Alles außer angepasst

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„Ich bin nicht der Songwriter, der im Hemd auf dem Barhocker mit der Akustik-Gitarre performt“, – Ben Ivory weiß genau, was er will und was nicht. Das beweist er im Interview.

Von Nico Stubbe (18) aus Bassum. Seinen wahren Nachnamen kann Ben Ivory spätestens seit seiner Teilnahme am deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2013 nicht mal mehr mir anvertrauen. Aber sonst ist der Berliner sehr gesprächig und verrät mir auch, wie der private Ben so ist. Ein Interview:

Ben, war der siebte Platz beim ESC-Vorentscheid eine Niederlage für Dich?

„Nein. Man muss bedenken, dass ich noch ganz am Anfang meiner Karriere stehe. Für mein Musikprojekt Ben Ivory war es erst das zweite Konzert. Dass wir beim ESC-Vorentscheid gespielt haben, war ein Experiment, weil unsere Musikrichtung da nicht Gang und Gebe ist. Der Ansatz war, eine neue musikalische Facette in den Wettbewerb einzubringen, weil ich gerade in den letzten Jahren, aktuelle Musik dort sehr vermisst habe. Deshalb empfinde ich den siebten Platz wirklich nicht als Niederlage.“

Kann man die „Schuld“ für den siebten Rang denn nur bei der starken Konkurrenz suchen? Auch ich war von Deiner Live-Performance etwas enttäuscht...

„Meiner Meinung nach hatten die ,Blitzkids mvt.‘ an dem Abend die beste Performance. Nicht umsonst haben sie von der Jury zwölf Punkte bekommen. Dass ich ,nur‘ sieben Punkte gekriegt habe, fand ich auch gerechtfertigt, da wir auf der Bühne massive technische Probleme hatten. Dazu kam die Aufregung. Es war alles auf einmal so groß und so anders.“

Du stichst gerne aus einer breiten Masse heraus. Wäre der Contest nicht eine zu kommerzielle Veranstaltung für Dich gewesen?

„Ich wurde vorab von meinem Label gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, da mitzumachen, und ich habe nicht ohne Grund im Vorfeld dreimal ,Nein‘ gesagt. Ich habe erstens befürchtet, dass wir uns damit übernehmen würden. Und dachte zweitens, dass es, wie Du schon sagtest, aus dem Rahmen fällt. Klar ist so eine Bühne die Möglichkeit, sich innerhalb von kurzer Zeit einem großen Publikum zu präsentieren. Und ich hab’ mir überlegt, dass das die Chance ist, mit einer ganz anderen musikalischen Richtung daherzukommen. Es ging mir darum, diese altbackenen Grenzen aufzusprengen.“

Du postest auf Facebook ausschließlich auf Englisch, Du hast für einen internationalen Musikwettbewerb kandidiert. Willst Du raus aus Deutschland?

„Bei Facebook liegt das daran, dass mein Team zu 50 Prozent aus Schweden und zu 50 Prozent aus Engländern und Amerikanern besteht. Die sprechen zum größten Teil kein Deutsch. Des Weiteren gibt es viele Fans in Frankreich und England, wo ich mit meiner vorherigen Band ,SplinterX‘ Musik gemacht habe. Ich will zeigen, dass Deutschland auch internationales Entertaiment bieten und nicht nur Autos bauen kann. Ich will nicht nur national wahrgenommen werden, sondern versuchen, den großen Aufschlag zu wagen, die große Pose, die große Geste. Ich bin nicht der Songwriter, der im Hemd auf dem Barhocker mit der Akustik-Gitarre performt. Von der Sorte haben wir in Deutschland genug.“

Wen möchtest Du mit Deiner Musik ansprechen?

„Die Motivation ist, jeden zu erreichen. Deshalb habe ich mich für Pop entschieden, nachdem ich mehrere Jahre Rock gemacht habe. Ich glaube, dass sich sowohl Menschen, die in den 80ern groß geworden sind, von meiner Musik angesprochen fühlen, als auch junge Leute, die eher den elektronischen Background haben.“

Du sagtest mal, die 80er wären für Dich mehr als Inspiration. Sie wären Dein „zuhause“. War früher denn alles besser?

„Das war in erster Linie auf die Musik bezogen. Ich bin '82 geboren und habe damals noch nicht in Clubs abgehangen oder Kokain zu mir genommen...“

Da also noch nicht...?

„(lacht) Nein. Die 80er stehen für meine erste Berührung mit der Musik. Ich denke, dass wir Deutschen musikalisch leider ein bisschen unsere Wurzeln vergessen. Wir haben eine wirklich starke Vergangenheit, gerade in der elektronischen Musik. Bestes Beispiel: Kraftwerk – eine internationale und wirklich grandiose Band. Wir sind wirklich gut in dieser 80er-Elektronik-Sache. Genau wie im Leben ist doch alles ein einziges Revival. Alles wiederholt sich. Ich will zeigen, dass man heute noch gute elektronische Musik machen kann.“

Du setzt Dich nicht zuletzt in Deinem Song „The Righteous Ones“ für Minderheiten ein. Fühlst Du Dich selbst einer Minderheit zugehörig?

„Schwierig. Ich empfinde mich schon als klassischer Nerd. Ich bin sicherlich nicht der ,perfekte Mann‘ wie er im Buche steht. Von daher war es mir ein Bedürfnis, Menschen anzusprechen, denen es ähnlich geht. Sei es nun politische Motivation, eine andere Religion oder eine andere sexuelle Orientierung. In der Produktion haben wir aber festgestellt, dass der Song eigentlich für jeden Menschen Sinn macht. Ich glaube, jeder ist in seinem Leben mal isoliert. Mit dem Song wollte ich sagen: ,Seht Euch nicht als Opfer, nur weil Ihr Euch ausgegrenzt fühlt. Nutzt Eure Individualität.‘ Individualität ist eine Stärke. Ich glaube, Individualismus bringt die Welt dazu, sich schneller zu drehen.“

Ist man denn ein schlechterer Mensch, wenn man sich anpasst?

„Man hat im besten Fall 60 bis 70 Jahre auf der Erde, und ich finde, man sollte versuchen, aus der Zeit das allerbeste zu machen. Wir sind alle mit individuellen Talenten und Möglichkeiten ausgestattet worden, und es ist doch toll von dieser Vielfalt zu profitieren, sich selbst zu verwirklichen und sich treu zu sein. Sich anzupassen, ist legitim. Aber die Vorstellung, dass ich am Ende sagen muss: ,Mein Leben habe ich nicht so ausgeführt, wie ich es wollte oder wie ich es gekonnt hätte‘, macht mir Angst. Anpassen wäre für mich daher keine Option. Vielleicht liegt das daran, dass ich aus der ehemaligen DDR komme. Ich war da zwar noch klein, aber Uniformität ist ein sehr gruseliger Gedanke für mich.“

Gibt es neben „Ben Ivory“, als der Du öffentlich auftrittst auch einen privaten, ganz anderen Ben?

„Nee, da ist ganz viel Privates von mir drin. Ich würde sagen, ich bin kein Mensch, der in schwarz oder weiß, in plus oder minus, in gut oder böse denkt. Ben Ivory ist wie die graue Schnittmenge dazwischen. Ich habe die Möglichkeit, sowohl meine schüchterne und introvertierte, als auch meine öffentliche und wildere Seite ausleben zu können. Ben Ivory hat, glaube ich, was Schizophrenes, da ich mich einfach mit so vielen Dingen beschäftige. Ich versuche alles von mir in diesem Projekt auszuleben.“

„The Righteous Ones“ war für den „Echo“ in der Kategorie „Bestes Video National“ nominiert ...

„ ... Stimmt! Wir hatten aber Konkurrenten wie Bushido oder Die Toten Hosen. Ich weiß, dass wir es nicht geschafft haben. Ich habe erfahren, dass Heino im Nachhinein nominiert wurde, obwohl er nicht in den Veröffentlichungszeitraum fällt, den man einhalten muss. Eine andere Band ist dafür rausgeschmissen worden. Das ist sehr schade. Ich finde es unfair, wenn jemand wie Heino im Nachhinein nominiert und eine Newcomer-Band dafür rausgeschmissen wird. Nach der Geschichte frage ich mich wirklich – und jetzt muss ich vorsichtig sein – ob es in Deutschland überhaupt relevante Preise gibt. Ohne Heino derartiges zu unterstellen: Hier hat, glaube ich, viel mit Geld und Kontakten zu tun.“

Willst du mit Ben Ivory alt werden oder kommt noch was ganz anderes aus Deiner Ecke?

„Ich möchte auf jeden Fall damit alt werden. Musik war schon immer der Antrieb in meinem Leben und so wird das bleiben.“

Zur Info:

Ben Ivorys Single "Halbmond" erscheint am 29.03. und sein Album "Heute ist für immer" gibt's am 19.04.

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