiel zur besten Arbeit in meinem Ausbildungsjahrgang gratuliert wurde. Da habe ich es nicht geschafft, irgendwelche Gefühle zu zeigen. Ich war unsicher vor den ganzen Leuten und kam noch nicht mal auf die Idee, einfach nur zu lächeln. Und auch als meine Mutter mir vor ein paar Wochen sagte, dass meine Oma gestorben ist: Sie weinte dabei. Sie sagte: „Wie kannst Du nur so kalt sein? Du bist so herzlos!“. Dabei habe ich meine Oma echt geliebt.

Aber ich bin nicht herzlos. In mir sind sehr viele Emotionen. Ich habe sie als Kind und Jugendlicher nur so krampfhaft unterdrückt, dass ich jetzt mit 20 nicht mehr weiß, wie ich sie nach außen zeigen soll.

Mein Vater hat das irgendwie anders geregelt. Immer, wenn er so ausrastete und alles dann wieder still wurde, dann weinte er. Aber ich spürte kein Mitleid für ihn, nur allergrößte Verachtung darüber, wie wenig er sich unter Kontrolle hatte und was für ein Wrack er war.

Von einem dieser „Zwischenfälle“ behielt ich eine Platzwunde. Da war ich noch jünger und konnte das alles noch nicht selbst organisieren. Die Wunde musste genäht werden. Weil sonst keiner zu Hause war, musste mein Vater mich zum Arzt fahren. Als der fragte, wie denn das passiert sei, nickte ich zu meinem Vater rübter, und der sagte doch wirklich mit einer Gelassenheit und Überzeugung, dass ich beim Fußball mit jemanden zusammen gestoßen wäre!

Noch jetzt kommt eine unbändige Wut in mir hoch über diese Feigheit und Dreistigkeit, seinen eigenen Arsch zu retten! Ich fand es einfach nur widerlich, wie schwach meine Eltern waren – beide!

Die Narben, die ich äußerlich als Erinnerung mitbekommen habe, stören mich eigentlich gar nicht. Viel schlimmer finde ich, was diese beiden mit ihrer Unfähigkeit, unser kaputtes Familienleben anders zu lösen, bei mir sonst hinterlassen haben. Was heißt „unser Familienleben“ – meine Mutter zog irgendwann zu ihrer Mutter, weil sie meinte, dass sie so dichter an ihrem Arbeitsplatz wäre, und man könne sich ja immer noch am Wochenende sehen. Zuhause drehte mein Vater immer mehr durch. Die Prügelattacken wurden heftiger, seine Gründe dafür immer sinnloser. Es reichte, dass ich eine Tür aufmachte oder nur das Haus betrat, damit er ausrastete.

Mein Leben war nicht lebenswert. Ich wachte immer lustloser auf. Ich schwänzte immer öfter die Schule. Ich ließ alles liegen, weil ich nix mehr hinkriegte. Wofür auch. Meine Noten verschlechterten sich, meine Freunde sonderten sich von mir ab, weil ich immer mürrisch drauf war. Und weil sie mir meine Ausreden nicht mehr glaubten. Am Anfang hatte schon noch mal einer was gesagt. Dass er die blauen Flecken, Matschaugen und Blutergüsse langsam nicht mehr dem Fußball zuordnen konnte. Aber ich wusste nicht, wie ich das erklären sollte. Es kam mir zu verrückt vor. Irgendwie hatte ich auch Angst, dass ICH am Ende für verrückt gehalten werde, wenn ich von diesen funkelnden Augen erzählte und den Zähnen, die in Rage die Unterlippe fast zerschnitten. Und wer kann sich vorstellen, dass ein fast erwachsener, großer, eigentlich starker Junge wie ich nicht gegen seinen Vater ankommt?

Ich war alleine. Und ich lud immer mehr Hass auf mich. Den von Freunden, Mitspielern meiner Fußballmannschaft und von meinen Lehrern sowieso. Aber ich tat nichts dagegen. Mir war nichts mehr wichtig, nichts interessierte mich, ich kam mir vor, als würde ich von innen absterben.

So eine Art innere Stimme sagte mir, dass man jemanden wie mich auch echt nur schlagen könnte, weil ich nichts wert bin, nichts kann und mich auch niemand lieben könnte. Diese Stimme schien mir eine Weile lang die einzige zu sein, die mit mir redete. Andere Kontakte hatte ich nicht mehr.

Ich hatte keine Lust mehr aufs Essen. Es gab überhaupt nichts, auf das ich mich noch freute. Nur ein einziger Gedanke sorgte noch für ein Gefühl bei mir: „Ich will sterben.“ Einfach tot sein. Auf die schnellste Art, ohne großes Theater, Abschiedsbrief oder sonst was. Ich hätte eh niemandem was zu sagen gehabt. Als ich diesen Entschluss gefasst hatte, lächelte ich zum ersten Mal wieder.

Ich weiß, es steckt gerade ziemlich viel schwarzer Irrsinn in meiner Erzählung, aber genauso war mein Leben zu diesem Zeitpunkt.

Dieses schwarzsehende, abgemagerte Wesen in meinem Zimmer plante also seinen Tod und war fast schon froh darüber, dass es endlich wieder eine Aufgabe hatte.

Als mein festgelegter Todestag gekommen war, war ich wie auf Drogen. Ich schloss die Tür auf, stellte die Tasche so ab, wie mein Vater es wollte, weil ich wusste, ich würde es sowieso nur noch dieses eine Mal machen. Mein Vater blaffte mich an: „Wo warst Du?“, ich lächelte ihn leer an, er gab mir eine Ohrfeige, ich reagierte belustigt, er schrie und schlug, aber er konnte den Grund für meine Gelassenheit einfach nicht rausbekommen. „Alles nicht mehr mein Problem“, dachte ich mir und ging sehr ruhig in mein Zimmer.

Kurz darauf hörte ich es klingeln. Egal. Ich hörte Stimmen: „Polizei. Wir kommen wegen Lärmbelästigung.“ Ich kriegte es nicht wirklich mit, aber die Beamten kamen ins Haus, sahen wohl die zertrümmerten Möbel, eine auf dem Boden liegende Tür und fragten, ob noch andere Personen im Haus wären. Und was hier vorgefallen sei.

Mein Vater – das war zum ersten und vielleicht auch wichtigsten Mal in meinem Leben überraschend für mich – erzählte in seiner Tränenphase, dass er mich gerade geschlagen hätte.

Ich hörte jemanden die Treppe hochkommen.

Aber ich sah die Polizisten an diesem Tag nicht als meine Helfer oder Retter – ich war einfach nur wütend, weil ich doch einen Plan hatte, den ich verfolgen wollte. Sie müssen mich für total verwirrt gehalten haben.

Ich wurde ins Krankenhaus gefahren, mein Vater in eine geschlossene Klinik verwiesen, wo er aber jetzt schon wieder raus ist. Und ihm geht es gut. Er hat seine Emotionen besser unter Kontrolle, ist ruhig und nachdenklich geworden, arbeitet viel im Garten, ist gern draußen und fährt manchmal mit ein paar Kollegen angeln. Was er mir angetan hat, tut ihm leid.

Meine Mutter hat einen neuen Mann gefunden, und ihr Lachen wirkt heute echt.

Und ich ? Auch ich habe eine 180-Grad-Wendung gemacht. Mir wurde eine Therapie angeboten, um gegen meine Unlust und meine Düsternis anzukommen. Ich hab das Angebot angenommen. In vielen Gesprächen habe ich alles von Anfang bis Ende erzählt. Jetzt gehe ich noch einmal die Woche hin. Nicht, weil ich unbedingt muss, sondern weil ich weiß, dass es nichts Schlimmes ist, fremde Hilfe anzunehmen und dass es mir gut tut.

Ich hab jetzt meine Ausbildung, wohne in einer WG und spiele wieder Fußball. Am Wochenende bin ich fast immer mit meinen Jungs aus der Mannschaft weg. Seit ein paar Monaten habe ich sogar eine wunderschöne Freundin, die meine Geschichte kennt und mich auch mit diesem ganzen Sachen im Hintergrund annimmt. Wir kochen oft zusammen, und ich mag mein Leben heute sehr! Ich hätte nie gedacht, dass es noch mal so sein würde.

Ich habe genaue Vorstellungen von meinen Leben, und ich versuche, meinen Eltern zu verzeihen.

Und ich kann nur allen, die was Ähnliches erlebt haben oder sich in einer schweren Situation sehen, in der sie an Selbstmord denken, sagen: Es gibt einen Weg, da rauszukommen. Aber dafür muss man Hilfe annehmen und drüber reden. Und ich persönlich gebe Euch den Rat: Es gibt nichts Schlimmeres, als still zu bleiben. Also wenn nichts mehr hilft: Werdet laut! Geht in die Öffentlichkeit, wendet Euch ans Jugendamt, an Freunde, Lehrer, Eltern – schreit alles aus Euch raus!!! Jeder von uns ist wichtig und muss gehört werden. Ich kann gegen Lautstärke wirklich nichts Negatives sagen – denn Lärm hat mein Leben gerettet.

Dieses Gesprächsprotokoll hat Tobis enge Freundin, unsere chili- Autorin Kimberley Kirchmann (20 Jahre) aus Kirchweyhe aufgenommen. Aus Rücksicht auf Tobias’ Familienumstände hat die Redaktion entschieden, nur seinen Vornamen zu veröffentlichen.

Rubriklistenbild: © Jan-Christopher Hoffmann, Mediengruppe Kreiszeitung

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