Satan fährt Fahrrad

chili-Autor Philipp.

Verden - Ein kalter Schauer, der einem plötzlich über den Rücken läuft, ein kurzes Flimmern in der Luft, eine Stimme, die sonst niemand hört, und Personen, die aus dem Nichts auftauchen – es gibt viele Geschichten von Leuten, die behaupten, schon mal Geister gesehen zu haben.

Und es gibt Orte, an denen sich Zeugen stapeln, weil angeblich immer wieder Phantome auftauchen. Ein paar dieser Orte sind sogar ganz in unserer Nähe. Die Internetseite www.spukorte.de hat insgesamt sechs Einträge für Niedersachsen. Vier davon sind in Verden. Es ist eine kalte Nacht, doch der Forscherdrang treibt mich nach draußen. Ich will mit eigenen Augen sehen, was so viele beschrieben haben. Was wird geschehen an diesen geheimnisvollen Orten? Werden sich die Tore zur Hölle öffnen, und das Böse steigt herauf, baut sich mit klappernden Knochen vor mir auf und macht „Buh!“? Mein erster Anlaufpunkt sind die Allerwiesen. Hier wurde laut spukorte.de von mehreren Menschen eine bleiche Frau in einem weißen Kleid gesichtet. Sie soll zwar angeblich kein böser Geist sein, trotzdem sind mein Expeditionskollege Torben und ich mit allem bewaffnet, was wir für den Fall einer Begegnung mit einem Dämonen als sinnvoll erachteten. Stundenlang hatten wir vorher recherchiert, wie man Geister besiegen oder wenigstens eine Weile in Schach halten kann. Mit Staubsauger, Rosenkranz und Taschenlampe geht es jetzt also los.

Hier meine Notizen:

23:26 Uhr: Haben das Auto abgestellt und gehen zu Fuß in die Allerwiesen. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Neugier, aber auch ein leichtes Angstgefühl machen sich breit. Torben trägt die Ausrüstung, ich notiere alles, was wir erleben. Es weht ein leichter Wind.

23:28 Uhr: Der erste Schock der Nacht: Ein gehörntes Wesen kommt angebraust – auf einem Fahrrad! Ein paar Sekunden Panik, dann aktiviert sich unser Selbstverteidigungstrieb. Bevor wir uns darauf stürzen können, gibt sich das Wesen als verkleidetes Kind zu erkennen, das gerade von einem Geburtstag nach Hause fährt. Glück gehabt. Wir kämpfen alle drei gegen den Schreck an. „Satan fährt Fahrrad“, scherzt Torben, aber der Schock sitzt tief in den Knochen.

23:32 Uhr: Ich habe in den Augenzeugenberichten gelesen, dass die Frau im weißen Kleid einfach irgendwann plötzlich über die Wiesen wandelt. Wir entscheiden uns also, ein Lager aufzuschlagen und abzuwarten, was passiert.

23:48 Uhr: Noch nichts gesehen. Wir erzählen uns Geschichten, um nicht von der Zeit wahnsinnig gemacht zu werden. Die Dunkelheit und die Stille um uns rum wecken uralte Ängste, die der Mensch in der Zivilisation nicht mehr braucht und Jahrhunderte lang versucht hat zu vergessen. Auch wenn ich es nicht wage, es vor Torben auszusprechen: Ich hoffe inständig, dass diese Nacht bald vorbei ist – und ich sie überlebe.

23:58 Uhr: Kurz vor Mitternacht. Geisterstunde... Huh...

23:59 Uhr: Die Sekunden kommen mir vor wie Stunden. Angespannt sitzen wir in unserem Versteck und warten.

00:00 Uhr: Ich traue mich nicht, etwas zu schreiben. Ich überlege fieberhaft, was man sagen kann, wenn man einem Geist begegnet. Ich komme mir lächerlich vor, wie ich da sitze und den Staubsaugergriff umklammere.

01:03 Uhr: Die Anspannung lässt langsam nach.

01:16 Uhr: Eben kam schon wieder das Kind mit den Hörnern vorbei. Ein kleines Mädchen. Sie scheint das alles für ein Spiel zu halten. Na, die wird sich wundern, wenn die weiße Frau ihr begegnet und sie in die Allerwiesen zerrt!

01:23 Uhr: Was macht eigentlich ein kleines Mädchen um diese Uhrzeit hier draußen? Und wieso spielen Zehnjährige auf einem Kindergeburtstag nicht ganz normal Playstation oder Wii, sondern setzen sich bescheuerte Mützen mit Hörnern auf?! Die Eltern sollte man echt verklagen! Die Sache mit der Aufsichtspflicht haben sie jedenfalls schon mal gründlich vergeigt.

01:35 Uhr: Ein Geräusch hinter uns. Ich greife zum Rosenkranz, um ihn notfalls wie einen Ninjastern dem Angreifer ins Gesicht zu werfen.

01:38 Uhr: Das Geräusch war ein Rascheln, und der „Angreifer“ ein Reh. Es hat uns groß und ungläubig angeguckt und ist dann verschwunden. Aufatmen.

01:45 Uhr: Immer noch keine Anzeichen von einem Geist. Sollten sich alle Erzählungen als Humbug erweisen? Ausgedacht von irgendwelchen irren Spinnern? Oder von Menschen, die so langweilig sind, dass sie Geschichten erzählen müssen, um sich interessanter zu machen? Oder ist die Frau einfach nur eine Anwohnerin, die im Nachthemd schlafwandelt? Es fängt an zu regnen, ich bin genervt und will gehen. Aber Moment – Torben hat was gesehen!

01:47 Uhr: Ein weißer Schemen in der Ferne, der sich unnatürlich bewegt. Der Körper ist klein, bewegt sich unkontrolliert auf und ab – das ist kein Mensch! Eine zitterige, geisterhafte Erscheinung... Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Ich umklammere den Rosenkranz in meiner Tasche.

01:53 Uhr: Es bewegt sich weiter. Manchmal knapp über dem Boden, dann wieder hoch in der Luft.

02:04 Uhr: Es kommt auf uns zu! Der Wind bläst uns kalt ins Gesicht. Ich habe Angst.

02:06 Uhr: Sollte ich diese Nacht nicht überleben – behaltet mich bitte in Erinnerung als todesmutigen Helden! Falls irgendjemand meine Notizen findet – Hilfe!!!

02:11 Uhr: Eine Plastiktüte... Das ist mir jetzt etwas peinlich. Und ich bin enttäuscht. Die erste Sichtung, und dann sowas. Geister sind doch scheiße.

02:36 Uhr: Wir verlegen unseren Standort. Wir haben die Schnauze voll von den Allerwiesen und retten uns durchgeregnet und fast erfroren in ein Fast-Food-Lokal. Hier ist es warm, und es gibt Kaffee. An der Kasse vor uns schon wieder das Mädchen mit den Hörnern. Oder ist es ein anderes? Es trägt nun einen Umhang... Wir müssen dringend an die Heizung!

02:48 Uhr: Müde und vielleicht erkältet trinken wir unseren Kaffee. Spukorte! Was für eine dumme-Jungen-Idee. Wer glaubt schon an Geister? Wir haben keinen Bock mehr. Sollen doch andere Idioten auf das Geisterschiff in Tholenswehr und den Mann mit den blutroten Augen in Emden warten! Die Macher dieser Seite wollen einen doch nur verarschen.

Wir klappern noch schnell die nahegelegenen Orte ab. Zappenduster ist es in der alten Villa, in der auf spukorte.de Augenzeugen „seltsame Lichter, Gestalten in Fenstern und Satanskult“ gesehen haben wollen. Auch um die ehemalige Ziegelei in Groß Hutbergen herum, in der gleich „mehrere Geister spuken“ sollen, herrscht provinzielle Ruhe. Rein gehen wir nicht. Eine drohende Anzeige wegen Hausfriedensbruchs hält unseren Forschergeist auf. Vielleicht der einzige Geist heute Nacht. Im Morgengrauen treten wir den Rückzug an und kommen auf dem Nachhauseweg am letzten Spukort vorbei. An der B215 zwischen Stedebergen und Dörverden warten wir wieder mal auf eine weiße Frau. Es hat aufgehört zu regnen, wir stellen das Auto ab und gehen die Straße entlang.

Plötzlich! Vor uns! Ein Licht! Geistesgegenwärtig mache ich ein Foto. Der Schein wird immer heller. Er kommt auf uns zu. Es ist...es ist... ...Es war ein Auto. Nächstes Mal bleiben wir zu Hause und gucken Horrorfilme, wenn wir uns gruseln wollen. Vielleicht finden wir ja sogar einen, in dem ein radfahrendes Kind mit Hörnern vorkommt.

Von Philipp Schockenhoff (20 Jahre) aus Wietzen

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