Ein Schatten, der nicht mein eigener ist

+
Dieses Bild hat unser chili-Zeichner Jan-Christopher Hoffmann aus Nienburg für uns gezeichnet

Er verfolgt Dich. Er will ganz nah an Dich ran. Weil er Dich so liebt. Einige unserer chili-Autoren haben selbst schon erlebt, wie es ist, wenn sich ein (eigentlich positives) Gefühl wie Interesse an einer Person mit einem krankhaften Keim infiziert. Liebende werden zu Verfolgern. Und aus ihrem Interesse wird Stalking.

Meine Familie verfolgt mich

Normalerweise soll eine Familie ja dafür da sein, einem Sicherheit, Liebe und Geborgenheit zu geben. Das ist hoffentlich bei den meisten von Euch so. Bei mir leider nicht! Ich habe als Kind immer gedacht, es wäre gut und ein Zeichen davon, wie wichtig man seinen Eltern und Geschwistern ist, wenn sie streng sind und auf einen aufpassen. Aber in meinem Leben überschritt das Aufpassen eine Grenze, als ich älter wurde.

Meine Familie wurde zu einem bösen Albtraum, der mich jeden Tag verfolgt und nachts nicht mehr schlafen lässt. Bevor sich einige ältere Leute jetzt aufregen – nein, das hier ist keine von diesen „Ich bin ein Teenager, ich fühle mich von der Welt so unverstanden und alle anderen sind schuld!“-Story.

Ich muss dazu sagen, dass ich aus einer anderen Kultur komme. Das alles zu erklären, wäre jetzt zu schwierig. Ich mache es also kurz: Als ich aufhörte, ein kleines Kind zu sein, ging es los. Mein Vater und meine älteren Geschwister wollten nicht, dass ich so werde wie die anderen in meiner Klasse, die deutsche Eltern haben, sich freizügig kleiden und bewegen und alles dürfen. Sie haben dafür zu brutalen Mitteln gegriffen. Ich wurde eingesperrt und zu jeder Zeit kontrolliert – sogar in den fünf-Minuten-Pausen in der Schule. Ich durfte das Haus nicht mehr verlassen, und wenn ich Widerworte gab oder mir mal was wünschte, was nicht mit unserem Leben, sondern mit dem von anderen in meinem Alter zu tun hatte, kriegte ich Schläge.

Alle kriegten das mit, aber keine Nachbarn und keine Lehrer konnten mir wirklich helfen. Erst eine Ärztin, zu der ich ging und die wusste, was bei uns los war. Sie half mir, als ich mit einem viel älteren Mann aus dem Heimatort meines Großvaters verheiratet werden sollte. Sie überredete mich, abzuhauen. Bei ihr in der Praxis durfte ich mit dem Jugendamt telefonieren und wir regelten alles zusammen. Dabei hat sie selbst einiges riskiert, ich bin ihr mein Leben lang dankbar dafür!

In einer Nacht schaffte ich es durch viel Glück, aus unserer Wohnung abzuhauen. Ich lief zur Polizei, es war alles abgesprochen. Von dort aus durfte ich meine Helfer anrufen, und dann ging mein Transport los in ein neues Leben. Ich wurde in ein Haus für Frauen und Mädchen gebracht, fast 400 Kilometer weit weg, und tauchte unter.

Um 5.30 Uhr ging morgens schon der Telefonterror los. Ich schaltete aus und schmiss mein Handy weg. Ich weiß, dass meine Familie alle Menschen stalkt, von denen sie auch nur glaubt, dass sie mit mir in Verbindung stehen oder standen. Ich weiß, dass sie mich verfolgen und überall suchen.

Ich wohne jetzt in einer betreuten Wohngruppe, mache dieses Jahr meinen Schulabschluss und fühle mich relativ sicher. Ich sehe nicht mehr aus wie früher. Und auch wenn es mir manchmal sehr schwerfällt (zum Beispiel am Geburtstag meiner Mutter) – ich weiß, dass ich meine Familie nie wiedersehen werde. Und nie wiedersehen darf, wenn ich leben will.

„Jazzi“ (18 Jahre)

aus Diepholz

Schon wieder SMS von ihr...

Ich hatte mir nix dabei gedacht, als ich letztens eine Bekannte von meiner alten Schule wiedertraf. Wir sprachen kurz darüber, wie es bei uns jetzt so läuft und was es Neues gibt. Es war zu keiner Zeit auch nur annährend sowas wie ein Flirt. Wir haben uns nur ganz normal unterhalten und uns dann auch schnell wieder verabschiedet. Mir kam zu diesem Zeitpunkt nicht in den Sinn, dass dieses harmlose Wiedersehen Folgen haben könnte – ein Fehler, wie sich rausstellen sollte.

Anfangs schrieb sie mir nur hin und wieder eine SMS. Darin stand dann immer öfter (und irgendwann nur noch), dass wir uns doch mal wieder treffen sollten. Bis ich mich dann wirklich breitschlagen ließ und mich auf ihren Wunsch hin einfach mal mit ihr traf. Wir waren in Bremen und tranken was. Ich machte deutlich, dass ich nix von ihr will. Damit war es aber leider nicht getan.

Ihre SMS und Mails wurden immer nerviger und aufdringlicher, bis ich sie irgendwann einfach nur noch ignorierte. Das schien dann auch irgendwann zu wirken, denn seit kurzem lässt sie mich in Ruhe.

Es war mit Sicherheit kein Stalking schlimmsten Grades. Trotzdem war es oft sehr nervenaufreibend für mich – besonders, wenn sie mir schrieb, sie habe mich gerade gesehen, und dann einen Ort nannte, an dem ich wirklich vor ein paar Sekunden noch war. Ich drehte mich zu allen Seiten um, konnte sie aber nirgendwo entdecken.

Leif-Eric Niemann

(18 Jahre) aus Nordwohlde

Auf Facebook sind wir doch alle Stalker!

In jedem von uns steckt ein Stalker. Man wird in der heutigen Zeit doch fast dazu gezwungen. Jeder, der bei SchülerVZ oder Facebook angemeldet ist, stalkt regelmäßig irgendwen, den heimlichen Schwarm oder seinen Partner. Man loggt sich ein, und schon auf der Startseite der meisten Leute wird man fast erschlagen von Fotos, Statusmeldungen, Neuigkeiten und Informationen.

Und es gibt immer neue Funktionen, die das Netz, mit dem man nach jemandem sucht, noch enger zuziehen: Man kann angeben, wo man gerade ist und mit wem. Was man im Moment macht und wie man sich fühlt. Man kann sehen, welche Musik jemand im Augenblick hört, welche Filme er mag, welche Interessen er hat und mit wem er sich in den letzten Wochen so alles angefreundet hat. Dazu kommen die vielen Fotos, die man selbst ins Netz stellt oder auf denen man von anderen namentlich markiert wurde.

Ist doch klar, dass sowas dafür sorgt, dass man viel mehr über einen Menschen erfährt, als man eigentlich vorhatte, rauszufinden. Und wenn ich von jemandem ohne Anstrengungen Fotos angucken, seinen Beziehungsstatus und alle möglichen persönlichen Details erfahren kann – da muss man doch einfach hingucken.

Wer nutzt Facebook denn wirklich, ganz ohne sich mal die Pinnwand anderer Leute anzugucken? Da kann man so leicht mal eben rausfinden, was eine Person gerade treibt – das macht Stalking nicht nur verlockend, sondern irgendwie auch normal und legal.

Es ist einfach geworden, sich Informationen zu beschaffen. Zu einfach. Aber wenn man gerade derjenige ist, der sucht – wieso sollte man dieses Mittel dann nicht nutzen?

Ich klick mich jedenfalls oft durch Profile und Pinnwände. Häufig nur so aus Interesse. Und weil es so einfach ist. Ein bisschen Stalker sind wir halt alle.

Laurina Richter

(18 Jahre) aus Achim

Klare Grenze

„Nur zwei Stunden im Funkloch gewesen – und schon vier verpasste Anrufe und sieben neue Nachrichten. Ist was passiert?“ Ich kenne niemanden, der das noch nicht erlebt hat. In Zeiten der ständigen Erreichbarkeit können sich die meisten nicht vorstellen, dass der andere gerade keine Zeit für eine SMS hat oder einfach Ruhe haben will. Auch mir fällt das schwer. Wieso schreibst Du nicht zurück? Was ist los? AAH! Man bombadiert sein Gegenüber mit SMS oder Anrufen und merkt nicht mehr, wie sehr man den anderen bedrängt. Da hilft nur eine klar gesetzte Grenze: „Lass das!“. So sehr das wehtut, es ist notwendig, um in die Realität zurückzufinden und nicht noch weiter im Neugier-Aufmerksamkeits-Sog zu versinken.

Lea Remmers

(20 Jahre) aus Bassum

Anzeigen

„Du wirst noch Merken, was Du davon hast!“ Ich hatte diese Worte von meinem Ex-Freund nicht sehr ernst genommen, als ich mich von ihm trennte. Aber schon am nächsten Tag begann der Terror: Er lauerte mir auf, lief mir hinterher und drohte mir. Nach zwei Wochen war ich mit den Nerven am Ende. Reden hatte keinen Sinn. Ich hatte nur noch Panik. Das Einzige, was am Ende geholfen hat, war: ihn anzuzeigen und nirgendwo mehr alleine hinzugehen.

Nicci Bräulich

(18 Jahre) aus Diepholz

Nicht mehr„nett“, nur noch nervig

„Lieber Johannes, in letzter Zeit hab ich gemerkt, dass ich mich in Dich verliebt habe...“ Geschockt lege ich den Zettel beiseite. Ich brauche gar nicht weiterzulesen. Dieser Brief kommt von Lisa. Von Lisa mit der nervigen hohen Stimme und den vielen Sommersprossen. Von der „Wann-gehst-Du-endlich -mit-mir-aus-Johannes?“-Lisa.

„Was steht drin?“, wollen meine Kumpels wissen. „Lies schon vor!“ Ich spiele die Sache runter. Leider klappt das nur bis zur großen Pause. Da stehe ich mit meinen Jungs draußen, als Lisa zu uns rüberkommt, direkt auf mich zu. „Und? Was ist jetzt? Du hast meinen Brief doch gelesen?!“ Die anderen hören sofort mit ihren Gesprächen auf. Ich kriege einen roten Kopf, alle glotzen mich an, na toll... „Lisa... Warum...“, stammel ich, „musst Du das jetzt unbedingt vor versammelter Mannschaft machen?“ Sie grinst. „Weil Du so nicht weglaufen kannst. Also? Ich warte!“ Super, und jetzt?

Schon seit einer halben Ewigkeit lasse ich Lisa abblitzen. Sie ruft ständig bei mir an, steht vor meiner Tür, bombardiert mich bei Facebook und Whatsapp, schreibt SMS – und seit Neuestem sogar Liebesbriefe, die sie mir in der Schule überreicht!

Ich kann nicht gut Abfuhren erteilen. Irgendwie tut mir Lisa ja auch leid. Trotzdem hab ich schon oft versucht, ihr das Problem klar zu machen. Aber anscheinend war ich nicht deutlich genug. Nicht mal damit, dass ich ihr sagte, dass ich nicht mit ihr ausgehen würde und sie einfach vor unserer Haustür stehen ließ. Ich hab sogar das Licht draußen ausgeschaltet, nachdem sie zum zehnten Mal klingelte. Spätestens die 20 unbeantworteten SMS, die sie mir gesendet hatte, hätten sie doch wachrütteln müssen. Tja – dann musste ich jetzt wohl noch deutlicher werden...

Auf dem Pausenhof befinden sich 15 Zeugen des folgenden Satzes: „Lisa, ich finde Dich weder hübsch noch interessant – und auch aus dem ,Nett’ ist mittlerweile ein ,Nervig’ geworden.“ Jetzt fühle ich mich besser. „Glaub bloß nicht, dass der Brief ernst gemeint war!“, blafft Lisa mich an. Obwohl sie noch einen hasserfüllten Blick in meine Richtung schleudert, fällt mir ein Stein vom Herzen. Beruhigt gehe ich am Abend nach Hause, endlich hat sie’s geschnallt! Da klingelt das Telefon. „Hey Du, ich versteh ja, dass Dir unsere Liebe vor Deinen Kumpels peinlich ist. Kann ich vorbeikommen?“ Moment... Welche Liebe? Und NEIN, sie darf verdammt noch mal nicht vorbeikommen!!

Einen Monat später kommt Lisa nicht in die Schule. Ich erfahre, dass sie umgezogen ist. Bestimmt nicht freiwillig. Was für ein Glück!

Ich glaube, das war meine Rettung. Nach so einer Erfahrung hat man echt keinen Bock mehr auf Mädchen. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich wohl auf Dauer frauengeschädigt gewesen.

Johannes Lau

(19 Jahre) aus Bremen

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

US-Senat unterstützt Proteste in Hongkong - China schäumt

US-Senat unterstützt Proteste in Hongkong - China schäumt

"Hawala-Banking": Dutzende Tatverdächtige im Visier

"Hawala-Banking": Dutzende Tatverdächtige im Visier

Meistgelesene Artikel

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

Nie mehr aktuelle Nachrichten verpassen mit Push-Nachrichten von kreiszeitung.de

Nie mehr aktuelle Nachrichten verpassen mit Push-Nachrichten von kreiszeitung.de

„Morgen sind wir frei“ im Kino: Die iranische Revolution frisst ihre Jünger

„Morgen sind wir frei“ im Kino: Die iranische Revolution frisst ihre Jünger

„A Dog Called Money“ mit PJ Harvey: Reise an Orte, an die das Leben zurückkehrt

„A Dog Called Money“ mit PJ Harvey: Reise an Orte, an die das Leben zurückkehrt

Kommentare